Bedrohte Industrie Stahlarbeiter protestieren gegen Billigkonkurrenz

Deutschlands Stahlindustrie ächzt unter dem Druck von Konkurrenz und Überkapazitäten. Bis zu 45.000 Arbeiter gingen gegen den Verlust ihrer Arbeitsplätze auf die Straße - mit politischer Unterstützung.

Stahlarbeiter in Berlin
DPA

Stahlarbeiter in Berlin


Die Beschäftigten der kriselnden Stahlindustrie sind gegen Billigimporte aus China und die Klimaschutzauflagen der EU auf die Straße gegangen. Nach Angaben der IG Metall kamen zu den bundesweiten Kundgebungen unter dem Motto "Stahl ist Zukunft" mehr als 45.000 Teilnehmer.

"Wir wollen einen fairen Wettbewerb und keinen Unterbietungswettkampf", sagte IG Metall-Chef Jörg Hofmann bei einer Versammlung vor der Zentrale von ThyssenKrupp Chart zeigen Steel Europe in Duisburg mit Blick auf die Billigkonkurrenz aus China.

"2016 ist ein Schicksalsjahr für die Stahlproduktion", sagte Hofmann. Die Bundesregierung und die EU-Kommission müssten die Weichen richtig stellen, damit keine Hochöfen stillgelegt werden müssten. Neben China fürchten die Stahlkocher auch zusätzlichen Druck durch schärfere Klimaschutzauflagen der EU.

Die Großkonzerne der Branche, ThyssenKrupp, Salzgitter Chart zeigen und Weltmarktführer ArcelorMittal Chart zeigen, sind wegen des Preisdrucks und der Überkapazitäten seit Jahren in der Krise. Laut Hofmann droht deshalb der Verlust von Millionen Arbeitsplätzen in Europa: "Auf jeden Arbeitsplatz in der Stahlindustrie kommen sechseinhalb, die davon abhängen."

Aktionen gab es außer in Duisburg auch vor dem Kanzleramt in Berlin sowie an Stahlstandorten in Thüringen und dem Saarland geplant. Die Branche beschäftigt in Deutschland knapp 90.000 Mitarbeiter und ist ein wichtiger Zulieferer für die Automobil- und die Bauindustrie sowie für den Maschinenbau.

"Klare Sprache - das verstehen auch die Chinesen"

Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) stärkte den Stahlarbeitern den Rücken: "Fairness im Wettbewerb ist keine Einbahnstraße", sagte Gabriel. Es müssten für alle Hersteller die gleichen Rahmenbedingungen herrschen. Dies müsse auch den Chinesen gesagt werden. "Klare Sprache - das verstehen auch die Chinesen."

Gabriel hatte sich hinter die Forderung der Stahlbrache nach Anti-Dumping-Maßnahmen gegen chinesische Billigimporte gestellt. Die EU hatte Maßnahmen eingeleitet, die die europäische Stahllobby aber als unzureichend kritisiert hat.

Auch Bemühungen um den Klimaschutz dürften nicht zu Lasten der Arbeitsplätze in der Industrie gehen, forderte Gabriel zudem. "Ich werde keiner Abstimmung meine Zustimmung geben in den europäischen Räten, die das nicht einhält und die die Sicherheit der Arbeitsplätze in der Stahl- und in der Rohstoffindustrie in Europa nicht genauso wertschätzt wie den Klimaschutz."

Gabriel regte grenzüberschreitende Zusammenschlüsse in der Stahlbranche an, um die Branche zu konsolidieren. Es wäre gut, sagte Gabriel, wenn Unternehmen und Gewerkschaften darüber berieten, wie Arbeitsplätze in Deutschland erhalten werden könnten. "Konsolidierung allerdings, wenn die nötig ist, die darf nicht nur in Deutschland stattfinden."

Laut einem Insider führen ThyssenKrupp und indischen Konzern Tata Steel seit geraumer Zeit Gespräche über die Zukunft ihres europäischen Stahlgeschäfts. Seit Jahren wird eine Konsolidierung der Branche um Weltmarktführer Arcelor Mittal erwartet. Auch ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger hatte sich grundsätzlich dazu bereit erklärt.

ade/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.