Fall Standard Chartered Skandalwochen für Britanniens Banken

Die britische Bank Standard Chartered soll Sanktionen gegen Iran unterlaufen haben, nun droht der Entzug der Lizenz in den USA. Zuvor waren amerikanische Behörden in einer anderen Sache gegen Barclays und HSBC vorgegangen. Hinter den Attacken auf Londoner Geldkonzerne steckt Kalkül.
Reklame von Standard Chartered: Schmutzige Geschäfte mit dem Iran

Reklame von Standard Chartered: Schmutzige Geschäfte mit dem Iran

Foto: PHILIPPE LOPEZ/ AFP

Keine Bank ist sicher. Diese Erkenntnis dürfte sich in globalen Finanzkreisen allmählich durchsetzen. Am Montag erwischte es Standard Chartered (kurz StanChart), die einzige der fünf britischen Großbanken, die bisher von Skandalen verschont geblieben war.

StanChart wird vorgeworfen, in den vergangenen zehn Jahren Transaktionen mit Iran in Höhe von 250 Milliarden Dollar verschleiert zu haben. Insgesamt 60.000 geheime Geldgeschäfte sollen gegen US-Sanktionen verstoßen haben, darunter Aufträge der iranischen Zentralbank und der Geldhäuser Saderat und Melli. So steht es in einem 27-seitigen Bericht des Department of Financial Services (DFS), einer neuen Finanzaufsichtsbehörde des US-Bundesstaats New York.

Die Bank habe das US-Finanzsystem für Terroristen, Waffenhändler, Drogenbarone und korrupte Regime verwundbar gemacht, sagte DFS-Chef Benjamin Lawsky. Er drohte mit Entzug der US-Banklizenz.

Der Aktienkurs von StanChart stürzte prompt ab: 15 Prozent im Handel in Hongkong, 23 Prozent in London. Ein Verlust der US-Banklizenz würde das Institut teuer zu stehen kommen. Es wickelt in New York jeden Tag Geschäfte in Höhe von 190 Milliarden Dollar ab.

Selbst wenn es nicht so weit kommt - eine saftige Geldstrafe ist der Bank wohl sicher.

Damit ist der Skandalsommer der Londoner City perfekt. Erst vor drei Wochen war die britische HSBC von einem US-Senatsausschuss der Geldwäsche bezichtigt worden. Und Barclays hatte in einem Vergleich 453 Millionen Dollar an das US-Justizministerium gezahlt, um den Vorwurf der Libor-Zinsmanipulation aus der Welt zu schaffen. Auch Lloyds und Royal Bank of Scotland hatten in den vergangenen Jahren bereits dreistellige Millionenstrafen an die US-Regierung zahlen müssen.

Es sind jedoch nicht nur britische Banken, die seit 2009 ins Visier der US-Ermittler geraten. Credit Suisse musste vor drei Jahren 536 Millionen Dollar Strafe zahlen , die niederländische ING vor einigen Monaten die Rekordsumme von 619 Millionen Dollar aufbringen. Der Vorwurf lautet stets: Umgehung der US-Finanzsanktionen gegen Staaten wie Iran, Kuba, Libyen und Syrien.

Vorwurf der politischen Effekthascherei

Bei der Untersuchung von Standard Chartered förderte das DFS einen aufschlussreichen E-Mail-Wechsel zutage . Der Chef des Amerikageschäfts warnte die Zentrale im Oktober 2006, dass die Iran-Geschäfte einen "katastrophalen Imageschaden" und strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnten. Darauf erreichte ihn eine gepfefferte Antwort aus London. "Ihr verdammten Amerikaner. Wer seid ihr, dass ihr uns, dem Rest der Welt, verbieten wollt, mit den Iranern zu handeln", schrieb der Chef des Risikomanagements.

Dieser Austausch zeige, dass die Bank bewusst US-Gesetze missachtet habe, sagte DFS-Chef Lawsky.

Lawsky muss sich jedoch auch den Vorwurf der politischen Effekthascherei gefallen lassen. In New York konkurrieren inzwischen mehrere Behörden darum, illegale Machenschaften von Banken aufzudecken. Die Ämter des New Yorker Generalstaatsanwalts und des Bezirksstaatsanwalts von Manhattan werden seit jeher als politische Sprungbretter genutzt. Je mehr Schlagzeilen der Amtsinhaber macht, desto sicherer sein politischer Aufstieg. Der Kampf gegen die Großbanken der Wall Street hat sich schon für einige Staatsanwälte ausgezahlt.

Lawsky, der im Oktober 2011 den Posten bei der neugegründeten Behörde DFS antrat, ist ein politischer Ziehsohn des New Yorker Gouverneurs Andrew Cuomo. Er weiß, wie das Geschäft läuft. Bei seinen Vorwürfen gegen Standard Chartered fällt auf, dass er die gleichen drastischen Worte wählt ("Terroristen", "Waffenhändler", "Drogenbarone") wie der US-Senatsausschuss im Fall HSBC.

StanChart wies die Vorwürfe zurück. Man arbeite seit längerem mit den US-Behörden in dieser Frage zusammen und sei überrascht über den Bericht, teilte das Institut mit. 99,9 Prozent der beanstandeten Iran-Transaktionen seien im Rahmen des Gesetzes erfolgt, nur Geschäfte in Höhe von 14 Millionen Dollar verstießen gegen US-Sanktionen.

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, wer recht hat. Und noch etwas ist sicher: Es werden nicht die letzten Enthüllungen sein. Die US-Behörden ermitteln wegen Libor-Manipulationen, Geldwäsche und sonstigen illegalen Machenschaften gegen Dutzende Banken, darunter auch deutsche.