Helpling, Uber und Co. Das Geschäft mit der Tagelöhnerei

Start-ups wie Uber oder die Putzfirma Helpling bauen auf ein Heer angeblich freier Mitarbeiter. Das spart Geld, bringt ihnen aber Kritik ein. Nun schlagen erste Unternehmen einen anderen Kurs ein.
Putzkraft wischt Flur: Betreiben Putz-Plattformen "moderne Tagelöhnerei"?

Putzkraft wischt Flur: Betreiben Putz-Plattformen "moderne Tagelöhnerei"?

Foto: Jens Büttner/ picture alliance / dpa

Eigentlich ist es ein Ehrenzeichen für ein Start-up, wenn es Milliardenbewertungen bereits mit wenigen Beschäftigten erzielt. Instagram hatte 13 Beschäftigte, als Facebook die Foto-Plattform für eine Milliarde Dollar kaufte. WhatsApp war eine 55-Leute-Bude, als der Zuckerberg-Konzern 19 Milliarden Dollar dafür zahlte.

Nikita Fahrenholz scheint darauf wenig Wert zu legen. Seine Putzdienstvermittlung "Book A Tiger" soll nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen bis April von bislang gut 100 auf rund 600 Mitarbeiter wachsen. Das 2014 gegründete Berliner Tech-Start-up stellt seit Dezember nicht etwa massenhaft App-Entwickler ein, sondern Hunderte Putzmänner und -frauen.

Für die Branche ist das eine kleine Revolution: "Bisher scheuen die Start-ups Festanstellungen wie der Teufel das Weihwasser", schimpft Johannes Bungart, Geschäftsführer der Gebäudereiniger-Innung. Der Rechtsanwalt vertritt die klassischen Reinigungsfirmen, denen die neuen Plattformen ein Dorn im Auge sind.

Helpling, dem Putzvermittler aus Oliver Samwers Start-up-Fabrik Rocket Internet, wirft Bungart "moderne Tagelöhnerei" vor. 12,90 Euro pro Putzstunde verlangt Helpling von seinen Kunden. Weil das Unternehmen seine Putzkräfte als freie Mitarbeiter ansieht, müssen die sich selbst versichern und zahlen an das Start-up eine Vermittlungsprovision.

Uber-Fahrer verklagen das Mega-Start-up

Bisher liegt Helpling damit voll im Trend: Die derzeit erfolgreichsten Start-ups der Welt sind Plattformen, die mit einem Minimum an Personal riesige Umsätze bewegen. Allen voran der Fahrdienstvermittler Uber, der von Investoren mit 68 Milliarden Dollar bewertet wird. Als besonders lukrativ gilt das Geschäftsmodell solcher Firmen auch, weil sie kein Heer von Taxifahrern auf ihrer Gehaltsliste führen.

Uber oder sein Konkurrent Lyft argumentieren, man sei nur die Plattform, über die Kleinstunternehmer Fahrten anbieten - ähnlich wie Ebay oder Airbnb. Für die Krankenversicherung oder Urlaub seien sie deshalb nicht zuständig.

Viele Fahrer sehen das anders. In den USA verklagen sie das Mega-Start-up, um als dessen Angestellte klassifiziert zu werden. Angeführt werden sie von der Anwältin Shannon Liss-Riordan, genannt "Vorschlaghammer Shannon". Die bekannte Arbeitsrechtlerin gewann bereits Prozesse gegen Starbucks, FedEx und Nachtclubs, die behaupteten, ihre Stripperinnen seien freiberuflich an den Stangen tätig.

Auch Putz-Plattformen sind schon ins Visier der Justiz geraten: Der US-Anbieter Homejoy drängte zunächst auf den deutschen Markt, machte vergangenen Juli aber komplett dicht. Laut Gründerin Adora Chung brach ein Rechtsstreit mit vier Putzkräften ihrem Unternehmen das Genick.

Inzwischen gilt es als offenes Geheimnis in der Branche, dass sich Homejoy mit seinem schnellen Wachstum übernommen hatte: Neukunden waren mit Aktionspreisen gelockt worden und nie mehr wiedergekommen. Weil das kalifornische Start-up seine Mitarbeiter nicht weiterbildete, sei der Service schlecht geblieben, sagten Ex-Kollegen seinerzeit dem Wirtschaftsmagazin Forbes.  

"Als würde jeder McDonalds seinen eigenen BigMac zubereiten"

Die Furcht vor Klagen habe "Book A Tiger" nicht zum Strategiewechsel getrieben, beteuert Gründer Fahrenholz. Es ergebe einfach Sinn für sein Unternehmen: "Der Kunde möchte immer dieselbe Reinigungskraft und einen guten Service".

Schon jetzt ist sein Service teurer als der von Helpling, in Hamburg kosten zwei Stunden Wohnungsreinigung zehn Euro mehr. "Book A Tiger" will sich als Premium-Service positionieren: "Man kann sich nicht einen Audi bezahlen lassen und einen Skoda hinstellen", sagt Fahrenholz' Mitgründer Claude Ritter.

Bei Freelancern könne man die Qualität schlechter garantieren. Es gibt zwar eine Vorauswahl und ein Bewertungssystem, doch präzise Vorgaben kann die Plattform freien Mitarbeitern nicht machen. "Als würde jeder McDonalds seinen eigenen BigMac zubereiten", sagt Ritter. Außerdem spare sein Unternehmen künftig bei der Suche nach neuen, guten Putzkräften.

Reich werden die angestellten "Tiger" auch künftig nicht. 9,80 Euro pro Stunde sollen sie anfangs verdienen, das entspricht dem gültigen Mindestlohn für Gebäudereiniger. Die meisten seien teilzeitbeschäftigt, im Durchschnitt rund 30 Stunden in der Woche, sagt Fahrenholz. Dazu sind sie versichert und bekommen Urlaub. "Wenn sie sich an Mindestlöhne halten, ist es einen Versuch wert", sagt Verbandsgeschäftsführer Bungart.

Festanstellung könnte ein Trend werden

Ritter glaubt, dass noch mehr Plattformen auf Festangestellte umsteigen werden. Honor, ein Altenpflege-Start-up aus den USA, arbeitet seit kurzem mit festen Kräften. Auch der in deutschen Metropolen aktive Lieferdienst Deliveroo setze vermehrt auf angestellte Fahrer, sagt Ritter, um Essen schneller und verlässlicher ausliefern zu können. Diese Branche kennen Ritter und Fahrenholz ohnehin bestens: Vor "Book A Tiger" gründeten sie Delivery Hero mit.

Der weltweit aktive Essenslieferdienst ist Investoren inzwischen knapp drei Milliarden Euro wert, Verluste schreibt er bis heute. Da sieht Start-up-Kritiker Bungart das ultimative Problem der neuen Konkurrenz, der wahre Test für "Book A Tiger" stehe noch aus.

Wer faire Löhne zahle, sei zu teuer um mit der grassierenden Schwarzarbeit zu konkurrieren - das hätten viele Reinigungsfirmen aus seinem Verband auch schon gelernt: "Einige Plattformen haben Millionen Euro von Investoren eingesammelt und könnten jahrelang Verluste fahren. Ob das Geld sinnvoll angelegt ist, bezweifle ich".


Zusammengefasst: Das Reinigungs-Start-up Book A Tiger stellt Hunderte seiner Putzkräfte fest an. Der Kurswechsel bedeutet eine kleine Revolution in der Branche: Bisher vermeiden ähnliche Plattformen, allen voran Uber, ihre Mitarbeiter fest anzustellen, um Kosten zu sparen. Die Book-A-Tiger-Gründer glauben aber, dass sich der Schritt auch wirtschaftlich lohnt. Mit festen Kräften könnten sie einen besseren Service bieten.

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