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Google: Calico soll hundert Jahre längeres Leben möglich machen

Googles Start-up Calico Algorithmus der Unsterblichkeit

Mit der Firma Calico will Google die behäbige medizinische Forschung auf Start-up-Tempo beschleunigen. Ultimatives Ziel: das menschliche Leben verlängern, vielleicht für die Ewigkeit. Was der Suchmaschinist plant - und wie seine Chancen stehen.

Hamburg - 3000 Jahre vor Christus suchte König Gilgamesch  nach einer magischen Pflanze, die ihm ewiges Leben beschert. Im 13. Jahrhundert schrieb der britische Philosoph Roger Bacon , der Atem männlicher Jungfrauen könne den Prozess des Alterns verlangsamen. Die Firma Alcor  indes hat inzwischen mehr als 100 Leichen eingefroren, in der Hoffnung, sie bei voller Gesundheit wiederherstellen zu können, wenn die Wissenschaft weiter ist.

Das Streben nach langem Leben, der Traum von der Unsterblichkeit, ist wohl so alt wie die Menschheit. Für die Forschung ist er die Machbarbeitsgrenze, für Unternehmer der größtdenkbare potentielle Massenmarkt. Wer Produkte gegen das Altern verkauft, hat so ziemlich jeden als Kunden, der morgens aufsteht und sich des Lebens erfreut.

Millionen von Menschen erliegen den falschen Hautglättungsverheißungen der Anti-Aging-Industrie oder den Betrugsversuchen dubioser Firmen, die - gegen entsprechende Bezahlung - versprechen, mit selbstgespritzten Stammzellen so ziemlich jede Krankheit zu heilen.

Nun aber will ein neuer Konzern mitmischen und das Rätsel ewigen Lebens mit mathematischer Kühle lösen. Google  , der Suchmaschinenkonzern, sucht nach dem Algorithmus der Unsterblichkeit. Nicht weit von seinem Hauptquartier in Mountain View, Kalifornien, hat der IT-Riese die Firma Calico gegründet. Deren Boss, Art Levinson, Ex-Chef des Biotechnologiekonzerns Genentech, bekommt dafür eine unbestimmte Summe aus Googles Milliarden-Schatztruhe und ein kleines Team.

Können Daten Krebs heilen?

Das klingt zunächst wie ein Hirngespinst à la Fahrstuhl zum Mond, auch der wird gerüchtehalber in Googles Geheimlaboren gebaut. Tatsächlich wagt Google einen rationalen Vorstoß in einen Zukunftsmarkt. 2012 wurde der Markt für sogenannte regenerative Medizin auf gut 1,6 Milliarden Dollar geschätzt; bis 2025 könnte sich sein Volumen einigen Analysten zufolge mehr als verzehnfachen. Denn die Forschung nähert sich dem Thema Langlebigkeit inzwischen nicht mehr nur mit Esoterik an.

Das Stichwort lautet Big Data: die Suche nach bislang verborgenen Zusammenhängen und Mustern durch die systematische Auswertung gigantischer unstrukturierter Datenmengen. Manche Fondsmanager, sogenannte Quants, treffen so milliardenschwere Kaufentscheidungen. Warum also, so wohl die Google-Logik, sollte im Universum medizinischer Daten nicht auch die Formel für die Krebsheilung verborgen sein? Zumal schon jetzt viele Anwendungen des Unternehmens auf diesem Prinzip fußen.

Google-Chef Sergey Brin hat erst kürzlich einige Millionen in das Start-up 23andMe  investiert, das eine Datenbank für Genome erstellt. Glaubt man dem IT-Blog "TechCrunch"  und dem "Time Magazine" , das mit Brin exklusiv über Calico gesprochen hat ("Google vs. Death"), sollen Levinson und sein Team mit dem mächtigen Serverpark des Suchmaschinenkonzerns womöglich die Datenbestände der Alterskrankheitenforschung neu durchleuchten.

Im Silicon Valley, wo Google residiert, ist die Biotechnologiebranche neben IT und erneuerbaren Energien seit Jahren das dritte große Betätigungsfeld der Wagniskapitalgeber. Levinsons Ex-Firma Genentech, heute eine Roche-Tochter, hat diese Branche in den siebziger Jahren mitgegründet. Als Mitglied des Genentech Scientific Research Board hat Levinson einen guten Überblick über vielversprechende Ideen in diesem Sektor.

Das Leben um Jahrzehnte verlängern

Aus medizinischer Sicht gibt es dringendere Probleme als die Suche nach dem ewigen Leben. Ärzte versuchen eher, den Lebensjahren mehr Qualität zu geben, statt das Leben zu verlängern. Praktikern würden viele Projekte einfallen, die das Geld und Know-how von Googles Informationsspezialisten besser gebrauchen könnten: Impfkampagnen; Ernährungsprogramme; die flächendeckende Versorgung von Entwicklungsländern mit Medikamenten.

Doch all das ändert nichts an der Faszination, die das Google-Start-up auf die Biotechnologiebranche ausüben dürfte. Denn Google-Mann Larry Page legte im "Time"-Interview die Messlatte enorm hoch. Die Heilung von Krebs sei für die Menschheit kein großes Ding, so seine sinngemäße Aussage. Statistisch gesehen würde sie die Lebenserwartung der Menschheit gerade um drei Jahre verlängern. Calico solle die menschliche Lebensspanne gleich um mehrere Jahrzehnte erhöhen.

Tatsächlich könnte Calico wohl gerade bei der Krebsforschung die größten Erfolge erzielen. Im Vergleich zu allen anderen potentiellen Forschungsfeldern für die Langlebigkeit ist die Wissenschaft hier noch am weitesten.

Proteome, Mikrobiom, Googleom

Die spannende Frage ist, wie und wieso wir altern. Welche Vorgänge in den Zellen führen dazu, dass wir sterben? Verschiedene Theorien konkurrieren miteinander. Nimmt die DNA in unseren Zellen im Laufe des Lebens so großen Schaden, dass die Reparaturmechanismen irgendwann nicht mehr nachkommen? Nach dieser Theorie führen Schäden zu Krankheiten - und diese zum Tod.

Oder sind doch die Telomere schuld an unseren Abnutzungserscheinungen? So bezeichnen Naturwissenschaftler die Enden der Chromosomen, die immer kürzer werden, je häufiger eine Zelle sich geteilt hat. Sind sie zu kurz, teilt die Zelle sich nicht mehr - Ende.

Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, wieso Menschen altern und überhaupt sterben müssen, könnten Levinson - er hat in Biochemie promoviert, seine wissenschaftliche Arbeit ist vielfach ausgezeichnet worden - und Google sich tatsächlich einmalig ergänzen. Gelingt es, ein fähiges Team zu begeistern, das Zugriff auf das Rechen-Know-how und die Serverkapazitäten von Google hat, könnte das die Entschlüsselung des menschlichen Proteoms - der menschlichen Eiweiße - ebenso vorantreiben wie die Erforschung des Mikrobioms, also all jenen Organismen, die auf oder im Menschen leben. Beide Projekte werden schon jetzt betrieben, Calico könnte ein neuer, spannender Partner sein.

Allerdings kann auch die Rechenleistung der Google-Server die Probleme der Lebenswissenschaften nicht schlagartig lösen. Neue Erkenntnisse liefern in der Medizin zwar Antworten auf Verständnisfragen. Vor allem aber werfen sie neue Fragen auf. Deshalb ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Calico in der Lebenszeit seiner Gründer tatsächlich in der Lage sein wird, die Lebenserwartung der heute 20-Jährigen um hundert Jahre zu erhöhen.

Für die Menschheit dürfte es trotzdem nicht das Schlechteste sein, wenn ein Milliardenkonzern, der gern nach dem Unmöglichen strebt, die behäbige medizinische Forschung auf Start-up-Tempo beschleunigt. Im schlechtesten Fall versenkt Google ein paar Milliarden, im besten Fall verschafft die Vermessenheit des Suchmaschinisten kranken Menschen irgendwann Linderung.