Digitale Gründer Europa, verheize deine Talente nicht!

Ein Start-up gründen und es schnell für Millionen in die USA verkaufen - das sind die digitalen Erfolgsgeschichten hierzulande. Sie sind zwar lohnend für die Gründer, aber schlecht für Europa.
Von Andreas Barthelmess
Campus Party in Berlin (Archiv)

Campus Party in Berlin (Archiv)

Foto: Sean Gallup/ Getty Images
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Andreas Barthelmess ist Startup-Unternehmer und Berater. Er ist Mitglied des Club of Rome Deutschland und Gründer des Think Tank 30.

Gründen gehört heute zum guten Ton. Singen, Modeln und Gründen sind die Disziplinen der Casting-Shows. Start-up-Sendungen wie die "Höhle der Löwen" predigen Ehrfurcht vor den digitalen Erfolgsgeschichten aus dem Silicon Valley. Ein bisschen mehr Musk oder Zuckerberg täte uns gut, denken wir.

Kommunen schaffen digitale Gründerzentren. Länder, Bund und Brüssel legen Förderprogramme auf. "Hubs" werden herbeigeredet. Denn "Hub", "Lab" und "Accelerator" klingen cool und kalifornisch.

Deutsche CEOs und Berater fahren ins Silicon Valley. Dort bestaunen sie, wie auf der Großwild-Safari in Afrika, die "Big Five" - die digitalen Big Four Google, Apple, Facebook und Amazon und das reiche Ökosystem, in dem sie gedeihen. Zurück in Deutschland, gründen sie einen "Inkubator". Doch was als digitales Großwild-Habitat nach kalifornischem Vorbild geplant wird, endet als digitaler Streichelzoo.

Disruptive Unternehmen entstehen gerade da, wo die alte Industrie kulturell und habituell am weitesten weg ist. Tesla wurde nicht in Stuttgart, Detroit oder Wolfsburg erfunden, sondern in Palo Alto: aufgebaut von einem Autoindustrie-Outsider, der zuvor Paypal gegründet hatte.

Das Ökosystem Silicon Valley lässt sich nicht kopieren und verpflanzen. Unangefochten steht es heute am oberen Ende der globalen ökonomischen Nahrungskette. Dafür gibt es drei Gründe.

  • Erstens hat das Silicon Valley mit den USA einen großen, homogenen und digital-affinen Heimatmarkt. Europäische Start-ups hingegen sitzen hinter dem Glas ihrer nationalen Terrarien. Wer hier wächst, gerät sofort an Grenzen. Ihre Überwindung kostet Zeit, Kapital und bringt Nachteile im Wettbewerb um Wagniskapital. Für amerikanische Tech-Unternehmen reicht es zur Weltmarktführerschaft, wenn sie im Heimatmarkt schnell genug wachsen. Internationale Zukäufe zementieren dann die globale Dominanz.
  • Zweitens sind die Netzwerk- und Selbstverstärkungseffekte im Silicon Valley einmalig. Hier treffen sich Gründer, Kapital- und Ideengeber auf dem Food Market um die Ecke. Die Mehrheit der zehn renommiertesten Wagniskapitalgeber sitzt hier, keiner in der zukünftigen EU. Doch Nähe ist ein Erfolgsfaktor für digitale Ökosysteme. Facebook fand Instagram und WhatsApp direkt nebenan und kaufte sie. Und natürlich hilft Gründern der persönliche Kontakt zu den Gatekeepern von AppStore und Google Play bei der schnellen Verbreitung ihrer App.
  • Drittens gibt es Unterschiede in der Allokation von Top-Talenten. In den USA gehen die gefragten Naturwissenschaftler ins Banking und zu Tech-Unternehmen, in Europa in die klassische Industrie, in Deutschland in die Automobilindustrie. Zwar gründen auch hier immer mehr Ingenieure und Naturwissenschaftler innovative Start-ups. Aus der Forschung an der RWTH Aachen entstand der Elektrofahrzeug-Hersteller Streetscooter. Münchner Physiker gründeten das elektrische Luftfahrtunternehmen Lilium.

Doch es gibt ein Problem. Ausgerechnet die Nitsche-Brüder, die gerade mit Anfang zwanzig durch den Verkauf ihrer Math42-App Millionäre geworden sind, haben das demonstriert. Sicher, die Gründerszene bejubelt solche Erfolge, und ein neues Denken setzt sich durch: Wir brauchen mehr junge Digitalunternehmen in Deutschland.

Aber gerade der Jubel über Millionen-Exits deutscher Start-ups an US-Unternehmen verstellt den Blick auf das Problem. Math42 und viele andere erfolgreiche Digital-Applikationen aus Europa werden schon früh in die USA verkauft.

Darin liegt der Unterschied zwischen primär und sekundär digitalen Produkten, also digitalisierter Hardware: Streetscooter wurde von der Deutschen Post übernommen, Lilium hat internationales Risikokapital nach München geholt. Doch für rein digitale moon-shot-Projekte wie globale Softwarestandards, Netzwerke und Marktplätze gibt es in Europa weder Kapital noch Exit-Kanäle, wie sie Amerika bietet. Rein digitale Produkte müssen aber schnell kritische Masse gewinnen. Sie sind kapitalintensiv, weil sie erst in marktbeherrschender Position Geld verdienen. Sie gedeihen nur in einem von Anfang an großen Markt mit starken Netzwerkeffekten, wie ihn die USA bieten.

Teilnehmer der DLD(Digital-Life-Design)-Konferenz in Berlin

Teilnehmer der DLD(Digital-Life-Design)-Konferenz in Berlin

Foto: Jens Kalaene/ picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Wollen wir unsere digitalen Talente nicht verheizen, unsere digitale Wertschöpfung nicht komplett an die USA verlieren, dann stehen wir Europäer vor der Wahl. Entweder wir konzentrieren uns auf sekundär digitale Produkte, wo wir auch heute wettbewerbsfähig sind.

So argumentiert die EU-Digitalkommissarin Mariya Gabriel, wenn sie Nanorobotik und Sicherheitschips als Stärken nennt. Dann aber müssten wir, genau genommen, unsere Tech-Talente sogar von rein digitalen Innovationen fernhalten, statt sie in Inkubatoren und digitalen Gründerzentren zu pampern. Tun wir das, halten wir unsere europäischen Talente nicht nur unter der wachstumsbegrenzenden gläsernen Decke, sondern geben sie in unseren gut gemeinten digitalen Terrarien auch noch den US-Unternehmen zum Ausverkauf preis.

Schaffung eines homogenen europäischen Marktes

Oder aber wir erkennen endlich die monopolistische Selbstverstärkung des Digitalen, die Macht der Größe, die den digitalen Markt im Innersten zusammenhält und trauen uns an politische Reformen. Dann schaffen wir einen homogenen europäischen Markt, brechen durch scharfe Regulierung die Monopole von Google, Facebook und Co und besteuern sie endlich so wie andere europäische Unternehmen. China hat, unter anderen politischen Vorzeichen, gezeigt, wie das geht. Ein westlich-demokratisches Land wie Südkorea hat mit Naver eine eigene führende Suchmaschine.

Diese beiden Länder haben verstanden, was Europa übersieht. Digitale Betriebssysteme und Netzwerke kommen zuerst, die digitalisierte Hardware folgt und ordnet sich unter.

Haushaltsgeräte werden künftig über Android bedient, autonom fahrende Autos über globale Vermittler wie Uber gesteuert. Europa darf niemals den Anspruch aufgeben, industrieprägende digitale Produkte zu entwickeln. Wir müssen heraus aus unserer selbstverschuldeten digitalen Ohnmacht.

Die Zukunft ist digital, aber sie ist offen. Europa muss jetzt die Voraussetzungen schaffen, die digitale Welt mitzubestimmen.