Studie zu Start-ups Zugewanderte Gründer kämpfen mit Bürokratie und kommen schlechter an Geld

Unverständliche Formulare und zurückhaltende Geldgeber sind für Start-up-Gründer mit ausländischen Wurzeln die größten Hindernisse in Deutschland. Eine Studie zeigt Lösungen auf – die teils verblüffend einfach sind.
Omio-Gründer Naren Shaam: »Wie ein Berg, den du besteigen musst«

Omio-Gründer Naren Shaam: »Wie ein Berg, den du besteigen musst«

Foto: Hannibal Hanschke / REUTERS

Die Biontech-Chefs Özlem Türeci und Uğur Şahin sind Musterbeispiel dafür, welches Potenzial in Einwandererfamilien steckt. Doch eine Studie zeigt: Gründern mit ausländischen Wurzeln wird der Start schwer gemacht. Die größten Hindernisse sind laut einer Studie Bürokratie, Sprachbarrieren und mangelnde Finanzierung.

»Im Bereich Start-up-Gründung sind bürokratische Hürden ganz eng an das Thema Sprache gebunden«, kritisierte der Co-Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Start-ups, Christian Vollmann. Die Lösung klingt denkbar einfach: »Es muss einfach alles auch auf Englisch zur Verfügung stehen!«

Bei vielen Anträgen sei die Amtssprache Deutsch meist die einzige Option, das müsse die Politik ändern, forderte Vollmann. Der Standort Deutschland profitiere von der guten Ausbildung und Risikobereitschaft von Gründerinnen und Gründern mit ausländischen Wurzeln.

Zuwanderer kommen schlechter an Fremdkapital

Der Start-up-Verband hat gemeinsam mit der Friedrich-Naumann-Stiftung den »Migrant Founders Monitor« veröffentlicht, der die Lage von 354 von Migranten gegründeten Start-ups analysiert. Rund jedes fünfte Start-up in Deutschland wurde demnach zuletzt von Zuwanderern oder Menschen aus Einwandererfamilien gegründet. Sie seien gut ausgebildet, risikobereit und stärkten den Standort Deutschland, lobt die Studie.

Doch haben Gründer aus Familien mit Einwanderungsgeschichte neben bürokratischen und sprachlichen Hürden auch eher mit Finanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen. Mit 1,1 Millionen Euro konnten sie im Mittel weniger als halb so viel Fremdkapital aufnehmen wie andere Gründer im Bundesdurchschnitt (2,6 Millionen). Vielen fehle hierzulande das nötige Netzwerk. »Da müssen wir als Szene gegensteuern«, sagte Verbandsvertreter Vollmann.

Auch aus Sicht der staatlichen Förderbank KfW ist die deutsche Bürokratie ein wesentliches Hemmnis. Gründer mit ausländischen Wurzeln hätten ähnliche Probleme wie alle Gründerinnen und Gründer. »Allerdings ist es für sie häufig schwieriger, diese Probleme zu lösen«, sagte KfW-Chefökonomin Fritzi Köhler-Geib.

Besonders bei der Vernetzung mit potenziellen Kunden aus dem Mittelstand gebe es Verbesserungsbedarf. So haben Start-ups laut der Studie durchschnittlich sieben Kooperationen mit etablierten Unternehmen – Zuwanderer jedoch nur zwei. Lösungen könnten etwa Netzwerkveranstaltungen oder professionelle Gründerberatungen sein, sagte Köhler-Geib.

Beispiele für Start-ups von Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind der Impfstoffhersteller Biontech, der Lebensmittellieferdienst Gorillas oder die Reiseplattform Omio.

»Menschen mit Migrationshintergrund haben eine überdurchschnittliche Bedeutung für die deutsche Start-up-Szene, nicht nur als Gründerinnen und Gründer, sondern auch als Schlüsselbeschäftigte beispielsweise in IT-Start-ups«, sagte KfW-Chefökonomin Köhler-Geib. Laut der Studie bringen vor allem im Ausland geborene Gründer öfter einen Uni-Abschluss mit als der Durchschnitt. Fast jeder Dritte strebt den Verkauf des Start-ups für mindestens 100 Millionen Euro an – im Schnitt planen das nur rund 20 Prozent. Und der hohe Anteil an Gründern mit Migrationserfahrung in der Frühphase des Unternehmensaufbaus spreche für eine aktuell hohe Dynamik, heißt es.

»Gerade die Bereitschaft, Risiken einzugehen und groß zu denken, sind Dinge, die in Deutschland oft noch fehlen und die wir als Standort im internationalen Wettbewerb brauchen«, sagte Verbandsvertreter Vollmann.

»Risiken einzugehen, ist Teil der Kultur«

Naren Shaam kennt die in der Studie beschriebenen Probleme aus eigener Erfahrung. Er kommt aus Indien und gründete 2012 in Berlin die Reiseplattform Omio. Den Befund der Studie, dass migrantische Gründer eher risikobereit seien als jene aus Familien ohne Einwanderungsgeschichte, erklärt er mit dem sozialen Sicherheitsnetz in Deutschland. Das sei andernorts, wie etwa in Indien, nicht selbstverständlich und nur den Reichen vorbehalten. »Risiken einzugehen, ist also Teil der Kultur«, sagt er. Im vergangenen Sommer sammelte Omio nach eigenen Angaben 100 Millionen Dollar frisches Kapital ein.

Als er nach Deutschland kam, habe er kein Wort Deutsch gesprochen und niemanden gekannt, berichtet Shaam. Grundlegende Dinge, wie ein Bankkonto zu eröffnen, hätten sich angefühlt »wie ein Berg, den du besteigen musst«.

mmq/dpa