Start-up-Szene nach Angriff auf Pressefreiheit Ein Rücktritt und viele Entschuldigungen

Der Beirat für »Junge Digitale Wirtschaft« wollte Medien »disziplinieren«. Nach Kritik bietet Investor Christoph Gerlinger jetzt seinen Rücktritt an. Andere Autorinnen und Autoren des Papiers distanzieren sich.
Amorelie-Gründerin Cramer: »Über das Ziel hinausgeschossen«

Amorelie-Gründerin Cramer: »Über das Ziel hinausgeschossen«

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Ein Positionspapier, in dem einflussreiche Start-up-Unternehmer und Investoren eine »Disziplinierung der Presse« forderten, sorgt nun für personelle Konsequenzen. Investor Christoph Gerlinger hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) seinen Rücktritt als Mitglied des Beirats »Junge Digitale Wirtschaft« angeboten – und sich selbst als Autor der kritisierten Passagen geoutet.

»Ich möchte mich bei allen Journalistinnen und Journalisten dafür entschuldigen, bedauere es außerordentlich und übernehme die Verantwortung dafür, dass eine unpassende und missverständliche Formulierung von mir aus einem frühen Teilkonzept des Positionspapiers aufgrund eines handwerklichen Fehlers in der finalen, veröffentlichten Fassung gelandet ist«, schrieb Gerlinger in dem sozialen Netzwerk LinkedIn.

In dem mehrseitigen Dokument, datiert auf den vergangenen April, hatten mehrere Autorinnen und Autoren die schwachen Börsengänge deutscher Start-ups beklagt – und den Medien eine Mitschuld gegeben. Der Staat solle für die »Gewährleistung einer ausgewogenen Berichterstattung« sorgen, heißt es in dem Schreiben. Gefordert werden Regeln »zur Vermeidung einseitig diffamierender Artikel« und eine »Disziplinierung der Presse zu sachlicher, richtiger und vollständiger Information«. Zudem wollten die Autorinnen und Autoren eine »Verpflichtung der Presse zur Berichterstattung« auch bei kleinen Börsengängen. Zuerst hatte das »Handelsblatt« über das Papier berichtet.

Fassungslosigkeit in der Szene

Bereits am Montagabend hatte Peter Altmaier angekündigt, das Papier von der Seite des Bundeswirtschaftsministeriums umgehend zu löschen. »Pressefreiheit ist ein herausragendes Grundrecht, dessen Schutz wir verpflichtet sind«, schrieb er auf Twitter. »Das Positionspapier des Beirats ›Junge Digitale Wirtschaft‹ war mir ebenso wenig bekannt wie seine Veröffentlichung auf der Homepage.«

Auch in der Szene selbst herrschte Fassungslosigkeit über den formulierten Angriff auf die Pressefreiheit: Etwaige Forderungen nach Verschärfungen des Presserechts seien keine Position des Beirats, sagte der Vorsitzende Christian Vollmann, das Gremium bekenne sich vollumfänglich zur Pressefreiheit. Auch der deutsche Start-up-Verband bekannte sich in einer Stellungnahme »uneingeschränkt zur Pressefreiheit.«

Amorelie-Gründerin kritisiert »Einzelpositionen«

Lea Cramer, Gründerin des Erotik-Start-ups Amorelie, wird ebenfalls als Autorin des Papiers genannt – und zeigt sich nun schockiert von der veröffentlichten Version. Sie sei »gerade im Urlaub angekommen und völlig überrascht von den Entwicklungen«, schreibt sie auf LinkedIn. Sie distanziere sich »auf das Schärfste von den Inhalten« des Papiers. Eine Autorin distanziert sich von ihrem eigenen Text?

Nein, so Cramer, sie habe nämlich an einer offenbar entscheidenden Sitzung des Beirats »nicht teilnehmen können«. Deswegen habe sie sich »in die Entwicklung der veröffentlichten Version des Papiers nicht weiter eingebracht«. Die Endversion sei so nicht abgestimmt, das Papier vertrete »Einzelpositionen und Formulierungen, die in keinster Weise meine eigenen bzw. die Positionen des Beirats reflektieren oder die der Start-up-Szene«. Hier seien »Einzelne« in einer Form über das Ziel hinausgeschossen, die inakzeptabel sei.

Investor Gerlinger kritisiert Medien

Im Gespräch mit dem SPIEGEL wollte Gerlinger die von ihm geschriebenen Passagen zunächst nicht weiter kommentieren. Er stelle in keiner Weise die Pressefreiheit infrage. »Das war einfach extrem unglücklich und unpassend formuliert«, sagte er. Er habe in erster Linie versucht, einen Bezug zum Pressekodex herzustellen, der die Presse ja auch zu einer ausgewogenen und richtigen Berichterstattung verpflichte.

Dann erneuert er dennoch seine Medienkritik: »Es gab relativ viel negative Berichterstattung zu Börsengängen deutscher Techunternehmen, wo das meines Erachtens nicht wirklich ausgewogen war«, sagt Gerlinger. Junge Unternehmen, die beispielsweise trotz Verlusten an die Börse gingen, kämen bei der Presse hierzulande oft nicht gut weg. So ein Börsengang sei ja ein »äußerst sensibler Vorgang für eine Firma. Das können wenige einseitig negative Zeilen stark erschweren oder zunichtemachen«, sagt Gerlinger. Das heiße jedoch »natürlich überhaupt nicht«, dass man die Presse kontrollieren oder ihre Freiheit und Unabhängigkeit in irgendeiner Weise einschränken sollte.