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19. April 2015, 08:00 Uhr

Start-ups in der Finanzbranche

Neue Banken kriegt das Land

Von Victor Gojdka

Die etablierten Finanzinstitute haben den digitalen Wandel verschlafen - jetzt greifen junge Start-ups an und holen Geldgeschäfte ins Netz. Doch was taugen ihre Geschäftsmodelle?

Die zwei Männer, die den Banken das Geschäft streitig machen wollen, sitzen in einem düsteren Konferenzraum auf Plastikstühlen und schieben gerade die verklebten Kaffeetassen an den Rand des Besprechungstischs. Christian Grobe, grauer Overall, und Matthias Knecht, offenes weißes Hemd, räumen ihren Konferenzraum "Oval Office" auf. Das Aufräumen zeigt: Die Chefs machen hier noch alles selbst. Der Name des Konferenzraums zeigt: Sie haben Großes vor.

Das Geschäftsmodell der beiden nennt sich P2P-Lending für SME. Im Klartext: Deutsche Kleinanleger können kleinen Mittelständlern einen Kredit geben und dafür Zinsen kassieren. Zum Beispiel dem Betreiber einer kleinen Kaffeehauskette, der sich Geld für eine neue Filiale besorgt. Zur Bank gehen? Viel zu umständlich, meinen viele Unternehmer, die über Zencap Kreditgeber suchen.

Es gibt zurzeit viele solcher Start-ups in der Finanzbranche, die das Geschäft der Banken erobern wollen. Sie sind wie wendige Kleinboote, die schnell ihre Fahrtrichtung ändern, sobald die großen Banken sie auf dem Radar haben. "Ich bin skeptisch, dass die Banken den technologischen Wettbewerb gegen diese Start-ups gewinnen werden", sagt Finanzmanagement-Professor Christoph Kaserer von der TU München.

Vorsprung durch Technik

Grobe und Knecht arbeiten daran, in diesem Wettbewerb die Oberhand zu gewinnen. "Wir wollen zum führenden Anbieter von Unternehmenskrediten werden", sagt Grobe, und es klingt dabei keine Ironie in seiner Stimme. Das Unternehmen wird von der Start-up-Schmiede Rocket Internet unterstützt, hinter der die legendären Samwer-Brüder stehen.

Den Erfolg soll vor allen Dingen technologischer Vorsprung ermöglichen: Einen großen Teil der Bonitätsprüfung der Unternehmen wickeln bei Zencap bereits Computer ab. Sie sollen nicht nur die Unternehmenskennzahlen erfassen, bald sollen sie auch überprüfen, wie weit der Unternehmer vom Unternehmen entfernt wohnt. Wer weit weg von der Firma lebt, hat oft keine Ahnung vom Geschäft – dann verschlechtert das System das Rating.

"Wir können so den Prüfungsaufwand für unsere Analysten auf 15 bis 45 Minuten runterdampfen", sagt Grobe. Der Algorithmus ist für diese "Fintech"-Unternehmen ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber den Banken. "Die Institute arbeiten größtenteils mit zusammengeflickten IT-Systemen aus den Neunzigerjahren", sagt Bankenprofessor Kaserer, "das müssten sie im Prinzip alles komplett neu aufsetzen."

Ob die pfiffigen Geschäftsmodelle der Fintech-Branche allerdings tatsächlich tragfähig sind, ist noch völlig offen. Und Kunden brauchen schon einigen Mut, um ihr Geld einem Start-up im Hinterhof anzuvertrauen.

Die Rechnung der Banken

Tamaz Georgadze führt seinen Angriff im Schneidersitz. So arbeitet der 36-Jährige in seinem fensterlosen Berliner Konferenzraum und macht sich an das scheinbar langweiligste Geschäftsfeld der Banken: das Einlagengeschäft. Schon seit Jahrzehnten hat sich bei Produkten wie Sparbuch oder Festgeldkonto nur wenig verändert.

Während in Deutschland die Sparquote immer noch hoch ist, ist es für Banken in anderen EU-Ländern schwieriger, an das Geld der Sparer zu kommen. Über Georgadzes Plattform Weltsparen können Kunden ein Konto bei der Frankfurter MHB-Bank eröffnen und von dort aus ihr Geld zu ausländischen Banken transferieren – um dort für Festgelder höhere Zinsen zu kassieren.

Es ist immer dasselbe Muster: Start-ups wie Weltsparen erobern sich den direkten Kontakt zum Kunden, ganz ohne teure Filialnetze betreiben zu müssen. Wo sich kleine Start-ups zwischen Bank und Kunden drängen, werden die etablierten Institute oft zum technischen Abwickler im Hintergrund.

"Wenn die Kunden nicht mehr in die Filiale kommen, dann können die Banken ihnen allerdings auch keine zusätzlichen Produkte mehr verkaufen", sagt Finanzprofessor Kaserer. Und am Ende entscheiden vielleicht die Start-ups, welche Bank die Geschäfte technisch abwickelt. Oder sie machen es - wie Matthias Kröner - gleich selbst.

Kröner, Chef der Münchner Fidor Bank, war den grauen Charme der hergebrachten Institute irgendwann leid: die dunklen Teppiche in den Büros, die angegilbten Lamellenvorhänge in den Filialen. Kröner erzählt stattdessen von der Bank als "offenem System", vom Smartphone als digitalem Lebensmittelpunkt. Dass Menschen sich bei seiner Bank untereinander Geld leihen, Gelder auf Twitter-Accounts überweisen. Davon, dass seine Bank nicht Tausende Filialen hat, sondern theoretisch eine in jedem Wohnzimmer.

Kröner hat, wovon viele andere Fintechs träumen: eine eigene Banklizenz. Er muss nicht mit einem Institut kooperieren und seine IT-Systeme daran ausrichten. Kröner kann so innovativ sein, wie er will. Für viele Banken ist Innovation dagegen nicht nur ein technisches Problem, sondern auch ein kulturelles. Bis Ideen in einer Bank an die Spitze der Hierarchiepyramide gewandert sind, dauert es oft Jahre. "Und dann verschwinden sie gern wieder in der Schublade", sagt Finanzprofessor Kaserer.

Erste Banken steuern nun gegen und planen, Paypal mit einem eigenen Bezahlsystem Konkurrenz zu machen. Andere wollen kleine Finanz-Start-ups kaufen oder selbst heranzüchten. Noch allerdings sei der Innovationsdruck eher moderat, meint Weltsparen-Chef Georgadze: Nur jeder vierte Deutsche hat einer Analyse zufolge aufgrund zu hoher Gebühren schon einmal sein Konto gewechselt. "Die Leute binden sich länger an ihr Konto", sagt Georgadze, "als an ihre Frau."

Wenn Sie mehr über die drei porträtierten Start-ups aus Verbrauchersicht erfahren wollen, klicken Sie auf die Logos der Anbieter.

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