SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. August 2013, 11:14 Uhr

Stellwerkchaos in Mainz

Aufsichtsrat will Bahn-Mitarbeiter aus dem Urlaub holen

"Die Bahn lebt auch vom Teamgeist": Aufsichtsratsmitglied Patrick Döring will Fahrdienstleiter aus dem Urlaub holen, um das Chaos am Mainzer Bahnhof zu beheben. Der Gewerkschaftschef nennt den Vorschlag "schäbig". Nach SPIEGEL-Informationen drohen sogar weitere Störungen.

Berlin - Das Chaos am Mainzer Bahnhof hat einen handfesten Streit zwischen Aufsichtsrat und Gewerkschaft ausgelöst: Patrick Döring, Mitglied des Bahn-Kontrollgremiums, fordert, Stellwerk-Fahrdienstleiter aus dem Urlaub zu holen. Die Bahn müsse die Mitarbeiter zurückrufen und zur Arbeit verpflichten.

Von den 15 üblicherweise dort arbeitenden Mitarbeitern seien derzeit fünf erkrankt und drei im Urlaub, berichtet die "Bild am Sonntag". Bereits seit dem vergangenen Wochenende fallen regelmäßig Züge am Hauptbahnhof in Mainz aus, der Regionalverkehr läuft abends und nachts nur eingeschränkt. Vom Fernverkehr ist der Hauptbahnhof in dieser Zeit komplett abgeschnitten.

"Die Bahn lebt auch vom Teamgeist der Eisenbahner", sagte Döring der Zeitung. Der FDP-Generalsekretär weiter: "In Mainz müssen die Züge wieder rollen." Der Ruf der Bahn stehe auf dem Spiel. Am Samstag hatte die "Stuttgarter Zeitung" berichtet, dass Bahn-Chef Rüdiger Grube personelle Konsequenzen ziehe. Der Vorstand Produktion der DB Netz AG, Hansjörg Hess, solle von seinen Aufgaben entbunden werden.

"Die Kollegen brauchen ihren Urlaub"

Von Montag an sollen auch wochentags zu den Hauptverkehrszeiten viele Züge im Regionalverkehr ausfallen, wie die Bahn mitteilte. Zahlreiche Fernverkehrszüge würden außerdem umgeleitet.

Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Alexander Kirchner, wies Dörings Forderung zurück. "Unsere Kolleginnen und Kollegen brauchen ihren Erholungsurlaub dringend", erklärte Kirchner am Sonntag. Die Deutsche Bahn wisse schon "seit langem, dass es Personalengpässe gibt", fügte Kirchner hinzu. "Jetzt den Kollegen den schwarzen Peter zuzuschieben, die ihren Erholungsurlaub dringend brauchen, ist einfach nur schäbig."

Neue Störungen drohen

Auch in anderen Teilen des Landes könnte es nach SPIEGEL-Informationen zu empfindlichen Störungen des Schienenverkehrs kommen: Wie in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ist in den meisten Bahnhofsstellwerken die Technik veraltet und personalintensiv. Knapp 3000 Weichen-Schaltzentralen der Deutschen Bahn werden immer noch weitgehend mechanisch betrieben. Die Anlagen, meist mehrere pro Bahnhof, sind oft 40 Jahre und älter. An wenig befahrenen Strecken stammen sie mitunter sogar noch aus der Kaiserzeit.

Lediglich 415 Stellwerke, die ein Drittel des Schienenverkehrs in Deutschland regeln, werden computergesteuert. Die betagte Technik ist zwar zuverlässig, benötigt aber mehr Personal als die elektronischen Stellwerke. Nach Angaben der EVG fehlen derzeit 1000 Stellen. Außerdem schieben die 12.000 Fahrdienstleiter der Bahn rund eine Million Überstunden vor sich her.

Die Personaldecke sei extrem dünn, sagt ein EVG-Sprecher. Da müssten nur wie in Mainz Fahrdienstleiter wegen Krankheit und Urlaub ausfallen, "dann bricht das Kartenhaus zusammen". Ein Bahn-Sprecher wies die Vorwürfe zurück.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung