SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

15. Oktober 2019, 15:41 Uhr

Krieg in Nordsyrien

Weil sieht momentan keine Chance für türkisches VW-Werk

Volkswagen plante eine neue Fabrik in der Türkei - dann kam Erdogans Militäroffensive in Syrien. Nun steht das Projekt auf der Kippe. Dabei spielen nicht nur politische Gründe eine Rolle.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) geht angesichts der türkischen Invasion in Syrien derzeit nicht vom Bau eines neuen VW-Werks nahe Izmir aus.

"Die Bilder, die wir aus Nordsyrien sehen, sind entsetzlich", sagte Weil, der als Vertreter des Großaktionärs Niedersachsen auch im Volkswagen-Aufsichtsrat sitzt. Die Militäroffensive sei ein offensichtlicher Bruch des Völkerrechts, die eine enorme Flüchtlingswelle und eine allgemeine Verschärfung der Sicherheitslage ausgelöst habe: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Volkswagen unter diesen Bedingungen in der Türkei eine Milliardeninvestition vornimmt." Diese Einschätzung teile nach seinem Wissen auch der Vorstand des Autobauers.

Wie Weil zu verstehen gab, gehe es im Moment um einen Aufschub und keine komplette Absage der VW-Pläne in der Türkei. "Die Verhandlungen sind zu dem Vorhaben nach wie vor nicht final abgeschlossen." Er hoffe, dass sich die Verhältnisse in der Türkei normalisierten.

Zuvor hatte VW mitgeteilt, dass der Vorstand den Beschluss für ein neues Werk nahe Izmir verschoben habe. Bereits am Montag hieß es auf Nachfrage, das Unternehmen beobachte die gegenwärtige Lage sorgfältig und blicke mit Sorge auf die derzeitige Entwicklung.

Eigentlich hätte über das Werk bis Mitte Oktober entschieden werden sollen. Zuvor hieß es lange Zeit, dass man in "finalen Verhandlungen" sei. Vieles deutete darauf hin, dass sich die Türkei als Standort etwa gegen Bulgarien durchsetzen würde. Laut Weil ist die nächste Aufsichtsratssitzung für Mitte November geplant.

Gut ausgebildete Arbeiter in der Türkei

In dem Werk, für das ein Standort nahe der Metropole Izmir im Gespräch ist, sollen Fahrzeuge mehrerer Konzernmarken gebaut werden, unter anderem der VW Passat und der Skoda Superb. Volkswagen will mehr als eine Milliarde Euro investieren, die Kapazität soll bei mehr als 300.000 Fahrzeugen jährlich liegen.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa waren die Details für das Investment weitgehend festgezurrt. Den Ausschlag gegenüber dem EU-Land Bulgarien gebe demnach die deutlich bessere Wirtschaftlichkeit des Projekts in der Türkei. Nicht zuletzt staatliche Subventionen sorgten für Vorteile bei einem Bau in der Türkei.

Hinzu kommt, dass bereits eine ausgebaute Infrastruktur von Zulieferern besteht und es gut ausgebildete Arbeiter gibt: Seit den Sechzigerjahren werden von dem Hersteller Tofas in der Türkei Fiat-Modelle in Lizenz gefertigt; Tofas hat auch Nutzfahrzeuge für Fiat, Opel, Peugeot und Citroen entwickelt, die ebenfalls in der Türkei produziert werden.

Wirtschaftlicher Druck aus den USA

Die US-Regierung hatte allerdings zu Wochenbeginn angekündigt, Zölle auf den Import von türkischem Stahl deutlich zu erhöhen, Gespräche zu einem neuen Handelsabkommen abzubrechen und gegebenenfalls Sanktionen gegen Einzelpersonen zu erheben. Damit steht nun nicht mehr nur hinter der politischen Stabilität der Region ein großes Fragezeichen, sondern auch hinter der wirtschaftlichen Perspektive der Türkei. Andere Handelspartner könnten ähnliche Maßnahmen ergreifen wie die USA.

Das kommt den Wolfsburgern sehr ungelegen. In einem Monat steht die neue Planungsrunde auf der Tagesordnung des Konzernaufsichtsrats. In dieser legt Volkswagen sein milliardenschweres Investitionsbudget für die kommenden fünf Jahre fest. Regelmäßig ist auch die Werksbelegung mit Modellen und die Auslastung der Werksverbunds Thema. Die Planungen sind komplex: Weltweit hat Volkswagen mehr als 130 Werke. Ob die Situation sich bis Mitte November beruhigt und eine Investition in der Türkei dann sowohl wirtschaftlich als auch politisch weniger riskant erscheint, ist mindestens fraglich.

Volkswagen hat eine Entscheidung zum Bau eines Mehrmarkenwerks für Osteuropa schon vor längerer Zeit getroffen. Da die Türkei dafür als möglicher Standort gilt, hatte es aufgrund der Menschenrechtslage im Land schon vor dem Beginn der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien Kritik gegeben.

mamk/dpa-afx

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung