Steuergeschenk Wie Hamburger Hoteliers vom Aufschwung träumen

Seit Januar führen Hoteliers zwölf Prozentpunkte weniger Mehrwertsteuer ab. Gerne würden sie mit dem Steuergeschenk ihre Häuser renovieren, ins Personal investieren oder die Preise senken - das zeigen zwei Beispiele aus Hamburg. Tatsächlich aber fehlt Geld an allen Ecken und Enden.

Maritim Hotel Reichshof in Hamburg: Wenig Spielraum, um Zimmerpreise zu senken
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Maritim Hotel Reichshof in Hamburg: Wenig Spielraum, um Zimmerpreise zu senken

Von Franziska Schubert


Hamburg - Schon im vergangenen Jahr hätte Sabine Nicolaus gern den Wintergarten ihres Hotels in der Hamburger Innenstadt aufgemöbelt: Endlich weg mit dem gewellten Teppich und den verblichenen Stuhlbezügen. Doch bislang reichten die Einnahmen aus dem Familienbetrieb dafür nicht - denn seit Ausbruch der Krise kommen deutlich weniger "Gäste in dunklen Anzügen" in das Vier-Sterne-Hotel Senator. Weil immer weniger Firmen ihre Angestellten auf Reisen schicken, blieben etliche der 120 Betten leer.

Kein Wunder also, dass Inhaberin Nicolaus zu den Menschen gehört, die sich über das schwarz-gelbe Wachstumsbeschleunigungsgesetz gefreut haben. Seit dem 1. Januar muss sie für Übernachtungen statt 19 nur noch 7 Prozent Mehrwertsteuer an den Fiskus abführen - und hat so mehr Geld in der Kasse. Sie verteidigt das umstrittene Gesetz.

Mit dem unverhofften Plus will sie genau das machen, was Union und FDP sich erhofften: das Geld investieren und damit indirekt etwas für die Konjunktur tun. 30.000 Euro würde es die Unternehmerin kosten, den in die Jahre gekommenen Wintergarten komplett renovieren zu lassen, die Teppiche auszutauschen und vielleicht noch die Mitarbeiter schulen.

Das ist viel Geld in einer Branche, die ihren Gesamtumsatz in den vergangenen sieben Jahren kaum steigern konnte. Viele Hotelbesitzer haben deshalb anstehende Modernisierungsarbeiten bislang aufgeschoben. Dabei gibt es für Nicolaus, deren Familie das Gästehaus seit 25 Jahren führt, kaum etwas Schöneres, als ihren Stammkunden ein gemütliches Ambiente zu bieten, damit sie sich bei ihr "wie zu Hause" fühlen.

Umsatz um zehn Prozent eingebrochen

Damit ist die Hamburger Hotelinhaberin nicht allein. Vor Verabschiedung des Gesetzes hatten Vertreter des Hotelgewerbes vollmundig versprochen, die zusätzlichen Gelder zu investieren und so die Konjunktur anzukurbeln. Rund die Hälfte der Summe, die sie durch die Gesetzesänderung einsparen, wollen die Betriebe laut einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes für Ausbau, Renovierung oder neues Mobiliar ausgeben. Auch niedrigere Zimmerpreise sowie Lohnerhöhungen und bessere Aus- und Weiterbildung für die Mitarbeiter soll es geben.

Fragt sich nur, wann genau all das geschehen soll. Denn nicht nur Nicolaus, auch viele andere Hotel-Betreiber zögern, im großen Stil zu investieren - weil sie einfach nicht wissen, wie stark Gästezahlen und Umsatz noch einbrechen werden. Auch in diesem Jahr werden die Hoteliers die Krise kräftig zu spüren bekommen, in Städten wie Frankfurt oder Düsseldorf sank die Zahl der belegten Betten allein im vergangenen Jahr um ein Drittel. Branchenweit ging der Umsatz deswegen im ersten Halbjahr 2009 im Schnitt um zehn Prozent zurück.

Es trifft längst nicht mehr nur die Kleinen: Selbst große Hotels wie der Maritim Reichshof im Zentrum von Hamburg bekommen die Rezession zu spüren. In dem alten Gästehof ist der überbordende Prunk der Gründerjahre mit seinen Mamorsäulen und den goldglänzenden Messingbeschlägen längst verflogen. Als das Jugendstil-Hotel vor 100 Jahren gebaut wurde, war es mit seinen 300 Zimmern das größte Hotel Deutschlands. Jetzt ist es nur noch eines von unzähligen Häusern in der Stadt: an dem Standort in der Kirchenallee gegenüber dem Hauptbahnhof reiht sich ein Hotel an das nächste.

Der Wunschzettel des Hoteldirektors ist lang

Dass in der Hansestadt ständig neue Etablissements entstehen und die Bettenzahl die Nachfrage seit Jahren übersteigt, macht den Kampf um die Hotelgäste umso härter - und die fehlenden Geschäftsreisenden machen sich deshalb in der Bilanz des Reichshofs schmerzlich bemerkbar: Knapp eine Million Euro weniger kam im vergangenen Jahr in die Hotelkasse.

"Entlassen haben wir niemanden. Aber zehn Stellen, die frei wurden, haben wir nicht wieder besetzt", sagt Hoteldirektor Ralf Adamczyk. Außerdem musste er die Fortbildung der restlichen 120 Hotelangestellten zurückfahren. Viele verzichteten auf Telefon-, Rhetorik- oder Computertrainings. Extrem kostspielig ist zudem der Erhalt des Traditionshotels.

Deshalb freut sich der Hotelchef nun über die Steuersenkung, sein Wunschzettel ist lang: Allein um einen alten, abgenutzten Bistrostuhl gegen einen neuen umzutauschen, muss er rund 1000 Euro aufbringen. Ihn stört auch die veraltete Steuerungselektronik der mehrstöckigen Autogarage seines Hotels. Damit soll nun bald Schluss sein: Rund 40.000 Euro muss er für eine neue zahlen - aber durch die Gesetzesänderung sei nun das nötige Geld da.

Investieren will der Manager außerdem in eine neue Heizung, eine vollautomatische Kaffeemaschine und eine große Spülmaschine, für die er noch einmal 40.000 Euro hinblättern muss. Und wenn noch etwas übrig ist, würde er gern wieder ein paar neue Angestellte beschäftigen. Damit aber nicht genug: Adamczyk zeigt auf die sechs riesigen Kronleuchter in der Eingangshalle. "Mehr als 1000 Glühbirnen haben wir im Hotel und die würde ich gern gegen neue, energiesparende LED-Lampen eintauschen."

Günstigere Preise für Hotelzimmer

All das zeigt: Die Hoteliers sind grundsätzlich bereit zu investieren, doch bei Preissenkungen sind viele schon deutlich zurückhaltender. Ihre großen Firmenkunden meckern deshalb. Denn de facto zahlen alle vorsteuerabzugsberechtigten Konzerne seit dem 1. Januar bei gleichbleibenden Zimmerpreisen drauf: Sie können nun nur noch einen geringeren Mehrwertsteuerprozentsatz absetzen - und wollen die Preise nun runterhandeln.

Obwohl es nicht Sinn der Gesetzesänderung sei, dass die Ersparnisse eins zu eins an die Kunden weitergegeben werden, plane sie das eine oder andere Spezialangebot für ihre Gäste, sagt Sabine Nicolaus. Schließlich "bestimmt der Markt den Preis". Große Hotelketten wie Accor, zu deren Gruppe beispielsweise Ibis, Mercure oder Sofitel zählen, preschten bereits mit der Ankündigung vor, die Preise zu senken.

"Wir sind schon am unterem Limit angekommen", betont Reichshof-Chef Adamczyk. Großen Spielräume für Billigangebote habe sein Haus nicht mehr. "Vielerorts sind die Zimmerpreise schon im Keller", warnt auch Michaela Rosenberger, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Manche Luxushotels würden sich nur über Wasser halten können, weil sie die Zimmer zu Schleuderpreisen anbieten - aus Gewerkschaftssicht ein Schritt in die falsche Richtung.

Es bedürfe "ordentlicher Durchschnittszimmerpreise", betont daher die Gewerkschafterin. Statt die Steuerersparnisse an die Gäste weiterzugeben, verlangt Rosenberger, die rund 358.000 Hotelmitarbeiter besser zu bezahlen und auszubilden. In den meisten Bundesländern liegt der tariflich vereinbarte Stundenlohn unter dem von der Gewerkschaft geforderten Mindestlohn von 7,50 Euro. "Da gibt es noch erheblichen Nachholbedarf."



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Seite 1
hlschorsch 12.01.2010
1. Trotzdem schwachsinning....
....trotzdem ist und bleibt es eine schwachsinnige Regelung. Die Krise trifft wohl alle Branchen durch die Bank, nur die Hotelbranche jammert und antichambriert erfolgreich wie es sonst nur die Bauern können. Wer kommt als nächster? Verlangt die Bahn jetzt einen Winter-Bonus oder wollen die Telefonhäuschenbetreiber einen Ersatz für die durch den Handyboom sinkenden Einnahmen? Was haben wir für rückgratlose Politiker!
MrBlue22 12.01.2010
2. Unfug
---Zitat--- Obwohl es nicht Sinn der Gesetzesänderung sei, dass die Ersparnisse eins zu eins an die Kunden weitergegeben werden, plane sie das eine oder andere Spezialangebot für ihre Gäste, sagt Sabine Nicolaus. ---Zitatende--- Die gute Frau hat wohl das deutsche Mehrwertsteuersystem (Umsatzsteuer) nicht verstanden. Es handelt sich um eine "Verbrauch"steuer. Besteuert wird zwar das Unternehmen, aber Träger der Steuerlast soll der Verbraucher sein, dessen Leistungsfähigkeit besteuert wird. Wird daher die Besteuerung zurückgenommen, muss sich dies konsequenterweise auch im vollen Umfang positiv für den Endverbraucher auswirken. Verdammte Subventionsmentalität in Deutschland!!!
c42walli 12.01.2010
3. selten einfältiger Artikel...
Wer würde nicht EVTL. mehr ausgeben, wenn er mehr Geld zur Verfügung hätte ? Natürlich mit Einschränkungen, man weiß ja nicht, was die Zukunft bringt - bla bla bla. Sorry, aber wenn man als "Journalist" so naiv an dieses Steuergeschenk herangehen kann, schlicht nur die Wünsche von Hotelbetreibern auflistet und dann noch auf die harte Realität verweist- das ist schon arm!
anders_denker 12.01.2010
4. unverständliche kosten
da arbeiten zimmermädchen für stundenlöhne unter 3 EUR/Stunde, müssen in der Zeit aber locker mal 10 Zimmer "aufmöbeln". Da wird Wäsche nach Polen oder sonstwohin gekarrt, um sie zu waschen. Selbst ein teuren Häusern. Das Zimmer aber gibt es dann ab 200 EUR aufwärts. Gut, der Staat kassierte 19%, aber irgendwo ist da noch immer ne merkliche Differenz. Von Funktionell-Spartanischen Schlafzellen und Hotels mit personalfreien Checkin garnicht zu sprechen. Da sieht man wenigstens warum sie günstig sind.
aehzebaer 12.01.2010
5. Beispiel Köln
Guten Morgen, über das Beispiel Hamburg hinaus, ist es in Köln so: Die Hotels geben den Vorteil nicht an die Gäste weiter (http://www.ksta.de/html/artikel/1260194967458.shtml), der Rat der Stadt Köln wäre aber trotzdem gerne an dem "Steuergeschenk" beteiligt und will eine 5% Übernachtungssteuer einführen (http://www.ksta.de/html/artikel/1262688277510.shtml) die jährlich rund 20 Mio.€ in die (leeren) Stadtkassen spülen soll. Dieses Husarenstück ist wohl kaum mehr zu toppen! Im übrigen dürften Preisvereinbarungen zwischen Hotels und Unternehmen auf Nettobeträge (ohne MWSt.) lauten, damit können die Unternehmen sich zurück lehnen und brauchen nichts weiter tun. Sollte die Hotels tatsächlich drastischen Kundenschwund haben, so dürften höhere Preise nicht durchsetzbar sein. Und wer ersatzt die fehlenden Steuereinnahmen? Na klar, der Depp (=Bürger). Tolle Sache.
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