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17. März 2011, 08:42 Uhr

Störfeuer vom Währungsmarkt

Steigender Yen beutelt Japans Wirtschaft

Japan kämpft gegen die Katastrophe - und ausgerechnet jetzt steigt der Yen, die Währung des Landes, auf historische Rekorde. Spekulanten treiben die Kurse, die gebeutelte Exportwirtschaftschaft könnte das vollends abwürgen. Die führenden Wirtschaftsnationen wollen nun beraten, was getan werden kann.

Tokio - Der Yen ist zum Dollar zeitweise auf den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg gestiegen. In einem chaotischen, von starken Sprüngen gekennzeichneten Handel mussten zeitweise nur noch 76,25 Yen für einen Dollar bezahlt werden. Das ist ein Anstieg von fast sieben Prozent seit dem katastrophalen Erdbeben und Tsunami vom Freitag. Auch im Vergleich zum Euro zog der Yen deutlich an.

"Das ist Chaos da draußen", sagte ein Währungshändler in Australien. Spekulanten setzen darauf, dass japanische Investoren verstärkt ausländische Anlagen zu Geld machen, um es für den Wiederaufbau zu verwenden. Daher steigt die Yen-Nachfrage, was die Preise treibt. "Das Geld muss zurück nach Hause", sagte ein Stratege der Deutschen Bank laut "Financial Times".

Der starke Yen ist seit Jahren eines der größten Probleme der japanischen Wirtschaft, da er die Exporte verteuert. Mitte 2007 kostete ein Dollar aber immerhin noch 120 Yen. Vor der Katastrophe hatte sich die japanische Währung in einer Bandbreite zwischen 80 und 85 Yen für einen Dollar zumindest stabilisiert. Exportunternehmen wie zum Beispiel der Autohersteller Toyota erhielten damit allerdings bereits zuletzt deutlich weniger Yen für in den USA verkaufte Produkte.

Greift die Regierung ein?

Das Schweigen der japanischen Notenbank zur Währungsfrage hat die Spekulation bisher ermutigt. Viele Analysten und Experten rechnen aber damit, dass die japanische Regierung bald am Devisenmarkt einschreiten wird, um die Spekulation einzudämmen. Dabei sei auch eine international koordinierte Aktion denkbar. Die japanische Regierung kündigte an, dass es noch am Freitag eine Telefonkonferenz der Finanzminister der sieben führenden Industrieländer geben soll. Sie wollen über die Folgen für die Wirtschaft und die Finanzmärkte sprechen.

Bei der Telefonkonferenz seien auch die Notenbankchefs dabei, sagte der japanische Finanzminister Yoshihiko Noda nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo. Seine französische Amtskollegin Christine Lagarde hatte das Gespräch gefordert.

Neue Yen-Billionen für die Börse

Die Börse in Tokio konnte sich nur einen Tag lang leicht von dem Crash nach dem Erdbeben erholen. Denn beruhigt hat sich die Lage an den Finanzmärkten längst nicht. Die japanische Notenbank sah sich erneut zum Eingreifen gezwungen und stellte zusätzliche Milliarden zur Verfügung. Es seien weitere fünf Billionen Yen (45 Milliarden Euro) kurzfristige Notfall-Liquidität in die Märkte gepumpt worden, teilten die Währungshüter mit. Damit summiert sich die Summe der Notfallmaßnahmen auf 33 Billionen Yen. Die Notenbank will damit einen Kollaps der Finanzmärkte angesichts der Angst vor einer nuklearen Katastropheverhindern.

Der Leitindex Nikkei schloss am Donnerstag mit 1,4 Prozent im Minus bei 8962 Punkten. Zwischenzeitlich war er um 2,52 Prozent zurückgegangen. Zu den großen Verlierern gehörte der Energiekonzern Tepco, der Betreiber des Kraftwerks Fukushima. Die Aktien des Unternehmens, die wegen der Masse an Verkaufsaufträgen in den vergangenen drei Tagen vom Handel ausgesetzt waren, brachen um mehr als 13 Prozent ein. Nicht nur in Japan war die Sorge der Händler spürbar. Die Börse in Hongkong notierte 1,9 Prozent tiefer, der chinesische Leitindex in Shanghai lag 1,2 Prozent im Minus.

mmq/dpa-AFX/Reuters

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