Strategie-Debatte Siemens in der Atom-Zwickmühle

Nichts wie raus hier: Siemens überlegt nach der Katastrophe von Fukushima, sein Kernkraftgeschäft aufzugeben. Wirtschaftlich würde sich die Energiewende für den Konzern wohl lohnen - doch die Manager müssen Ärger mit ihren russischen Partnern fürchten.
Turbinen im AKW Olkiluoto Finnland: Siemens baut das Kraftwerk zusammen mit Areva

Turbinen im AKW Olkiluoto Finnland: Siemens baut das Kraftwerk zusammen mit Areva

Foto: Antti Aimo-Koivisto/ AP

Hamburg/Hannover - Das erste, was Besucher der Hannover Messe zu sehen bekommen, sind Windturbinen und Windräder. In hellem Grün erstrahlt der Siemens-Stand in Halle 27. Die Krawatten der Mitarbeiter: grün. Die Schals der Mitarbeiterinnen: grün.

Stolz präsentiert der Konzern auf riesigen Plakaten Photovoltaik-Anlagen, Solarkraftfelder, Windparks und hocheffiziente Gasturbinen. Besucher dürfen auf einer Harley Davidson mit Elektromotor Probe sitzen. Die Botschaft: Siemens hat in Sachen regenerative Energie alles zu bieten.

Nach Innovationen in Sachen Atom sucht man vergeblich. "Kernkraft?", sagt ein Mitarbeiter. "Das spielt hier keine Rolle mehr." Siemens sei doch sowieso nur mit Minderheitsbeteiligungen in Nukleartechnik engagiert. "Wir haben uns da zurückgezogen."

Siemens ganz sauber - ist das wirklich so? Hat Unternehmenschef Peter Löscher nicht noch 2009 die Renaissance der Atomkraft ausgerufen?

Rückblick: Vor zwei Jahren schloss Löscher ein Bündnis mit dem russischen Staatskonzern Rosatom. Bis zu 400 Atomkraftwerke könnten bis 2030 weltweit entstehen, sagte er damals. Ein Vorstandsmitglied begründete den Deal mit den Worten, Siemens sehe in der Kernkraft "ein phantastisches Potential".

Dann kam Fukushima. Und für Siemens hat sich alles verändert. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, gibt es im Konzern mittlerweile echte Zweifel an einer Zukunft der Atomkraft. "Sämtliche Prognosen waren unrealistisch", zitiert die Zeitung einen namentlich nicht genannten Insider. Dass es tatsächlich Überlegungen gibt, aus dem Atomgeschäft auszusteigen, wurde SPIEGEL ONLINE hinter vorgehaltener Hand bestätigt.

Offiziell möchten die Verantwortlichen das aber nicht kommentieren. Grund ist das laufende Schiedsverfahren mit dem französischen Atomkonzern Areva. Siemens will aus dem Kooperationsprojekt aussteigen, noch im Frühjahr soll es eine Entscheidung geben, ob die Deutschen gegen das Wettbewerbsverbot verstoßen haben. Wenn aber das Verfahren abgeschlossen ist, kann man sich bei Siemens offenbar alles vorstellen - sogar den Komplettausstieg aus der Herstellung von AKW-Komponenten.

Ohnehin hat die Kernkraft für Siemens seit dem rot-grünen Atomausstieg 2001 massiv an Bedeutung verloren. Der Konzern hat sich auf fossile und erneuerbare Energien konzentriert. Bei der Kooperation mit Areva ist Siemens nur mit 34 Prozent beteiligt, hat also kaum Einfluss auf die Strategie. Konkrete Zahlen gibt es zwar nicht, aber Analysten schätzen den Jahresumsatz, den Siemens mit AKW-Bauteilen macht, auf einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag.

Bei knapp 76 Milliarden Euro, die Siemens insgesamt pro Jahr umsetzt, ist das Atomgeschäft also vernachlässigbar. Mehr noch: Ein Ausstieg könnte sich finanziell sogar auszahlen: "Siemens ist bei der Technik von Gas- und Windkraftwerken extrem gut aufgestellt", sagt Bernd Laux, Analyst bei der Investmentbank Cheuvreux. Wenn nun weltweit statt Kernkraftwerken vermehrt Gas und erneuerbare Energien zur Stromerzeugung genutzt werden, könne Siemens durchaus profitieren. Und ganz nebenbei würde man Gefahren für das intensiv gepflegte Image als "grüner Konzern" abwenden.

Zwickmühle für Siemens

Ein großes Problem hat Siemens-Chef Löscher aber noch: Er steht bei den Russen im Wort. Denn der Moskauer Staatskonzern Rosatom schmückt sich gerne mit dem weltweit anerkannten deutschen Industriegiganten. Gemeinsam mit Siemens wollten die Russen Weltmarktführer werden - und die Rivalen General Electric  , Toshiba   und Areva übertrumpfen.

Möglich ist, dass die Russen Druck auf Löscher ausüben, an der Kooperation festzuhalten. Und Erpressungspotential gibt es reichlich: Siemens setzt große Hoffnungen in russische Infrastrukturprojekte. Der Konzern verkauft moderne Züge nach Osteuropa, ist Partner für eine grüne Modellstadt nahe Moskau und hofft auf milliardenschwere Aufträge für seine Mobilfunksparte.

Da der Kreml Rosatom kontrolliert, besteht die Gefahr, dass Siemens die Russen mit einer Abkehr von der Atomkraft verstimmt - und in der Folge auf lukrative Geschäfte verzichten muss.

Die Konzernzentrale dürfte daher Möglichkeiten durchspielen, wie man gesichtswahrend aus dieser Zwickmühle herauskommt. Wie man also sowohl den mittelfristigen Ausstieg aus der Atomkraft schafft und zugleich in Russland weiter Geschäfte machen kann. Nach dem Abschluss des Arreva-Schiedsverfahrens wird Löscher ausloten müssen, welche Forderungen die Russen eigentlich stellen.

Wahrscheinlich wird es darauf hinauslaufen, dass Siemens sein Atom-Geschäft zunächst nicht völlig aufgibt. Mit Verweis auf die Energiewende der schwarz-gelben Bundesregierung kann sich der Konzern dann aber Schritt für Schritt aus der unpopulären Produktion von AKW-Bauteilen verabschieden.

Und so lange gilt - wie auf dem Stand der Hannover Messe eindrücklich zu beobachten ist: totschweigen, ausweichen und schönfärben.