Strategiewechsel Warum Europa die Zeit des billigen Geldes beendet

Es ist eine Premiere: Europas Zentralbanker ändern erstmals vor ihren US-Kollegen den Kurs in der Geldpolitik. Die erwartete Zinserhöhung soll Inflation und Spekulation eindämmen, bringt aber Schuldenstaaten wie Spanien und Irland in Not.
EZB-Zentrale in Frankfurt: Schleusen weit geöffnet

EZB-Zentrale in Frankfurt: Schleusen weit geöffnet

Foto: DDP

Berlin - Beim irischen Wettanbieter Paddy Power ist man sich ziemlich sicher: Wer dort im Moment 100 Euro darauf setzt, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöhen wird, kann gerade einmal fünf Euro gewinnen. Wer dagegen auf eine Erhöhung um einen ganzen Prozentpunkt wettet, könnte seinen Einsatz verfünfzigfachen.

Es gibt kaum noch Zweifel daran, dass es ein Viertelpunkt sein wird, um den die Währungshüter ihren Leitzins heraufsetzen - und zwar am Donnerstag. Zentralbanker pflegen zwar eine komplizierte, floskelhafte Sprache, um den Märkten möglichst wenig über ihre Pläne zu verraten. Doch beim Zinsentscheid Anfang März verwendete EZB-Präsident Jean-Claude Trichet eine Formulierung, die als Signal für eine bevorstehende Erhöhung im kommenden Monat gilt: Wegen steigender Inflationsgefahren sei "große Wachsamkeit" gefragt.

In der noch kurzen Geschichte der Zentralbank markiert die Zinserhöhung das Ende einer Ära: Fast zwei Jahre lang hat die EZB europäischen Banken Geld für nur ein Prozent geliehen - ein Rekordtief. Mit der Absenkung im Mai 2009 wollten die Währungshüter genauso wie Kollegen in anderen Teilen der Welt die Wirtschaft ankurbeln. Die globale Krise hatte auch viele europäische Unternehmen voll erwischt, die zugleich von ihren verunsicherten Hausbanken kaum noch Kredite bekamen. Um den Kreislauf wieder in Gang zu bekommen, öffnete die EZB die Schleusen so weit wie noch nie zuvor.

Mittlerweile aber geht es in den meisten Ländern Europas wieder aufwärts, die deutsche Wirtschaft erlebt nach dem tiefen Tal der Krise sogar den größten Boom seit langem. Zugleich hat die Sorge vor einer Geldentwertung seit Trichets Äußerungen zusätzliche Nahrung bekommen: Laut der jüngsten Schätzung erreicht die Inflation im Euroraum mittlerweile 2,6 Prozent. Das ist zwar weit weniger als die Teuerungsrate in anderen Ländern. Doch erklärtes Ziel der EZB ist eine Inflationsrate von weniger als zwei Prozent. Steigt die Rate darüber, gilt die Preisstabilität als gefährdet. Diese Definition sei "die Nadel in unserem Kompass", sagte Trichet Anfang der Woche.

Der Franzose hat auch persönliches Interesse an der Zinserhöhung. Schließlich begann die EZB unter seiner Führung damit, Staatsanleihen von angeschlagenen Euro-Ländern zu kaufen. Der scheidende Bundesbank-Chef Axel Weber kritisiert diese Entscheidung bis heute, weil sie die Inflationsgefahr erhöhe. Wenn Trichet nun Ende Oktober sein Amt abgibt, möchte er wohl kaum als der EZB-Präsident in Erinnerung bleiben, der trotz gestiegener Teuerung am niedrigen Leitzins festhielt.

Warnung vor neuen Blasen

Und noch etwas spricht für die Zinserhöhung: Die Politik des billigen Geldes verführt Anleger zu neuen Spekulationen. "Nicht umsonst sind die Rohstoffpreise so stark gestiegen", sagt Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank  . "Dieser Zinsschritt ist überfällig."

Auch wenn es also gute Gründe für eine Leitzinserhöhung gibt, war diese noch vor kurzem fraglich: Nach dem Erdbeben in Japan wurde ein erneuter Schock für die Weltwirtschaft befürchtet. Eine verschärfte Geldpolitik der EZB hätte in diesem Fall für zusätzliche Unruhe sorgen können. "Vor zwei Wochen hätte ich die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung wegen der Ereignisse in Japan noch auf 50 Prozent geschätzt", sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt von Unicredit  . "Doch die Finanzmärkte gehen mittlerweile sehr ruhig mit dem Thema um."

Die deutlichste Folge der Zinserhöhung könnte nun ein steigender Euro sein. Denn mit höheren Zinsen steigt der Anreiz, Geld im Euroraum anzulegen, was wiederum den Kurs der Gemeinschaftswährung treibt. Allerdings haben Investoren einen Teil der Entwicklung bereits vorweggenommen: War ein Euro Mitte Februar noch 1,35 Dollar wert, so sind es inzwischen 1,42 Dollar. Die Ökonomen von Unicredit gehen davon aus, dass der Euro bis Jahresende einen Stand von 1,48 Euro erreicht. Einkalkuliert sind dabei zwei weitere Zinserhöhungen um je einen Viertelprozentpunkt, von denen die meisten Ökonomen bis Ende 2011 ausgehen.

Die Aufwertung des Euro verteuert zwar Exporte, größere Probleme für die deutsche Wirtschaft erwarten Experten dadurch aber nicht. Stattdessen könnten hochverschuldete Euro-Länder leiden, die ohnehin gegen den Staatsbankrott kämpfen. "Spanien, Portugal und Irland sind die Verlierer der Zinserhöhung", sagt Rees.

Der Grund für die Prognose: In allen drei Ländern werden Immobilien überwiegend durch Hypothekenkredite mit kurzen Laufzeiten finanziert. In Irland, das bereits unter den Rettungsschirm der EU schlüpfte, haben 67 Prozent dieser Kredite eine nur einjährige Zinsbindung. In Spanien sind es 90 Prozent und in Portugal, das als nächster Rettungskandidat gilt, sogar 99 Prozent. Deutschland, Frankreich oder die Niederlande kommen dagegen auf Anteile von weniger als 20 Prozent. Auf die ohnehin von der Krise geplagten Bürger in den Schuldenstaaten könnten also bald höhere Hypothekenzahlungen zukommen.

EZB-Schattenrat ist gegen die Erhöhung

Wegen dieser Aussichten regt sich auch Kritik an der erwarteten Zinserhöhung. "Angesichts des bevorstehenden Zusammenbruchs Portugals muss sich noch zeigen, ob Sorgen über eine Inflation, die marginal über den heiligen zwei Prozent liegen, völlig angemessen sind", sagt Jeremy Batstone-Carr vom britischen Vermögensverwalter Charles Stanley. Auch von den 15 Ökonomen im sogenannten Schattenrat der EZB sprachen sich nur drei für eine Zinserhöhung aus - zwei davon sind Deutsche.

Auf Stabilität pochen deutsche Ökonomen ohnehin besonders gern, doch die wirtschaftliche Entwicklung macht ihnen die Forderungen deutlich leichter. In Ländern wie Großbritannien dagegen wird weiter um die wirtschaftliche Erholung gebangt. Die Bank of England wird deshalb ihren Leitzins voraussichtlich auch am Donnerstag auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent halten - trotz einer Inflationsrate von mittlerweile 4,4 Prozent.

Meister des Zinslimbo aber bleiben die USA. Bereits seit Dezember 2008 gilt dort ein Leitzins von 0 bis 0,25 Prozent. Obwohl sich auch in Amerika die Zeichen für eine Erholung der Wirtschaft mehren, hält die Zentralbank an dem Mini-Zinssatz fest. Lediglich ein Ende des Aufkaufprogramms für Staatsanleihen wird derzeit diskutiert. "Die Amerikaner wollen Ihren Stiefel bis zum Ende durchziehen", kritisiert Rees.

Mit einer Zinserhöhung könnte sich EZB-Chef Trichet deshalb noch kurz vor dem Abtritt einer Premiere rühmen: Zum ersten Mal dürften Europäer vor Amerikanern eine Zinswende einleiten. Rees hält das für die richtige Entscheidung. "Es wird allmählich Zeit, dass man die Geldpolitik normalisiert."

Mit Material von Reuters und AP
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