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StreetScooter: Elektronische Post

Foto: Deutsche Post DHL / Lichtgut/Achim Zweygarth

Streetscooter-Pionier "Die hielten mich für einen von 'Jugend forscht'"

Für seinen ersten Elektrotransporter wurde Maschinenbauer Günther Schuh von der Autoindustrie belächelt. Deshalb entwickelte er das Fahrzeug gemeinsam mit der Deutschen Post - und freut sich jetzt über das große Interesse.

Weil kein Autobauer mitmachen mochte, baut die Deutsche Post einen Elektrotransporter in Eigenregie. Und lässt damit die Fahrzeugbranche alt aussehen. Denn die Dieselkrise verleiht dem Zukunftsprojekt kräftig Schub: Die Deutsche Post verzeichnet eine rege Nachfrage nach ihrem Elektrotransporter und will die Produktion auf 20.000 Stück pro Jahr verdoppeln.

Günter Schuh, seit 2002 Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssystematik an der RWTH Aachen, hat den StreetScooter mitentwickelt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt er, wie er anfangs von den Autokonzernen belächelt wurde und warum der StreetScooter zum Erfolg werden konnte. Inzwischen hat Schuh die StreetScooter GmbH verlassen und ist Geschäftsführer des Elektro-Fahrzeugherstellers e.GO, der einen Elektro-Pkw für den Massenmarkt entwickelt hat.

Zur Person
Foto: RWTH Aachen

Günther Schuh ist ein deutscher Ingenieur und seit 2002 Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssystematik an der RWTH Aachen. Er ist Mitbegründer des Elektro-Fahrzeugherstellers StreetScooter und Vorstandsvorsitzender der e.GO Mobile AG.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, einen Elektrotransporter zu entwickeln?

Schuh: Gemeinsam mit meinem Kollegen Achim Kampker wollten wir als Produktionsforscher zeigen, dass es möglich ist, auch im Hochlohnland Deutschland ein alltagstaugliches, bezahlbares Elektrofahrzeug zu bauen. Auf der IAA im Jahr 2011 haben wir Angela Merkel dann einen Prototyp vorgestellt, der damals noch ganz anders aussah als der heutige StreetScooter. Sie sagte: "Gut, weiter so." Das nahmen wir zum Anlass, an unserer Idee festzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Idee auch den Autofirmen vorgestellt. Wie war die Reaktion?

Schuh: Na ja, wir wurden anfangs sehr belächelt. Es hieß oft: 'Jetzt versucht dieser Professor aus Aachen auch noch, ein richtiges Auto zu bauen'. Die Autoindustrie nahm uns nicht wirklich ernst und bewertete unsere Autos als nicht markttauglich. Die schauten uns an, als seien wir Teilnehmer von 'Jugend forscht', das hat mich schon etwas gekränkt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das Verhalten seitens der Autoindustrie?

Schuh: Deutsche Autohersteller haben in den letzten Jahren wunderbare Erfolge mit ihren Produkten erzielt. Es gab schlicht keine Notwendigkeit, auf unkonventionelle Konzepte zu setzen und sich damit selbst Konkurrenz zu machen. Ich bin nicht sicher, ob ich das anders gemacht hätte, wenn ich Manager in einem Automobilkonzern gewesen wäre. Dass sich die Dinge im Zuge der Dieselaffäre jetzt so dramatisch zuspitzen, konnte man vielleicht ahnen, musste man aber nicht.

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StreetScooter: Elektronische Post

Foto: Deutsche Post DHL / Lichtgut/Achim Zweygarth

SPIEGEL ONLINE: Sind die deutschen Automobilkonzerne beim Thema E-Mobilität jetzt zu spät dran?

Schuh: Die Autohersteller haben an der Startlinie vielleicht zwei, drei Jahre verpasst. Aber unsere Autoindustrie ist so innovationsstark, dass sie das in den nächsten Jahren locker wieder aufholen kann.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie inzwischen anders wahrgenommen?

Schuh: Ja, durch den Dieselskandal steigt das Interesse hierzulande an Elektrofahrzeugen immens. Stadträte suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, um den Ausstoß von Abgasen in ihren Innenstädten zu verringern. Ich halte Fahrverbote für viele ältere Dieselfahrzeuge in Innenstädten für nicht unwahrscheinlich. Vor allem viele kleinere Transportfahrzeuge, die in Innenstädten gefahren werden, haben schlechte Emissionswerte. Der StreetScooter ist von seiner Größe her deshalb genau das Richtige, um einen Teil des Problems zu lösen und für geringere Emissionen in Städten zu sorgen. Die Folge ist jetzt ein Nachfrageschub für den StreetScooter.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zur Autoindustrie hat sich die Deutsche Post für Ihre Entwicklung interessiert. 2014 kaufte Sie Ihre Firma auf und produziert die StreetScooter seitdem in Eigenregie. Wie kam es zu dem Deal?

Schuh: Die Deutsche Post will ihre Flotte nach und nach auf umweltfreundliche Elektroantriebe umzustellen. Deshalb suchten sie umweltfreundliche Transportfahrzeuge. Bei den Autoherstellern blitzten sie ab und sind auf unser kleines Start-up gestoßen. Dann haben wir den StreetScooter gemeinsam entwickelt und das Fahrzeug genau auf die Bedürfnisse der Deutschen Post zugeschnitten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Anforderungen hatte die Deutsche Post bei der Entwicklung des Autos?

Schuh: Das Elektrofahrzeug sollte in seiner ersten Version mit bis zu 600 Kilogramm Post beladen werden und über eine Reichweite von bis zu 85 Kilometern verfügen, damit es im Stadtverkehr eingesetzt werden kann. Ein wichtiger Punkt waren noch die Betreiberkosten. Das Fahrzeug sollte nicht teurer sein als Autos mit Verbrennungsmotoren. All das ist uns gelungen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Auto nur für das Ausliefern von Briefen und Paketen geeignet?

Schuh: Nein, auch für andere Nutzer. Beispielsweise Handwerksbetriebe, die nicht mit hohen Geschwindigkeiten fahren und keine weite Distanzen zurücklegen. Fischhändler nutzen das Auto für ihre täglichen Auslieferungen in der Innenstadt. Dafür wird der Paketkoffer auf dem Lieferwagen einfach durch einen Kühlkoffer ersetzt.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Verkauf an die Deutsche Post haben Sie das Start-up e.GO gegründet. Was haben Sie nun vor?

Schuh: Wir wollen ein Elektroauto für den Ottonormalverbraucher herstellen, das täglich in der Innenstadt genutzt werden kann. Wir beziehen Anfang 2018 in Aachen auf dem ehemaligen Gelände der Phillips-Standorte unsere neue Fabrik. Ab Mitte Mai beginnt unsere Serienproduktion, ab Juli 2018 werden die ersten 1000 Autos ausgeliefert. In den nächsten Jahren wollen wir die Produktion dann schrittweise auf rund 20.000 pro Jahr erhöhen.

e.GO Life Elektroauto

e.GO Life Elektroauto

Foto: DPA/e.GO Mobile

SPIEGEL ONLINE: Ihr Einsteigermodell ist der e.GO Life. Was kann dieses Auto?

Schuh: Der e.GO Life ist als kompaktes, spritziges Elektroauto für den Innenstadtverkehr konzipiert. In der Basisvariante schafft das Auto eine Reichweite von rund 100 Kilometern, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei knapp über 100 Km/h. Der Listenpreis beginnt bei 15.900 Euro, davon geht noch die Kaufprämie für reine Elektroautos in Höhe von 4.000 Euro ab, sodass der Kunde am Ende nur 11.900 Euro zahlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß schätzen Sie das Marktpotenzial für Ihr Auto ein?

Schuh: Nach unseren Berechnungen liegt das Potenzial für elektrische Kleinfahrzeuge, die für innerstädtische Kurzstrecken genutzt werden, bei 400.000 Neuwagen im Jahr. Diese hohe Nachfrage können wir mit dem e.GO nicht mal im Ansatz bedienen. Für die deutschen Autokonzerne bleibt also noch genug übrig.

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