Aufruhr bei Daimler "Das können wir nur als Provokation auffassen"

Das absehbare Ende des Verbrennungsmotors trifft den Autobauer Daimler hart. Gewerkschaften und Betriebsräte befürchten sogar die komplette Schließung einer deutschen Fabrik. Tausende Jobs sind bedroht.
Mitarbeiter des Mercedes-Benz-Werks in Berlin: "Steht das Werk vor dem Aus?"

Mitarbeiter des Mercedes-Benz-Werks in Berlin: "Steht das Werk vor dem Aus?"

Foto: MICHELE TANTUSSI / REUTERS

Der absehbare Abbau von Arbeitsplätzen beim Autobauer Daimler durch die Umstellung auf Elektromobilität stößt auf Widerstand. Im größten Mercedes-Komponentenwerk Stuttgart-Untertürkheim soll bis 2025 die Zahl der Beschäftigten von rund 19.000 um 4000 schrumpfen, wie der Betriebsrat des Werkes in einer Mitarbeiterinformation erklärte.

Das Unternehmen stelle dabei auch die bereits geschlossene Produktionsvereinbarungen am Standort infrage und wolle nichts mehr in konventionelle Antriebe investieren. Außerdem wolle Daimler geltende Vereinbarungen zum Umbau der Fertigung verändern oder sogar aufheben, sagte Betriebsratschef Michael Häberle am Donnerstag. "Dieser harte Schnitt raubt uns die notwendige Zeit, die wir für eine faire Transformation benötigen - das können wir Arbeitnehmervertreter nur als Provokation auffassen."

Gewerkschaft sieht Motorenwerk gefährdet

Auch beim Mercedes-Motorenwerk in Berlin, das rund 2500 Menschen beschäftigt, geht die Sorge über einen groß angelegten Stellenabbau um. "Steht das Werk vor dem Aus?", fragten IG Metall und Betriebsrat in einer Mitteilung. Zuvor waren die Beschäftigten über den Verhandlungsstand mit dem Unternehmen informiert worden. Laut Gewerkschaft sind ein Investitionsstopp, die schrittweise Stilllegung der Produktion und Verlagerung von Fertigungslinien nach Osteuropa vorgesehen.

"Es macht überhaupt keinen Sinn, ein dermaßen gut etabliertes Werk mit seinem ganzen Know-how gezielt ausbluten lassen zu wollen. Dagegen werden wir uns mit allen Beschäftigten und mit der IG Metall zur Wehr setzen", sagte der Betriebsratsvorsitzende Michael Rahmel.

Jan Otto von der IG Metall Berlin kritisierte: "Es kann doch nicht angehen, dass Tesla keine 50 Kilometer vom Mercedes-Benz-Werk Berlin entfernt ein ganz neues Werk mit 10.000 Arbeitsplätzen baut - und dem Daimler-Management fällt gleichzeitig nicht mehr ein, als vor der Zukunft zu kneifen und sein ältestes produzierendes Werk hier dichtmachen zu wollen."

Daimler erklärte, man wolle das Berliner Werk nicht schließen. "Es wird auch in den Standort Berlin weiter Investitionen geben", sagte eine Unternehmenssprecherin. Der Anteil in konventionelle Antriebe werde auf ein Minimum reduziert - während der für CO2-neutrale Technologien und Digitalisierung steigen solle.

Autoriese kämpft mit dem Umstieg

Zum möglichen Stellenabbau äußerte sich die Sprecherin nicht direkt. Es werde weiter in Verbrennungsmotoren investiert und zugleich viel mehr Geld in CO2-neutrale Technologie gesteckt, um die Zukunft der Standorte zu sichern, erklärte sie. "Dazu befindet sich das Unternehmen in konstruktiven Gesprächen mit der Arbeitnehmervertretung."

Die Fabriken in Untertürkheim und Berlin stellen Teile für Verbrennungsmotoren her, wie sie bis Ende der Dreißigerjahre des 21. Jahrhunderts ganz vom Markt verschwinden könnten. Beide Standorte stünden "im zentralen Fokus der Transformation", erklärte Daimler weiter. Mercedes-Benz müsse erheblich in den Umbau zu Elektrifizierung und Digitalisierung der Autos investieren - und gleichzeitig seine Kostenstruktur nachhaltig verbessern.

Der Stuttgarter Konzern hat noch stärker als Volkswagen und BMW mit dem Umstieg zu kämpfen - der durch den Geschäftseinbruch in der Coronakrise noch beschleunigt wird. Schon vor der Pandemie hatte Daimler zu kämpfen: Der chinesische Markt schwächelte, zudem schlagen bei den Schwaben jetzt hohe Kosten des Dieselskandals zu Buche.

clh/Reuters