Arbeitskampf bei Lufthansa und Bahn Das müssen Sie über die drohenden Streiks wissen

Für Reisende und Pendler drohen die kommenden Wochen zur Nervenprobe zu werden. Bei der Lufthansa und der Bahn stehen Streiks bevor. Könnten sie noch abgewendet werden? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Lufthansa-Maschinen in Düsseldorf: Sorge vor dem Riesenstreik
DPA

Lufthansa-Maschinen in Düsseldorf: Sorge vor dem Riesenstreik

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Hamburg - Touristen aus Deutschland genießen ihre freien Tage, zehn Bundesländer haben noch Sommerferien. Wenn die Urlauber in diesen Tagen die Nachrichten in der Heimat verfolgen, dürfte manchen vor der Heimreise grauen. Denn ausgerechnet in der Hauptreisezeit hat die Pilotenvereinigung Cockpit Streiks bei der Lufthansa angekündigt. Und auch Reisende und Pendler, die auf die Bahn angewiesen sind, müssen Chaos im Zugverkehr fürchten. Denn zwei Gewerkschaften liebäugeln bereits mit Arbeitsniederlegungen bei der Bahn. Cockpit und Lokführer-Gewerkschaft GDL wollen sich allerdings abstimmen, damit nicht zeitgleich Bahn- und Flugreisende von einem Streik betroffen sind.

Worum geht es in den Konflikten zwischen den Gewerkschaften und Unternehmen? Müssen Reisende sich bereits auf ein Verkehrschaos einstellen oder lassen sich Streiks noch abwenden?

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Verwöhnte Piloten und eine bedrängte Airline: Der Streit zwischen Cockpit und Lufthansa

Lufthansa-Piloten beim Streik im April
AP

Lufthansa-Piloten beim Streik im April

1. Warum wollen die Lufthansa-Piloten schon wieder streiken?

Manch einer dürfte den vergangenen Streik bei der Lufthansa noch in Erinnerung haben. Anfang April fielen bei einem drei Tage langen Vollstreik der Piloten bei Europas größter Fluggesellschaft rund 3800 Flüge aus. 425.000 Passagiere waren von dieser längsten Arbeitsniederlegung in der Lufthansa-Geschichte betroffen. Sie kostete das Unternehmen nach eigenen Angaben 60 Millionen Euro. Anschließend setzten sich beide Parteien wieder an den Verhandlungstisch.

Doch vier Monate später steht bei dem nun angekündigten Streik erneut dasselbe Thema wie bereits im April im Zentrum: die Übergangsrenten für 5400 Piloten bei Lufthansa, Germanwings und Lufthansa Cargo.

Bis Ende 2013 konnten Lufthansa-Piloten bereits ab dem Alter von 55 Jahren in Rente gehen. Als Überbrückung bis zur staatlichen Rente zahlte das Unternehmen dann aus einer eigenen Übergangsrentenkasse bis zu 60 Prozent der Bezüge. Im Gegenzug mussten die Piloten spätestens mit 60 Jahren aufhören.

Bisher zahlte die Airline jährlich acht Prozent eines Pilotengehalts in die Übergangsrentenkasse. Im Streit mit Cockpit fordert Lufthansa, die Altersgrenze für die Frührente zu erhöhen und die Piloten an der Finanzierung zu beteiligen.

Die Gewerkschaft lehnt das ab. Sie verweist auf gesundheitliche Schäden durch lange Arbeitszeiten und Nachtflüge. Und sie befürchtet, dass das Unternehmen die gebildeten Rückstellungen von 1,2 Milliarden Euro auflösen will. Das wiederum weist Lufthansa zurück.

2. Warum ist der Streit so verfahren?

Neben der Grundsatzentscheidung über die Frührente verhandeln Cockpit und Lufthansa noch über weitere Themen:

  • Die Pilotengewerkschaft verlangt zehn Prozent mehr Gehalt über 24 Monate. Die Lufthansa bietet zunächst eine vom Geschäftserfolg abhängige Steigerung und ab 2016 ein Plus von drei Prozent. Derzeit liegt das Einstiegsgehalt von Lufthansa-Piloten bei 73.000 Euro inklusive Zulagen. In der obersten Kapitänsstufe beträgt das Grundgehalt 193.000 Euro, inklusive Zulagen können mehr als 255.000 Euro brutto im Jahr erreicht werden.
  • Lufthansa hat auch die Vereinbarungen über die Betriebsrenten für die 60.000 Mitarbeiter in Deutschland aufgekündigt. Das Argument: Die Zahlungen seien angesichts der niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten nicht mehr finanzierbar. Für bisherige Angestellte ändert sich nichts, doch Lufthansa-Neueinsteiger gehen leer aus, falls keine Einigung gefunden wird. Neben Cockpit lehnen auch die Flugbegleitergewerkschaft Ufo und Ver.di dieses Vorgehen von Lufthansa ab.

3. Wie stehen die Chancen auf eine schnelle Einigung?

Schlecht. Denn für beide Seiten geht es um richtungweisende Veränderungen. Lufthansa steht durch Billigflieger und staatliche Airlines wie Emirates unter Druck. Lufthansa-Chef Carsten Spohr will nicht nur das Bodenpersonal und die Stewards und Stewardessen, sondern auch die Piloten an dem Sanierungs- und Sparkurs beteiligen. Im Juli kündigte Spohr an, das Billigsegment unter der Dachmarke "Wings" auszubauen. Die Crews der Eurowings-Billigflieger sollen weniger verdienen als ihre Kollegen bei der herkömmlichen Lufthansa.

Scharmützel unter Gewerkschaftern: Der Tarifstreit bei der Bahn

Warnstreik von Lokführern im Juni 2014 in Schleswig-Holstein
DPA

Warnstreik von Lokführern im Juni 2014 in Schleswig-Holstein

4. GDL, EVG und die Bahn: Wer streitet da mit wem?

Die Deutsche Bahn hat es im aktuellen Tarifstreit mit zwei Vereinigungen zu tun: Der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) sowie der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Dabei geht es zum einen um höhere Gehälter für Bahn-Mitarbeiter. Zum anderen will das Unternehmen die Gewerkschaften aber auch dazu bringen, sich gegenseitig eine Art Verhandlungsvollmacht zuzugestehen. GDL und EVG sollen sich jeweils abstimmen, nur eine der beiden Gewerkschaften soll dann federführend mit der Bahn verhandeln. Der Vorteil für das Unternehmen: Es hätte nur noch ein Gegenüber am Verhandlungstisch. Doch für die Gewerkschaften würde das bedeuten, Einfluss abzugeben. Und darum ist der aktuelle Tarifkonflikt vor allem auch ein Machtkampf zwischen GDL und EVG.

5. Was sind die wichtigsten Streitpunkte?

Die Bahn möchte ein Kooperationsabkommen mit den Gewerkschaften. Diese weigern sich. Die Bahn will zunächst geklärt haben, welche Gewerkschaft künftig für welche Gruppen unter den 160.000 Beschäftigten verhandeln darf. Ein entsprechender Grundlagentarifvertrag ist Ende Juni ausgelaufen. Die GDL will nun nicht mehr nur für rund 20.000 Lokomotivführer, sondern auch noch für 17.000 weitere Beschäftigte in den Zügen verhandeln. Im Gegenzug will die EVG ihre Zuständigkeit ebenfalls ausweiten. Neben rund 140.000 Bahn-Angestellten wie Zugbegleiter und Lokrangierführer will sie auch für die ihr angehörenden 5000 Lokführer verhandeln.

Beide Gewerkschaften wollen zudem mehr Geld für ihre Klientel aushandeln. Die GDL fordert für Lokführer und das restliche Zugpersonal fünf Prozent mehr Lohn und zwei Stunden weniger Arbeitszeit pro Woche. Die EVG fordert sechs Prozent mehr Lohn für ihre Mitglieder, mindestens aber 150 Euro mehr pro Monat. Die Bahn hatte eine Übergangsregelung vorgeschlagen. Sie bot den rund 20.000 Lokführern für das zweite Halbjahr eine Einmalzahlung in Höhe von 350 Euro an. Das haben beide Gewerkschaften abgelehnt.

6. Wie stehen die Chancen auf eine schnelle Einigung?

Eher schlecht. Die GDL hat Streiks nicht mehr ausgeschlossen. Und die EVG sieht trotz aller Konkurrenz mit der GDL die Bahn als Hauptgegner. "Wir werden nicht einen Streik der GDL unterlaufen", sagte EVG-Chef Alexander Kirchner dem "Handelsblatt". Es könnte also hart werden für die Bahn, wenn sie erst den Fahrgästen Streiks zumuten und am Ende noch verschiedene Tarifverträge mit unterschiedlichen Inhalten für Mitarbeiter ein und derselben Beschäftigtengruppe unterschreiben muss.

7. Besteht für Reisende noch Hoffnung auf eine streikfreie Sommerzeit?

Passagiere während des Lufthansa-Streiks im April in Frankfurt
DPA

Passagiere während des Lufthansa-Streiks im April in Frankfurt

Wohl kaum. Aber bei den drohenden Streiks von Lokführern und Piloten wollen sich die zuständigen Gewerkschaften zumindest terminlich koordinieren. "Wir bemühen uns, durch Absprachen zu verhindern, dass es parallel zu Streiks kommt", sagte ein Sprecher der Lokführergewerkschaft GDL. "Wir Spartengewerkschaften gehen verantwortungsbewusst mit unserem Streikrecht um." Die GDL und die Pilotenvereinigung Cockpit seien "in Gesprächen, in Abstimmungen drin".

8. Kann die Macht von Mini-Gewerkschaften grundsätzlich eingeschränkt werden?

Arbeitsministerin Andrea Nahles
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Arbeitsministerin Andrea Nahles

Dass Spartengewerkschaften wie GDL und Cockpit so mächtig sind, hat vor allem mit einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) im Jahr 2010 zu tun. Damals kippten die Richter den alten Grundsatz der Tarifeinheit. Seitdem dürfen mehrere Gewerkschaften in einem Unternehmen unterschiedliche Tarifverträge abschließen.

Arbeitsministerin Andrea Nahles will diese Macht der Mini-Gewerkschaften wieder beschneiden. In einem Unternehmen soll nur ein Tarif gelten und die Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern die grundsätzliche Richtung vorgeben. Das Vorhaben der Regierung ist aber verfassungsrechtlich heikel, denn eine solche Regelung kollidiert mit dem Grundrecht der Koalitionsfreiheit, auf das Spartengewerkschaften wie die Pilotenvereinigung Cockpit oder die Lokführergewerkschaft GDL pochen. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lehnt eine gesetzliche Regelung zur Tarifeinheit ab, sofern damit eine Einschränkung der Tarifautonomie und des Streikrechts verbunden ist.

mit Material von dpa und Reuters



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alice 25.08.2014
1. Einfach mal 10% entlassen
dann hat dieser Irrsinn mal ein Ende. Es kann doch nicht sein, dass eine wohlversorgte Minderheit eine Mehrheit in Geiselhaft nimmt.
3-plus-1 25.08.2014
2.
Also das "Wir Spartengewerkschaften gehen verantwortungsbewusst mit unserem Streikrecht um." bedeutet doch im Klartext: Wir wollen zur Eringung einer großen Medienreaktion AUSSCHLIESSLICH Pendler treffen und den Güterverkehr unbeschadet lassen, denn nur so bekommen wir viel Aufmerksamkeit ohne unseren Arbeitgeber wirklich zu schaden (die Industriekunden werden bedient und der Pendler hat ja eine Monatskarte und kann sehen, wie er den Alternativtransport finanziert). Also sollte man sich schon mal darauf einrichten, dass am Rückreisesamstag Bahn und Lufthansa gemeinsam streiken und dann die GDL am Montag um 04:30 Uhr spontan entscheidet auch einen der Hauptverkehrspunkte mit Medienpräsenz zu bestreiken (z.B. Hamburg). Eher ankündigen geht ja nicht, weil sonst die kostenlosen Statisten (aka Beförderungsfälle/Fahrgäste) nicht wartend mit im Reportagebild wären und noch eine Chance hätten nach erfolgreicher Alternativsuche fern zu bleiben.
maphy 25.08.2014
3. Werkzeuge aus dem letzten Jahrhundert
Die Gewerkschaften sind wichtig und richtig, doch mit jedem Streik machen sich die Mini-Gewerkschaften von Infrastrukturunternehmen lächerlich. Es betrifft nicht das Unternehmen, sondern auch unschuldige Personen, wenn das Flugzeug nicht abhebt oder die Bahn nicht fährt. Beim Fliegen gibt es Alternativen, aber beim Monopolist Bahn nicht. Die Macht der Gewerkschaften muss reformiert werden. Streik ist in der heutigen Zeit nicht mehr akzeptabel und nur noch als allerletztes Mittel zu akzeptieren. Vielmehr konnten die Gewerkschaften als Druckmittel zunächst die Gehälter der Chefetage einfrieren. Heutige Gewerkschaften sind so 19Jhd...
fabi.c 25.08.2014
4. Vereinigung Cockpit ...
Ist keine Minigewerkschaft,denn mit einem Organisationsgrad von 95%sind die Piloten eine Macht. Der Gesetzgeber soll sich aus der Tarifautonomie heraushalten. Die DGB Gewerkschaften sollen sich Gedanken machen weshalb man sich deren Problemen nicht genommen hat. Dann gäbe es keine Minigewerkschaften
micromiller 25.08.2014
5. den lokfuehrern goenne ich jeden euro fuer ihre
verantwortungsvolle arbeit. den bis zum hals im geld schwimmenden lufthansa flugzeuglenkern keinen zusaetzlichen euro. wir leben in einer verkehrten welt wo ein teil der privilegierten buerger ruecksichtslos ihre macht fuer mehr, mehr und nochmals mehr ausspielen und der weniger glueckliche teil der leistungstraeger am unteren ende der lohnskala festgenagelt wird, nur weil er nicht die macht hat sich schlagkräftig zu organisieren.
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