Lieferstopp und Kurzarbeit Zulieferer werfen VW mangelndes Interesse an Konfliktlösung vor

Ab Montag rollen im Volkswagen-Stammwerk Wolfsburg keine Golf-Modelle mehr vom Band. Ein Machtkampf mit Zulieferern ist der Grund. Doch diese behaupten, dafür nicht verantwortlich zu sein.
Volkswagen-Werk in Wolfsburg

Volkswagen-Werk in Wolfsburg

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Ab Montag stehen die Bänder der Golf-Produktion im Volkswagen-Werk Wolfsburg still. Dem Autobauer könnte das hohe Verluste bescheren. Grund ist ein erbitterter Streit mit zwei Zulieferfirmen, bei dem es sogar darum geht, wer noch verhandeln wollte und wann.

Die jüngsten Gespräche der Firmen dauerten bis in die Nacht zum Samstag hinein. Dann sei im Einvernehmen eine Vertagung bis Montag beschlossen worden, sagte ein Volkswagen-Sprecher. Schon das sieht Alexander Gerstung, Geschäftsführer des Zulieferers ES Automobilguss, laut "Bild am Sonntag" anders.

Ein Lieferstopp hätte noch in letzter Minute verhindert werden können, sagte er der Zeitung. Am Freitagabend habe man angeboten, am Wochenende weiter zu verhandeln, "um die Kuh vom Eis zu holen". Die VW-Verhandlungsführer hätten aber laut "BamS" kein Interesse daran gehabt. "Für die Krise bei VW und die dadurch entstandene Kurzarbeit sind wir nicht verantwortlich", hatte Gerstung bereits am Freitag mitgeteilt.

Die in Sachsen ansässigen Firmen Car Trim und ES Automobilguss, die beide zur Unternehmensgruppe Prevent gehören, haben die Lieferung von Sitzbezügen und Getriebeteilen an Volkswagen ausgesetzt. Grund sei eine frist- und grundlose Kündigung von Aufträgen seitens VW, teilte Gerstung ebenfalls mit. Volkswagen habe keinen Ausgleich für die Kündigungen gewährt. "CarTrim und ES Automobilguss sahen sich letztlich zum Lieferstopp gezwungen", heißt es jedenfalls in der Mitteilung.

Anlass für die Kündigung von Car Trim seien laut "Bild am Sonntag" angeblich Qualitätsmängel bei Lederbezügen für den Touareg und den Porsche Cayenne gewesen, VW habe dies am 28. Juni per Fax mitgeteilt. Das Auftragsvolumen des mit einer Kündigungsfrist von zwei Tagen aufgelösten Vertrags habe 500 Millionen Euro betragen. Der Zulieferer verlange nun 50 Millionen Euro Kostenerstattung. Volkswagen jedoch weigere sich zu zahlen.

Laut "Süddeutscher Zeitung" soll Car Trim einen Teil der Forderungen an ES Automobilguss abgetreten haben, sodass auch diese Firma Ansprüche gegen Volkswagen geltend machen kann. Insgesamt gehe es um 58 Millionen Euro, berichtet die SZ am Sonntag und hält eine von Volkswagen und der Tochter Porsche gekündigte Entwicklungskooperation mit Car Trim für den Auslöser. Der Volkswagen-Sprecher nannte am Sonntag keine Details, bezeichnete die Forderungen der Zulieferer aber als "absolut nicht akzeptabel".

Die Auswirkungen des Streits für Volkswagen sind immens:

  • Weil Volkswagen durch den Lieferstopp in Kassel Getriebe nicht fertig bauen kann, wird am Montag mit Beginn der Frühschicht die Produktion des Golfs im Stammwerk Wolfsburg ausgesetzt. Der Produktionstopp dauert dem Sprecher zufolge die ganze Woche.
  • Auch in Zwickau ruht die Golf-Produktion.
  • Außerdem stocken bestimmte Arbeiten an Autokomponenten in Braunschweig und Salzgitter.
  • Insgesamt seien mehr als 20.000 VW-Mitarbeiter betroffen, die nicht so arbeiten können wie normal, sagte ein VW-Sprecher.
  • Das Fehlen der Sitzbezüge hat im Volkswagen-Werk Emden, wo der Passat gebaut wird, bereits für 7000 Arbeiter zu Kurzarbeit geführt. Diese läuft dem Sprecher zufolge noch bis einschließlich Mittwoch.
  • Für die anderen Standorte werde noch geprüft, wie mit den ausfallenden Schichten umgegangen werde. Denkbar sei etwa auch ein Überstundenabbau.

Eine Übersicht über die VW-Produktionsorte erhalten Sie hier:

Beim Volkswagen-Konzern bestehe der "Wunsch, ein Ergebnis auf dem Verhandlungswege zu erreichen", sagte ein Sprecher am Sonntag. Gleichwohl werde auch der Rechtsweg weiter verfolgt. Der Konzern hat beim Landgericht Braunschweig bereits mehrere Anträge gestellt, bei einer fortgesetzten Lieferverweigerung Ordnungsgeld, Ordnungshaft oder "Ermächtigung zur Ersatzvornahme" anzuordnen. Letzteres könnte zur Beschlagnahmung der benötigten Teile führen. Das Gericht hat dem bereits stattgegeben.

ES Automobilguss legte laut Gericht Widerspruch gegen die Verfügung ein. Car Trim kann noch Berufung beim Oberlandesgericht einlegen. Allerdings teilte auch Gerstung mit, dass man an einer Einigung interessiert sei. "Wir streben nach wie vor eine einvernehmliche Lösung mit VW an und sind offen für entsprechende Vorschläge."

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) sagte im Radiosender NDR Info, noch sei der Konflikt mit den Zulieferern in einer Phase, "wo wir mit Beginn der Kurzarbeit in Emden und der drohenden Kurzarbeit in anderen Standorten reagieren können". Doch wenn sich der Streit noch lange hinziehe, "mag ich über die Auswirkungen, die das hat, noch gar nicht nachdenken. Mir ist noch gar nicht klar, wie wir dem dann begegnen wollen."

Branchenkennern zufolge geht es in Wahrheit um etwas anderes: Wegen der Abgasaffäre versuche VW derzeit, die Kosten zu drücken und bei seinen Zulieferern niedrigere Preise herauszuschlagen, sagen Insider. Prevent wehrt sich nun offenbar dagegen. Prevent fühlt sich laut "BamS" als Sündenbock und vermutet: Wegen massiver Absatzprobleme beim Golf, das ein Minus von 28 Prozent im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat verursacht haben soll, habe Volkswagen einen Vorwand gesucht, die Produktion zu stoppen.

Über geplante Auszeiten in der Golf-Fertigung vom 4. bis 7. Oktober sowie vom 19. bis 22. Dezember hatte die "Bild" schon zuvor berichtet. Volkswagen betonte, es handle sich um ein Ergebnis der üblichen Produktionsplanung für das vierte Quartal - die Tage lägen überdies in den Herbstferien und kurz vor Weihnachten. Entscheidend sei stets die Auslastung über das Gesamtjahr. So habe man etwa in den Sommer-Werksferien wegen der guten Nachfrage durchproduziert.

Um diese Teile geht es im VW-Zuliefererstreit

abl/AFP/dpa
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