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11. Januar 2011, 19:19 Uhr

Streit über kritischen Bericht

Maschmeyer-Anwalt bedrängt TV-Intendanten

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Von einem "einmaligen" Vorgang spricht der NDR, von möglicher "unwahrer Berichterstattung" der Anwalt von Carsten Maschmeyer: Zwischen dem TV-Sender und dem Gründer des Finanzkonzerns AWD ist ein bizarrer Streit über einen kritischen Bericht entbrannt. In dem kommt Maschmeyer nicht gut weg.

Herr Maschmeyer scheint ein wenig nervös zu sein. Der Gründer des Finanzvertriebs AWD hat offenbar Angst vor einem Film, den die ARD an diesem Mittwochabend über ihn zeigt. Und so versucht Herr Maschmeyer, auf die Berichterstattung Einfluss zu nehmen, indem er sich an die Chefs der lästigen Journalisten wendet.

Mit den NDR-Reportern zu sprechen, hat er sich nach deren Angabe monatelang geweigert. Stattdessen hat Carsten Maschmeyer nun von seinem Medienanwalt Matthias Prinz einen 61 Seiten starken juristischen Schriftsatz an die Intendanten und Chefredakteure der verschiedenen ARD-Anstalten schicken lassen. "Für mich ist das eine neue Qualität der Auseinandersetzung und nach meiner Kenntnis einmalig", sagt NDR-Justitiar Klaus Siekmann.

Bisher lässt sich die ARD davon aber nicht einschüchtern und will ihr Porträt "Der Drückerkönig und die Politik" pünktlich am Mittwoch um 21.45 Uhr zeigen.

Die Politik: Das ist ein mittlerweile illustrer Kreis aus Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), Bundespräsident Christian Wulff (CDU), Ex-Arbeitsminister Walter Riester (SPD), Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und anderen. Am engsten dürfte die Beziehung zu Schröder sein, dessen Wahlkampf Maschmeyer schon 1998 mit einer Anzeigenkampagne mitfinanziert hat, auf dessen Geburtstag der "Finanzoptimierer" gern gesehen ist, und der anreiste, als Maschi in Hildesheim zum Ehrendoktor ernannt wurde.

"Sorge um unwahre Berichterstattung"

Auch Wulff war 2009 auf dieser Doktorfeier und bekannte dort auf gewohnt gestelzte Art, mit Maschmeyer befreundet zu sein: "Aus den Beziehungen ist Freundschaft geworden." Kaum dass er im vergangenen Jahr ins höchste Staatsamt gewählt war, flog Wulff zu seinem Freund nach Mallorca und verbrachte seinen Urlaub in der Villa des Finanzindustriellen. Allerdings betont Wulff, dass er für das Einzimmer-Apartment einen angemessenen Preis bezahlt habe.

Bis 2009 war Maschmeyer im Vorstand des AWD, danach zog er sich zurück, kaufte sich beim neuen AWD-Mutterkonzern Swiss Life ein und rückte dort in den Verwaltungsrat ein. Die spannende Frage ist: Nützen oder nützten Maschmeyer seine Connections zu den mächtigsten Männern im Staat auch fürs Geschäft?

Die Riester-Rente etwa, die dem AWD einen neuen Milliardenmarkt mit Millionen neuer Kunden bescherte, beschloss die SPD im Jahr 2000. Seine Freundschaft mit Schröder begann aber erst im Jahr 2001, sagt Maschmeyer. Auch sein Anwalt Matthias Prinz legt in einer am Dienstag verbreiteten Stellungnahme Wert darauf, dass sein Mandant die Herren Rürup und Riester erst "viele Jahre nach der Einführung der Privatrente kennengelernt hat". Im Übrigen sei Herr Maschmeyer auch bereit gewesen, dem NDR ein Interview zu geben, wenn konkrete Fragen vorher vorgelegen hätten. Das Schreiben an die ARD-Intendaten habe man "aus Sorge um unwahre Berichterstattung" geschickt.

2010 gründete Maschmeyer mit Rürup ein eigenes Beratungsunternehmen und engagierte den Namensgeber der Riester-Rente als Berater. Auch zuvor schon, als Abgeordneter, hat Walter Riester (SPD) mehrere tausend Euro Honorar vom AWD kassiert, wie er gegenüber der Bundestagsverwaltung selbst einräumte. In dem Film nun macht der Ex-Minister keine besonders glückliche Figur. Als die NDR-Reporter Riester aufsuchen, um mit ihm über sein Engagement für AWD zu sprechen, blafft er sie an: "Ich mache mit Ihnen keine Diskussion über AWD." Überhaupt: "Ich bin noch nie für ein Produkt oder einen Anbieter werbend aufgetreten." Schnitt. Danach sieht man Riester vor einer AWD-Tapete mit AWD-Mitarbeitern und hört den ironischen Film-Kommentar: So sieht es also aus, wenn Walter Riester keine Werbung macht.

"Die Anleger glauben, dieser Mann muss seriös sein"

Nützlich, so der NDR, seien die Kontakte zu Schröder, Wulff, Rürup und Riester auch für das Image des ehemaligen "Drückerkönigs". Das Problem: Tausende Anleger geben an, durch seinen AWD geschädigt zu sein, weil sie etwa geschlossene Immobilienfonds gekauft hatten, dazu einen Bankkredit aufnahmen, die Fonds mittlerweile tief in den Miesen stecken, die Kredite für die riskanten Investments aber weiter abgestottert werden müssen.

Zahlreiche Kleinanleger behaupten, mit Hilfe des AWD ihre Altersversorgung ganz oder teilweise verloren zu haben. So wandten sich allein an die Münchener Rechtsanwaltskanzlei Mattil und Kollegen mehr als 500 Menschen, die sich von AWD geschädigt fühlen, in Wien sind Sammelklagen von mehr als 2500 AWD-Opfern anhängig. Der AWD selbst erklärt dazu, dass es sich um Einzelfälle handele, die zudem meist zehn Jahre zurücklägen.

Geschlossene Fonds waren eines der "Lieblingsprodukte des AWD", erläutert im Film die "Finanztest"-Redakteurin Ariane Lauenburg, die sich seit Mitte der neunziger Jahre mit Maschmeyers umstrittenem Finanzvertrieb beschäftigt. "Die Anleger glauben, wenn Herr Maschmeyer mit einem Herrn Wulff oder einem Herrn Schröder auf dem Foto erscheint, dann muss dieser Mann seriös sein."

Zu Glanz verhelfen Maschmeyer aber nicht nur seine Politiker-Freunde, sondern auch Auftritte wie der mit Thomas Gottschalk in der "Bild"-Spendengala "Ein Herz für Kinder" und vor allem seine Lebensgefährtin Veronica Ferres, deren Prominenz dafür sorgt, dass Maschi nun sogar in den Klatschspalten der bunten Blätter auftaucht.

Am Schluss des Films sieht man dann doch noch eine Begegnung des NDR-Reporters Christoph Lütgert mit Carsten Maschmeyer: Lütgert fängt ihn während eines Finanzkongresses in Frankfurt ab. Er steht nur einen Meter neben Maschmeyer, bittet, ihm ein paar Fragen stellen zu dürfen, bittet darum, endlich einen Termin für ein Interview zu bekommen, fragt ihn, warum er denn nichts sagen wolle. Maschmeyer blickt einmal kurz auf, dann sortiert er wieder seine Kärtchen für den Vortrag, macht sich Notizen und bemüht sich, den Mann mit dem blauen Mikrofon zu ignorieren. Seine ganze Haltung drückt aus: Was willst du Wurm von mir!

Selten war der vergebliche Versuch, mit einem so reichen und einflussreichen Mann ins Gespräch zu kommen, erhellender.


"Der Drückerkönig und die Politik": ARD, Mittwoch, 21.45 Uhr

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