Streit um Kreditwürdigkeit Rating-Riese droht USA mit weiterer Herabstufung

Die USA haben die Top-Bonität verloren. Während die Welt gebannt auf die Reaktion der hypernervösen Märkte wartet, wehren sich die Rating-Experten von Standard & Poor's gegen den Vorwurf des Fehlurteils. S&P-Chef Chambers warnt sogar vor einer weiteren Herabstufung.

Standard-&-Poor's-Zentrale in New York: Schlammschlacht mit dem Weißen Haus
REUTERS

Standard-&-Poor's-Zentrale in New York: Schlammschlacht mit dem Weißen Haus


Berlin - Die US-Regierung ist sich sicher: Die Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA von der Bestnote AAA auf AA+ durch die Rating-Agentur Standard & Poor's basiert auf falschen Zahlen. Zwei Billionen Dollar seien bei den Berechnungen schlicht nicht berücksichtigt worden, heißt es aus dem US-Finanzministerium - ein "grundlegender mathematischer Fehler mit erheblicher Konsequenz", der die Glaubwürdigkeit des Rating-Riesen in Frage stelle. Der historische Verlust der Top-Bonität für die USA - ein krasses Fehlurteil?

Bei S&P will man davon nichts wissen. Im Gegenteil. Am Sonntag gingen die Spitzen der Rating-Agentur noch einmal in die Offensive, verteidigten ihr Urteil, prangerten die US-Schuldenpolitik an - und beschrieben das Risiko einer weiteren Herabstufung der Bonität. S&P-Chef John Chambers sprach im US-Nachrichtensender ABC von einem negativen Ausblick und einer Eins-zu-drei-Chance, dass die Kreditwürdigkeit der USA innerhalb der kommenden zwei Jahre noch weiter herabgestuft würde. "Sollte sich die finanzielle Lage der Vereinigten Staaten weiter verschlechtern oder sich die politische Blockade verhärten, könnte das zu einer Herabstufung führen", sagte Chambers.

Chambers fügte hinzu, dass die USA einige Zeit brauchen würden, um die Bestnote wiederzuerlangen. Dafür müsse die Verschuldung zunächst stabilisiert und schließlich abgebaut werden. Notwendig sei auch eine größere Bereitschaft zum politischen Konsens bei der Haushaltskonsolidierung in Washington, als sie derzeit zu beobachten sei. Auch S&P-Direktor David Beers sprach vom Risiko einer weiteren Herabstufung. Im Sender "Fox News" verteidigte er das Urteil des Rating-Riesen. Die Kritik des Finanzministeriums sei eine "totale Verdrehung". Zugleich erklärte Beers, dass er keine größeren Verwerfungen auf den Finanzmärkten erwarte.

Krisensitzung der Euro-Hüter

Doch auch wenn die Herabstufung der amerikanischen Kreditwürdigkeit nicht völlig überraschend kam - Märkte und Politiker sind in höchster Alarmstimmung. Die Finanzminister und Notenbankchefs der wichtigsten Industrienationen (G7) wollten sich nach Informationen der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo telefonisch über die heftigen Irritationen an den weltweiten Finanzmärkten beraten. Auch die Notenbanken der Euro-Zone wollten sich dem Vernehmen nach am Sonntagabend kurzschließen und über die heikle Lage sprechen.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollten nach einem Bericht des französischen "Journal du Dimanche" zunächst keine weiteren Erklärungen veröffentlichen. Nach den vergleichsweise guten US-Arbeitsmarktzahlen vom Freitag solle nun Montag und Dienstag die Entwicklung an den Börsen beobachtet werden.

Als erstes öffnen am Montag (Ortszeit) die Finanzmärkte in China und Fernost, dann folgen die europäischen Börsen - anschließend beendet die Wall Street in New York den Reigen. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Tom Mayer, rechnet mit weiteren Kurseinbrüchen an den Börsen. "Schlechte Nachrichten sind immer unangenehm für Märkte", sagte Mayer im Gespräch mit "Bild am Sonntag". Er rechne zwar nicht mit einem weltweiten Börsencrash, aber: "Es könnte Verluste geben." Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte er: "Ob sich solche Entwicklungen zu einem Sommergewitter oder einem Tornado zusammenbrauen ist schwer vorherzusehen."

Scharfe Kritik aus China

Ungewöhnlich scharfe Kritik an den USA kam aus China. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua schrieb: "Amerika muss für seine Schuldensucht und das kurzsichtige politische Gezerre bezahlen." Als größter Gläubiger Amerikas habe China jedes Recht zu verlangen, "dass die USA ihre strukturellen Schuldenprobleme in den Griff bekommen und die Sicherheit chinesischer Dollar-Anlagen sicherstellen". Außerdem stellte Peking erneut die bislang führende Rolle des Dollars infrage. Es müsse über Alternativen zum Dollar als Reservewährung nachgedacht werden. Die amtliche Agentur agiert häufig als Sprachrohr der Regierung.

Nach der Herabstufung der USA gibt es nur noch vier führende Industrienationen (G7) mit der Bestnote der Agentur: Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Kanada.

Unabhängig von der verminderten Kreditwürdigkeit verteidigte US-Präsident Barack Obama seine Finanzpolitik. Obama bezeichnete das jüngste Schuldenabkommen als einen "wichtigen Schritt in die richtige Richtung". Zugleich räumte Obama nach Angaben des Weißen Hauses am Samstag ein, das wochenlange politische Gerangel habe "zu lange gedauert und hat zeitweise zu viel Uneinigkeit gestiftet".

Der nach wochenlangem Tauziehen zwischen Demokraten und Republikanern erreichte Schuldendeal sieht eine Erhöhung des Schuldenlimits von derzeit 14,3 Billionen Dollar (rund 10 Billionen Euro) vor. Dies solle mit Sparmaßnahmen in Höhe von 2,5 Billionen Dollar (1,7 Billionen Euro) einhergehen. S&P hatte aber zuvor gewarnt, es seien Einsparungen in Höhe von vier Billionen notwendig.

phw/dpa/Reuters

insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
inci 07.08.2011
1.
Zitat von sysopDie USA haben die Top-Bonität verloren. Während die Welt gebannt auf die Reaktion der hypernervösen Märkte wartet, wehren sich die Rating-Experten von Standard & Poor's gegen den Vorwurf des Fehlurteils. S&P-Chef Chambers warnt sogar vor einer weiteren Herabstufung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,778849,00.html
hat einer aus dem oval office im schlaf gequatscht und was von steuererhöhungen in 2012 gemurmelt?
Wasnun 07.08.2011
2. Da "droht" doch keiner!
Blöde Artikelüberschrift. Die Ratingagentur sagt nur ihre Meinung. Ob es jemand passt oder nicht.
Antidarwinist 07.08.2011
3. "warnt sogar vor einer weiteren Herabstufung"
Das ist leider komplett falsches Deutsch!
sprechweise, 07.08.2011
4. Kein Rating notwendig
Zitat von sysopDie USA haben die Top-Bonität verloren. Während die Welt gebannt auf die Reaktion der hypernervösen Märkte wartet, wehren sich die Rating-Experten von Standard & Poor's gegen den Vorwurf des Fehlurteils. S&P-Chef Chambers warnt sogar vor einer weiteren Herabstufung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,778849,00.html
Das Gerangel um die Schuldengrenze hat die USA unabhängig von den Rating-Agenturen beschädigt. Solange in den USA diese verbohrten Tea-Party-Mitglieder in Amt und Würden sind, ist mit politischen Erpressungsversuchen zu rechnen. So wie die Hamas die Zukunft der Palänstinenser zerstört hat, so hat die Tea-Party die Zukunft und die Weltmacht USA zerstört. Noch schlimmer dürfte werden, dass der ein oder andere Diktator jetzt die Chance ergreift und irgendwas Widerliches anstellt, weil er nicht mehr damit rechnen muss von den USA gebremst zu werden.
Barksdale 07.08.2011
5.
Ob diese Weltuntergangsstimmung Ausdruck journalistischer Qualität ist, oder von verärgerten Redakteuren, die Sonntags bei Sonnenschein Berichte schreiben müssen stammt, ist mir schleierhaft.
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