Streit um Familienunternehmen "Sitzen die wahren Patriarchen nicht in den Konzernen?"

Deutsche Familienunternehmer sind nicht besser als russische Oligarchen, schrieb SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Wolfgang Münchau. Jetzt hält Brun-Hagen Hennerkes, Vorsitzender der Stiftung Familienunternehmen, dagegen.

Firmenpatriarch Reinhold Würth, hier mit Frau Carmen, legte auf mehr als 300 Seiten fest, wie Nachfolger sein Unternehmen zu führen haben
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Firmenpatriarch Reinhold Würth, hier mit Frau Carmen, legte auf mehr als 300 Seiten fest, wie Nachfolger sein Unternehmen zu führen haben


Zerschlagt die Familienunternehmen - das forderte SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Wolfgang Münchau Ende April. Die Politik solle aufhören, unternehmerische Familienstrukturen zu begünstigen. Damit sorgte Münchau bei Familienunternehmern für Aufruhr. Brun-Hagen Hennerkes, 75, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Familienunternehmen, widerspricht dem Kolumnisten vehement.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hennerkes, wir möchten mit Ihnen über Oligarchen in deutschen Familienunternehmen reden...

Hennerkes: ...und die absurden Forderungen, die in Ihrer Kolumne gestellt wurden. Der Begriff Oligarch ist doch bereits falsch. Ein Oligarch ist auf seine eigene Macht aus. Sprechen wir also besser vom Patriarchen, der seine Macht für den Familienverband ausübt. Und diese Patriarchen sind in Deutschland ganz überwiegend abgetreten, zum Teil schon vor Jahrzehnten. Nehmen Sie Rudolf-August Oetker, Berthold Leibinger oder Reinhold Würth. An die Konzernspitzen sind Familienclans gerückt, die anders mit Einfluss und Macht umgehen. Die jungen Leute arbeiten stärker im Team und haben höheres betriebswirtschaftliches Wissen als ihre Väter. Ein älterer Patriarch würde ein Unternehmen in der heutigen Zeit nicht mehr gut führen können.

SPIEGEL ONLINE: Die Gründergeneration hat ihre Macht selten freiwillig abgegeben und regiert versteckt noch immer mit. Reinhold Würth hat seinen Nachfolgern ein mehr als 300 Seiten starkes Kompendium hinterlassen, wie das Unternehmen in seinem Sinne zu führen ist. Verstehen Sie das unter Loslassen?

Hennerkes: Das sehe ich nicht so. Natürlich haben die Älteren ihre Vorstellungen oft schriftlich niedergelegt. Aber die Nachkommen der Gründer haben zur rechten Zeit ihre Führungspositionen eingefordert. Mittlerweile ist so gut wie in allen Unternehmen die nächste Generation nachgerückt. Dass der VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch vor wenigen Tagen gehen musste, das ist doch genau diesem Druck aus der Familie zu verdanken.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen ausgerechnet den VW-Konzern als Beispiel für einen gelungenen Generationswechsel?

Hennerkes: Nein, das hat nicht gut funktioniert. Das ist mir völlig klar. Aber auch in diesem Fall haben sich die Familien letztendlich durchgesetzt. Das zeigt, dass in diesen Unternehmerfamilien viel Bewegung ist.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Alleinherrscher in deutschen Unternehmen also ein Phänomen von gestern?

Hennerkes: Sitzen nicht die wahren Patriarchen heute in den Großkonzernen? Dort, wo die Interessen der Eigentümer zersplittert sind, kann sich jemand viel leichter eine besondere Machtposition im Vorstand aufbauen und dann ohne große Kritik regieren. Dafür gibt es einige Beispiele: den ehemaligen Daimler-Chrysler-Vorstandschef Jürgen Schrempp oder Ex-Siemens-Chef Peter Löscher etwa. Die Aufsichtsräte müssen eigentlich darauf achten, dass die Machtballung der Vorstände nicht zu stark wird. Diese Kontrolle versagt bloß manchmal.

SPIEGEL ONLINE: Gerade wird über eine Reform der Erbschaftsteuer verhandelt. Das Bundesverfassungsgericht hat Nachbesserungen gefordert. Sie kämpfen dafür, dass Unternehmerfamilien weiter privilegiert werden. Wie rechtfertigen Sie, dass dieses Steuerprivileg selbst für Milliardäre gilt?

Hennerkes: Die sogenannten Milliardäre haben ihr Geld ja meist nicht auf dem Bankkonto liegen, sondern es ins Unternehmen investiert. In der Wirtschaftskrise haben sie relativ gesehen weniger Arbeitsplätze abgebaut als die anonymen Großkonzerne. Sie haben stabiler auf die Turbulenzen reagiert. Warum sollten wir diese bewährten Strukturen schwächen? Wir kämpfen daher dafür, dass die Verschonung von Betriebsvermögen bei der Erbschaftsteuer fortbesteht. Das Gericht hat lediglich eine Bedürfnisprüfung bei der Befreiung großer Betriebsvermögen von der Erbschaftsteuer verlangt, dabei sollten wir es auch belassen.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen, das Privatvermögen bei dieser Prüfung einzubeziehen?

Hennerkes: Ich kenne einige Fälle, in denen Familienunternehmer Kapital aus der Firma herausgenommen haben, um ein Polster zu haben - und es in schwierigeren Zeiten wieder in die Firma eingebracht haben. Das muss auch in Zukunft möglich sein. Außerdem muss man das Risiko betrachten, dass das Unternehmertum mit sich bringt. Ein Geschäftsführer oder Vorstand eines Börsenkonzerns - was hat der denn für ein Risiko? Der bekommt seine Bezüge, und wenn er rausgeht, eine Firmenrente. Die Familienunternehmer haben diese Sicherheit nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist es überhaupt sinnvoll, wenn Unternehmen weiter vererbt werden? Schließlich vererbt sich das Unternehmertalent nicht mit.

Hennerkes: Durch die Entwicklung der Betriebswirtschaft spielt das Bauchgefühl des Unternehmers eine immer geringere Rolle. Die alten Unternehmertypen haben Finanzleute gehasst - heute dagegen geht nichts mehr ohne Finanzvorstände. Aber das heißt nicht, dass die jungen Unternehmer ideenlos wären.

Zur Person
  • Tom Pingel
    Brun-Hagen Hennerkes ist die Stimme der deutschen Familienunternehmer. Seit 1971 arbeitet er als Anwalt für Firmen und berät sie. Hennerkes ist Mitglied in mehreren Aufsichträten und Beiräten. Seit 1987 lehrt er zudem als Honorarprofessor an der Universität Stuttgart. Im Jahr 2002 gründete er die Stiftung Familienunternehmen, die mittlerweile auch eine Repräsentanz in Berlin hat.

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Seite 1
Newspeak 11.05.2015
1. ...
Für den Normalbürger wäre es besser, wenn Familienunternehmen UND Großkonzerne weniger Macht besäßen, d.h. mindestens ebenso der Allgemeinheit verpflichtet wären, wie dem Eigentümer, ganz so, wie es das Grundgesetz mit der Aussage "Eigentum verpflichtet" schon ausdrückt. Stattdessen nehmen sich beide Gruppierungen nicht viel, wenn es um Steuer"vermeidung" (also "-hinterziehung"), Intransparenz und antidemokratische Organisation geht.
neurobi 11.05.2015
2.
Es gibt sicher auch Ausnahmen (z.B. Milch-Müller), aber in der Regel gehen die deutschen Familienunternehmer weit besser und fairer mit seinen Mitarbeitern um und sind gesellschaftlich, als die seelenlosen anonymen AGs in den Händen der Finanzindustrie.
handschaltung 11.05.2015
3. Tut mir leider Herr Hennerkes,
ich bin da ganz anderer Meinung als Sie. Das Familienvermögen plus Firma muss besteuert werden. Ich zahle auch meine Steuern - und zwar ohne wenn und aber.
muellerthomas 11.05.2015
4.
Zitat von neurobiEs gibt sicher auch Ausnahmen (z.B. Milch-Müller), aber in der Regel gehen die deutschen Familienunternehmer weit besser und fairer mit seinen Mitarbeitern um und sind gesellschaftlich, als die seelenlosen anonymen AGs in den Händen der Finanzindustrie.
Woher wissen Sie das? Haben Sie dazu Daten? Großunternehmen zahlen im Durchschnitt höhere Gehälter (auf allen Ebenen) und bieten mehr Sozialleistungen sowie sonstige Vorteile (Weiterbildung etc.) als kleinere Unternehmen.
lupidus 11.05.2015
5.
Zitat von handschaltungich bin da ganz anderer Meinung als Sie. Das Familienvermögen plus Firma muss besteuert werden. Ich zahle auch meine Steuern - und zwar ohne wenn und aber.
wird auch ihr vermögen besteuert ? nein, nur die erträge hieraus. dann macht der erbe eben einen teil des unternehmens dicht, setzt leute frei um die steuer zu zahlen. was solls....
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