Blackout-Gefahr Deutsche Netzbetreiber kämpften mit akuter Stromnot

Im deutschen Stromnetz herrschten zuletzt chaotische Zustände: Elektrizität wurde knapp, Nachbarländer starteten Hilfsaktionen, die Preise explodierten. Ursache könnten Spekulationen von Händlern sein.
Hochspannungsmasten in Sachsen

Hochspannungsmasten in Sachsen

Foto: Matthias Rietschel/ ASSOCIATED PRESS

In Deutschlands Stromnetzen ist es im vergangenen Monat zu heftigen Schwankungen gekommen. Am 6., 12. und 25. Juni sei teils deutlich weniger Elektrizität eingespeist worden als gerade benötigt worden wäre, bestätigte der Netzbetreiber Amprion dem SPIEGEL. Zuvor hatte der Branchendienst energate von den Engpässen berichtet .

Die "starke Unterspeisung" sei im sogenannten Markt für Regelenergie aufgetreten, sagte ein Amprion-Sprecher. Dieser dient dazu, kurzfristige Schwankungen auszugleichen, die teils binnen Minuten auftreten. Die Vermeidung solcher Unregelmäßigkeiten ist für die Versorgungsstabilität essenziell wichtig. Gerät das System aus der Balance, schwankt auch die sogenannte Stromfrequenz - was ganze Fabriken aus dem Takt bringen kann.

"Die Lage war sehr angespannt und konnte nur mit Unterstützung der europäischen Partner gemeistert werden", sagte der Amprion-Sprecher.

Bei der Auktion der sogenannten Minutenreserve stiegen in der Folge die Preise stark an. Eine Megawattstunde kostete am vergangenen Samstag in der Spitze 37.856 Euro , obwohl man sie in ruhigen Zeiten teils schon für zehn Euro bekommt. Insgesamt lagen die Regelenergiekosten am 29. Juni bei rund 17 Millionen Euro, an normalen Tagen kommen teils nur wenige Tausend Euro zusammen.

Eine erneute Unterdeckung scheint dafür nicht der Auslöser gewesen zu sein. Der Preisschub vom vergangenen Samstag scheine eher damit zusammenzuhängen, dass die Netzbetreiber die vorgehaltene Minutenreserve kurz zuvor verdoppelt hatten - eben damit es nicht noch einmal zu kritischen Engpässen kommt. Der Markt habe dies offenbar als Warnsignal gedeutet, sagte ein Branchenkenner dem SPIEGEL.

Marktteilnehmer, darunter die Firma Next Kraftwerke, vermuten hinter den Engpässen im Juni das Werk von Spekulanten. Es besteht demnach der Verdacht, dass Händler Versorgungslücken im Regelenergiemarkt zunächst bewusst nicht ausgeglichen hätten, um später höhere Gewinne einzustreichen.

Wenn dies an vielen Stellen gleichzeitig passiert, steigen nicht nur die Preise - es steigt auch die Gefahr eines Blackouts. Die aktuellen Rahmenbedingungen des Regelenergiemarkts sind nach Darstellung von Next Kraftwerke nicht ausreichend, um solche Manipulationen zu unterbinden.

Die Übertragungsnetzbetreiber wollen sich zu den Ursachen der Preisspitze erst nach einer umfassenden Analyse äußern, die sie zusammen mit der Bundesnetzagentur erstellen. Dies könne bis zu acht Wochen in Anspruch nehmen, hieß es. "Ob es Konsequenzen für Marktteilnehmer geben wird, wäre zu diesem Zeitpunkt Spekulation."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Textfassung hieß es, an der Strombörse seien die Preise gestiegen. Tatsächlich wird Regelenergie auktioniert, nicht an der Börse gehandelt. Wir haben den Fehler korrigiert.

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