Dienstleistungsbranche Wie digitale Superkonzerne soziale Ungerechtigkeit fördern

Die Marktmacht einiger weniger digitaler Konzerne in Deutschland wächst - und ihre Gewinne steigen kräftig, zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Klingt gut, doch es gibt Verlierer.
Glasfaserkabel in Schleswig-Holstein

Glasfaserkabel in Schleswig-Holstein

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Die Beschäftigten der Dienstleistungsbranchen in Deutschland hätten zwischen 2008 und 2016 elf Milliarden Euro mehr verdienen können. Das ist das Ergebnis einer Studie des Prognos-Instituts im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung.

Sogenannte Superstarfirmen - die jeweils vier stärksten Player einer Branche - stellen demnach ihre Produkte und Dienstleistungen besonders effizient her. Sie tun das dank digitaler Technologie mit vergleichsweise wenig Mitarbeitern. Die Superstarfirmen zahlen zwar oft höhere Löhne als ihre Konkurrenten. "Doch die Lohnzuwächse halten nicht Schritt mit ihrem enormen Produktionswachstum", sagt Studien-Mitautor Dominic Ponattu von der Bertelsmann-Stiftung.

Andere Unternehmen, die weniger produktiv und mit höheren Lohnquoten arbeiten, geraten zudem unter Druck. Sie versuchen, ihre Kosten zu senken - auch über die Löhne. Oder sie werden aus dem Markt gedrängt.

In einzelnen Branchen wächst so zwar die Produktivität. Doch die sogenannte Lohnquote - der Teil des Wachstums, den die Arbeitnehmer erhalten - sinkt.

In Deutschland gebe es solche Konzentrationen vor allem im Dienstleistungssektor, heißt es in der Studie. Etwa bei Logistikfirmen, Großhändlern, privaten Krankenhausgruppen, großen Discountern oder Kaffeehaus- oder Gastronomieketten.

Produktivität hängt Löhne ab

Als Beispiel nennt Ponattu die Verbreitung von Vibrationsalarmen in der Gastronomie. "Der Kunde bestellt sich ein Essen an der Theke, bekommt ein elektrisches Gerät und holt sich dann bei Vibrationsalarm sein Essen selber ab", sagt der Experte. "Das spart die Kellner." Der Faktor Arbeit verliere durch solche Innovationen zusehends an Bedeutung.

Derzeit machen Superstarfirmen laut Ponattu erst etwa ein Prozent der Unternehmen in Deutschland aus. Doch schon jetzt seien dort, je nach Branche, fünf bis 15 Prozent aller Beschäftigten tätig. Tendenz: stark steigend.

Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, Aart de Geus, warnt vor den sozialen Konsequenzen. "Wir brauchen Pioniere und Vordenker für unsere Zukunft", sagt er. "Doch wir müssen gleichzeitig sicherstellen, dass die ganze Gesellschaft profitiert, nicht nur eine Minderheit."

Tarifflucht verstärkt den Trend

Die Probleme sind nicht in allen Branchen gleich groß. Bei den Finanzdienstleistern und Energieversorgern etwa habe die Konzentration zwischen 2008 und 2016 sogar abgenommen, heißt es in der Studie. Die Löhne in diesem Sektor seien gestiegen.

In der Industrie - Maschinenbau oder Elektroindustrie - seien ebenfalls keine negativen Folgen für die Lohnentwicklung zu beobachten gewesen. Das könne sich aber ändern, sagte Ponattu mit Blick auf die Industrie. "Dort steht der große Schwung bei der Digitalisierung noch bevor."

Die Digitalisierung ist nicht die einzige Herausforderung, die auf die Gesellschaften zukommt. Nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di gibt es neben ihr zum Beispiel noch einen weiteren Grund, warum die Lohnquote in Deutschland von 2002 bis 2017 gesunken ist: die sogenannte Tarifflucht.

Anfang dieses Jahrtausends haben laut Ver.di 76 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland und 63 Prozent im Osten in tarifgebundenen Betrieben gearbeitet. 2017 waren es nur noch 57 Prozent in Westdeutschland und 44 Prozent im Osten der Republik.

ssu/dpa-AFX
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