Suizidserie Politiker rügen France-Télécom-Management

Mehr als 20 Mitarbeiter der France Télécom haben sich in den vergangenen Monaten das Leben genommen. Französische Gewerkschafter machen Stress und schlechten Führungsstil für die Selbstmorde verantwortlich - die tragischen Todesfälle werden zum Politikum.
Arbeitsminister Darcos und France-Télécom-Chef Lombard: "Das sind Dramen, die passieren"

Arbeitsminister Darcos und France-Télécom-Chef Lombard: "Das sind Dramen, die passieren"

Foto: CHARLES PLATIAU/ Reuters

Sie beenden ihr Leben mit Schlafmitteln, strangulieren sich oder stürzen sich aus Bürotürmen - zuletzt war es Stéphanie, 32, die am 14.September freiwillig den Tod sucht: Es ist der 23. Selbstmord bei France Télécom seit Februar 2008 - und mittlerweile wird die Suizidrate zum Politikum.

Denn der öffentliche Druck ist inzwischen so hoch geworden, dass Frankreichs Arbeitsminister Xavier Darcos sogar Konzernboss Didier Lombard ins Ministerium zitierte. "Die Wiederholung derart schmerzhafter Ereignisse in einem einzigen Unternehmen verpflichtet die Regierung zu erhöhter Wachsamkeit", mahnte Darcos und die Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes, Laurence Parisot, forderte gar in einem Ausdruck von Anteilnahme und Hilflosigkeit, "dass man alles tun muss, damit diese Dinge sich nicht weiterentwickeln".

Denn angesichts steigender Arbeitslosenzahlen, drohender Firmenschließungen und einer Welle von Sozialplänen befürchtet die Regierung, dass die Öffentlichkeit die Selbstmorde als Beleg für das Scheitern des staatlichen Konjunkturprogramms verstehen könnte. Deswegen verkündeten Minister und Firmenchef nun in trauter Einigkeit eine Reihe von Maßnahmen, mit denen Stress, Spannungen und Konflikte innerhalb des Großunternehmens mit rund 100.000 Angestellten künftig vermindert werden sollen: Versetzungen werden bis Ende Oktober erst einmal gestoppt, mehr Arbeitsmediziner und Mitarbeiter für die Personalabteilungen werden eingestellt, Hilfestellung für psychisch labile Arbeitnehmer und - schließlich handelt sich um ein Unternehmen der Telekommunikation - eine Gratis-Telefonnummer zur anonymen Beratung werden organisiert.

Gewerkschaften kritisieren strukturelle Veränderungen

Die Marschrichtung der Regierung also ist klar: "France Télécom", so gab es der Minister vor, "muss auf sozialer Ebene" genauso leistungsstark werden, "wie auf technischem Niveau".

Ob derartige Appelle reichen, bleibt allerdings offen. Denn Auslöser für die persönlichen Dramen sind auch strukturelle Veränderungen im Konzern, zumal die ehemalige Sparte der Post seit 1997 zum Privatkonzern France Télécom (Markenname: "Orange") umgebaut wurde. Obwohl der Staat mit 26,7 Prozent der Anteile noch immer Mehrheitsaktionär ist, habe sich laut Gewerkschaften und Betriebsrat mit der Ausrichtung auf internationale Märkte ein knallharter Führungsstil breitgemacht - einzig ausgerichtet auf Profit und Produktivität. "Es gibt keine Menschlichkeit mehr, keine Nähe, Business allein zählt", sagte etwa Patrice Diochet, Generalsekretär der Gewerkschaft CFTC.

Dabei wurden nicht nur 40.000 Stellen gestrichen, es häuften sich Beschwerden von Mitarbeitern über willkürliche Versetzungen; Techniker wurden ohne ausreichende Schulungen zu Kundenberatern, unproduktive Verkäufer wurden in Callcenter abgeschoben. Die Folge waren Druck, Nervosität und Unsicherheit, die dazu führten, dass die Gewerkschaften von France Télécom bereits 2007 ein Beobachtungsgremium einrichteten, um die Aussagen gestresster Mitarbeiter zu sammeln.

"Die Zahl der Selbstmorde steigt nicht"

Trotzdem schien die Firmenleitung wenig beunruhigt, als sich die Suizide seit Jahresbeginn häuften. "Das ist nicht dramatisch, ich habe Schlimmeres gesehen", zitiert die Zeitung "Le Canard Enchaîné" den Personalchef von France Télécom, Olivier Barberot. "Die Zahl der Selbstmorde steigt nicht: Es gab deren 28 im Jahr 2000 und 2002 waren es 29."

Auch Firmenboss Lombard empfindet das Phänomen vor allem als PR-Problem: "Die höllische Spirale der Selbstmorde muss man unbedingt stoppen." Der Firmenlenker erklärt, dass vor allem die Berichterstattung in Presse und Fernsehen Schuld daran sei: "Das sind Dramen, die passieren", so der Télécom-Chef, der mit Unmut zur Kenntnis nimmt, dass seit Mai "viel darüber geredet wird". Und Lombard erlaubt sich die Warnung vor einer "Ansteckungsgefahr" der Suizide, "damit diese Mode zu einem Endpunkt kommt". Lombard: "Je mehr man davon spricht, desto eher bringt man Menschen in labilen Situationen auf eine Idee."

Doch mit dieser wenig feinfühligen Erklärung, vorgebracht im Beisein des Arbeitsministers, sorgte der Manager erneut für Ärger - auch in der Regierung. Der gerügte Firmenchef entschuldigte sich umgehend für seine verbale Entgleisung. "Ich habe das Wort 'Mode' gesagt", so erklärte Lombard, "das kam durch die Übersetzung aus dem Englischen 'mood'". Soll heißen: Der Manager hofft dass die "Selbstmordstimmung" bald ein Ende findet.

Das aber wird auch in seiner Hand liegen: Bis Ende des Jahres wird die Firmenleitung durch Frankreich touren, um den Befindlichkeiten der Mitarbeiter auf den Grund zu gehen. Außerdem hat Lombard schon angekündigt, wie er die Selbstmordwelle beenden will. Mehr Schulung für die Verwaltungsangestellten in Führungspositionen versprach er bereits. "Wir haben sie nach wissenschaftlichen Regeln des Menschen-Managements ausgebildet, aber vielleicht nicht genug", räumt er ein. "Unsere Führungen sind von ausgezeichneter Qualität, aber wir werden zusätzliche Ausbildungseinheiten hinzufügen", denn, "es gilt diese kleine Schwäche auszugleichen".

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