Tante Emma 2.0 Der Supermarkt, der dem Dorf gehört

In vielen Gemeinden verschwinden die lokalen Lebensmittelgeschäfte. Ein Bremer Unternehmer will mit einem Genossenschaftsmodell gegensteuern: Er verspricht digitale Tante-Emma-Läden nach Kundenwunsch.
Supermarkt Tante Enso in Wollbach: Die größten Wünsche sind Red Bull und Eistee

Supermarkt Tante Enso in Wollbach: Die größten Wünsche sind Red Bull und Eistee

Foto: Nils Frenzel

Es ist ein zuckriger Wunsch, der die Dorfjugend der Gemeinde Wollbach beschäftigt und sich auf einer schwarzen Kreidetafel im neu eröffneten Tante-Enso-Supermarkt wiederfindet: rotes Red Bull. Dutzende Kreidestriche an der »Wünsch-dir-was-Tafel« verstärken die Dringlichkeit des Bedarfs nach dieser speziellen Sorte des Energydrinks.

Die Wunschtafel ist das Herzstück des Ladens, sagt Filialleiterin Regina Kesselring an einem Samstagvormittag, und erklärt das Konzept des neuen Supermarkts in Wollbach, der irgendwie ihnen allen gehört. Denn bei Tante Enso soll der Kunde tatsächlich König sein. Der Dorfladen gehört schließlich nicht irgendeiner Supermarktkette, die Sortiment, Preise und Marken festlegt, sondern ihnen allen: der Dorfgemeinschaft. Jedenfalls zum Teil. Sie haben schließlich dafür gezahlt.

In Wollbach, einem 1300-Einwohner-Örtchen nahe Augsburg, sind viele Menschen froh, dass es endlich wieder einen Nahversorger gibt. In vielen kleinen Gemeinden in Deutschland ist die fehlende Versorgung mittlerweile ein Problem. Die Zahl der sogenannten »Verkaufsstellen« geht seit Jahren zurück. Von knapp 50.000 im Jahr 2016 auf heute 34.000.

In Dörfern, die für die großen Supermarktketten kaum interessante Standorte bieten, fehlen häufig fußläufig erreichbare Verkaufsstellen. Die Bewohner solcher Gemeinden sind gezwungen, mit dem Auto in die nächste Stadt zu fahren. Vor allem ältere Menschen trifft der Rückgang der lokalen Verkaufsstellen hart, denn ihre Versorgung hängt massiv von einer fußläufigen Erreichbarkeit ab.

Aber das Verschwinden der Nahversorgung im ländlichen Raum birgt noch ein anderes Problem. Den Verlust der sozialen Funktion, die Läden in kleinen Orten innehaben. Man trifft sich eben beim Einkaufen. Ohne eine attraktive Nahversorgung fehlt dem Dorf mehr als ein Geschäft. Es fehlt eine Begegnungsstätte.

»Wie eine große Familie«

Auch in Wollbach stand man im vergangenen Jahr vor diesem Problem. Damals schloss dort der letzte Kaufmann seine Ladentür ab, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben. Nicht einmal eine Tankstelle gab es in der Nähe. Das Thema beschäftige sogar den Gemeinderat. Man kam zusammen, suchte nach einer Lösung, meldete sich schließlich bei dem Onlinesupermarkt MyEnso in Bremen. Dort hatte man für Dörfer wie Wollbach eigens ein Supermarktkonzept entwickelt, bei dem die Anwohner zu Genossen ihres eigenen Kaufmannsladens werden. 300 Menschen mit je 100 Euro Anteil müssen sich finden. Diese 30.000 Euro Startkapital nutzt MyEnso, um die Eröffnung abzusichern.

In Wollbach wurde das Minimalziel von 300 Unterstützern aus der Bevölkerung bereits nach wenigen Wochen erreicht. Im Gegenzug gibt es nun einen voll funktionsfähigen Supermarkt, bei dem die Bewohner mit Kundenkarte und App gar rund um die Uhr und die ganze Woche über einkaufen können – und es gibt Regina Kesselring und ihre Kollegen, die jeden Kunden beim Vornamen kennen.

Von den sieben Tante-Enso-Mitarbeitern kommen sechs aus dem Dorf. »Es ist hier wirklich wie eine große Familie«, sagt Kesselring. »Samstags früh beim Brötchenholen trifft sich das halbe Dorf vor dem Laden.« Außerdem sei der neue Supermarkt auch ein attraktiver Arbeitgeber im Ort. »Es ist ein Projekt, von dem wir alle profitieren«, sagt Kesselring.

Ausgedacht hat sich das Ganze Thorsten Bausch. Der Gründer und Geschäftsführer von MyEnso hat sehr klare Visionen von seinem Supermarkt der Zukunft.

Eigentlich wollte Bausch mit seinem Geschäftspartner Norbert Hegmann einen reinen Onlinesupermarkt bauen, der genau das anbietet, was die Kunden wirklich möchten. Dafür investierte er noch vor der Gründung im Jahr 2016 insgesamt 1,5 Millionen Euro in die Marktforschung. Die Daten wurden Grundlage von MyEnso, eben jener Plattform, über die bis heute die Versorgung der Tante-Emma-Läden läuft.

Schon kurz nach Eröffnung ihres Onlinesupermarktes wurden Bausch und sein Partner von der Gemeinde Blender bei Bremen angesprochen. Die Menschen wünschten sich wieder einen Supermarkt in ihrer Region. Ob MyEnso da nicht etwas machen könnte?

Beide reagierten, fuhren die Onlineware wöchentlich mit einem Kioskwagen in den Ort. »Schnell wurde uns klar, dass die Gemeinde sich keinen wöchentlichen Kioskladen wünschte, sondern einen eigenen, echten Supermarkt«, sagt Bausch. Einen, der nicht durch einen Webbrowser, sondern durch eine Eingangstür betretbar ist. Auch als eine Art Begegnungsstätte für den Ort.

Es gibt schon 900 Bewerbungen

Es ist ein Wunsch, den wohl viele kleine Gemeinden im Land haben. Große Ketten wie Lidl, Penny, Rewe und Edeka planen Standorteröffnungen erst ab einer Verkaufsfläche von 800 bis 1000 Quadratmetern. Das aber lohnt sich in kleinen Gemeinden kaum. Der Personalaufwand wäre schlicht zu hoch im Verhältnis zum Umsatz. Damit verschlechtert sich die Versorgungsqualität für alte und wenig mobile Menschen.

Auch kleinere, selbstständige Supermarktkonzepte seien in diesen dünn besiedelten Regionen keine zukunftsweisenden Modelle, glaubt Bausch. Inhaberbetriebene Läden böten keine attraktiven Versorgungsangebote zu guten Preisen und seien digital kaum aufgestellt. »Die bisherigen Betriebssysteme funktionieren einfach nicht mehr«, sagt er.

Mit seinem Modell versucht er, beides zu verbinden: Durch den zentralen Einkauf für den Onlinesupermarkt kann er preislich mithalten. Durch die kleinen Läden in den Dörfern zusätzliche Kunden gewinnen: Bisher existieren bundesweit sechs Tante-Enso-Filialen, die Hälfte davon in Norddeutschland. Bis Ende des Jahres plant Bausch rund 50 Neueröffnungen. 2030 sollen es schon tausend Filialen sein.

900 Bewerbungen von Dorfgemeinschaften seien schon eingegangen, sagt Bausch. Jeder Tante-Enso-Supermarkt erwirtschaftet mindestens 500.000 Euro Umsatz im Jahr, sagt Bausch. Ab rund 300.000 Euro verdiene man Geld. Schon ein Ort mit nur tausend Einwohnern habe ein jährliches Umsatzpotenzial von bis zu 2,3 Millionen Euro. Das will der Unternehmer so gut es geht abschöpfen.

Dafür versucht Tante Enso so gut es geht auf die Wünsche der Kunden einzugehen. Zwar wird der Großteil des Sortiments zentral gesteuert, dennoch würden die Kundenwünsche auf der Kreidetafel am Eingang so gut es geht berücksichtigt, verspricht Busch. Dass im Getränkeregal dennoch auffällig viele Craftbiere aus Bremen stehen statt Flaschen von den zahlreichen lokalen Brauereien? MyEnso kooperiere eben mit verschiedenen Start-ups aus der Lebensmittelbranche und verschicke neue Produkte direkt an die eigenen Supermärkte, sagt Busch. Und wenn es sich nicht verkaufe, stehe das Bremer Bier auch nicht lange im Regal.

Ein »total schlüssiges Konzept« sei das, findet Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE-Handelsberatung. Die Nahversorgung im ländlichen Raum sei ein großes Thema, Tante Enso passe genau in die Marktentwicklung: Die Verzahnung mit dem Onlineshop gewährleiste den Zugriff auf 20.000 Artikel. Zudem sei im ländlichen Raum das Thema Teilhaben, Mitgestaltung und Identifikation unglaublich wichtig. Das dürfe man nicht unterschätzen. Statt in die nächstgrößere Stadt zu Rewe zu fahren, wollen die Menschen in »ihrem Supermarkt« einkaufen.

In Wollbach sollten sie das eigentlich an 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche können. Eine spezielle Kundenkarte regelt den Eintritt und die Bezahlung auch außerhalb der normalen Öffnungszeiten. Das zumindest ist die Theorie. In der Praxis jedoch scheitert dieses Vorhaben am strengen bayerischen Ladenschlussgesetz. Auf Anfrage bestätigt das zuständige Ministerium in München, dass Kleinstsupermärkte zwar auch im Freistaat werktags rund um die Uhr öffnen dürften – jedoch nur bis zu einer Verkaufsfläche von 100 Quadratmetern. Zu wenig für Tante Enso. Sonntags sei ohnehin nichts zu machen.

Scheitert am Ende der neue Tante-Emma-Laden an der Bürokratie? Wollbachs Bürgermeister Thomas Bruckmüller will sich jedenfalls dagegen wehren, dass im Supermarkt bald nach 20 Uhr die Lichter ausgehen. Der Laden, gelegen direkt neben seinem kleinen Rathaus, schaffe einen neuen Treffpunkt für den Ort. Er will alles tun, um das Projekt zu retten. Das Konzept, sagt er, »tut doch keinem weh«.

Die Wollbacher Dorfjugend würde es ihm danken. Sie hat den neuen Laden schon vollends angenommen. Jüngster Wunsch auf der schwarzen Kreidetafel: »Dirtea«, ein von der Rapperin Shirin David produzierter Eistee, den man sonst eher in Berliner Spätis findet – und zwar rund um die Uhr.