Tarifverhandlungen 2011 Deutschen droht das Mini-Lohnplus

Volkswagen macht Lust auf mehr - der rasche und satte Tarifabschluss in Wolfsburg folgt dem Trend zu höheren Löhnen. Doch längst nicht alle Branchen können sich üppige Zuschläge leisten. Und die Inflation könnte das Plus bald wieder schmälern.

Demonstrierende Stahlarbeiter: Erste Tarifverhandlungen nach der Krise
ddp

Demonstrierende Stahlarbeiter: Erste Tarifverhandlungen nach der Krise

Von


Hamburg - So schnell kann es gehen: Nur drei Runden brauchten die Verhandlungsführer, um einen neuen Tarifabschluss bei Volkswagen Chart zeigen zustande zu bringen. Am Dienstagmorgen verkündeten sie einen Kompromiss, mit dem beide Seiten offenbar gut leben können: Ab Mai gibt es 3,2 Prozent mehr Lohn, hinzu kommen Einmalzahlungen in der Höhe von einem weiteren Prozent.

Mit Volkswagen hat nach der Deutschen Bahn und RWE bereits der dritte deutsche Großkonzern im neuen Jahr nahezu geräuschlos höhere Löhne vereinbart. "Eine Stoßrichtung, die mit Stahl begonnen hat, setzt sich hier fort", hofft Mehrdad Payandeh, Tarifexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Hintergrund: In den ersten großen Tarifverhandlungen nach der Krise hatte die Stahlbranche im September 2010 ein Plus von 3,6 Prozent verhandelt.

Um den selben Wert wuchs 2010 das Bruttoinlandsprodukt. Deutschlands rasche Erholung hat die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer gestärkt. Für insgesamt 7,5 Millionen von ihnen werden nach Berechnungen der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung 2011 neue Löhne und Gehälter ausgehandelt. Ob Nahrungsindustrie, Bauhauptgewerbe, Textilindustrie oder Versicherungen: Überall werden Lohnerhöhungen zwischen fünf und sechs Prozent gefordert. Die Vertreter der boomenden Chemieindustrie wollen sogar zwischen sechs und sieben Prozent.

Dass Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt von Forderungen aus dem "Wolkenkuckucksheim" spricht, gehört genauso zum Tarifverhandlungsritual wie die Maximalforderungen der Gewerkschaften. Selbst beim gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjukturforschung (IMK) hält man im branchenübergreifenden Durchschnitt nur Lohnsteigerungen von bis zu 3,5 Prozent für vertretbar.

Beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) werden die Hoffnungen noch stärker gebremst. "Wenn die Branchenführer mit 3,2 bis 3,6 abschließen, dann wird wahrscheinlich im Schnitt eine Zwei vor dem Komma stehen", sagt IW-Tarifexperte Hagen Lesch. Beim jüngsten Abschluss in Wolfsburg gebe es einen "VW-Zuschlag". Als Großunternehmen müsse der Autokonzern bei guter Auftragslage etwas draufschlagen, das sei aber "kein Signal für andere".

"Inflation macht Verhandlungen schwieriger"

Doch wenn Lesch Recht behielte, hieße das auch: Bei deutlich niedrigeren Abschlüssen bliebe den Arbeitnehmern angesichts der anziehenden Teuerung nicht mehr allzu viel übrig. "Angesichts einer erwarteten Inflation von etwa 1,5 Prozent brauchen wir diese stärkeren Erhöhungen", sagt Reinhard Bispinck, Tarifexperte der Böckler Stiftung.

Bispinck hat gerade die realen Bruttoverdienste im letzten Jahrzehnt errechnet. Ergebnis: Unter Berücksichtigung der Teuerung verdienten die Deutschen im Jahr 2010 durchschnittlich vier Prozent weniger als zehn Jahre zuvor. Selbst im vergangenen Jahr blieb demnach von einem Plus der Bruttolöhne um 2,2 Prozent am Ende nur die Hälfte übrig. "Die Inflation wird dazu führen, dass die Verhandlungen schwieriger werden", prophezeit IW-Ökonom Lesch. Sollten sich die Inflationserwartungen verfestigen, würden auch Arbeitskämpfe wieder wahrscheinlicher.

Neben der Inflation dürften die Gewerkschaften in den kommenden Monaten noch ein anderes Argument ins Feld führen: Höhere Löhne führen zu mehr Konsum. Den fordern europäische Nachbarländer von Deutschland, um ihr eigenes Wachstum anzukurbeln. "Ich denke, dass das Argument deutlich an Überzeugungskraft gewonnen hat", sagt Bispinck.

Doch trotz der verbesserten Wirtschaftslage dürften die Verhandlungen nicht in allen Branchen so problemlos verlaufen wie jetzt bei Volkswagen. Für den öffentlichen Dienst der Länder fordern die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di und der Deutsche Beamtenbund drei Prozent sowie 50 Euro mehr - was insgesamt fünf Prozent ausmacht. Der Vorsitzende der Tarifgemeinschaft deutscher Länder, Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring, lehnt das strikt ab - und verweist unter anderem auf die Anfang des Jahres eingeführte Schuldenbremse. "Diese Branche ist am ehesten anfällig für einen Arbeitskampf", sagt Lesch.

Falls der gute Abschluss bei Volkswagen am Ende doch kein Signal gewesen sein sollte, so wird es die Mehrheit der Deutschen zumindest nicht überraschen. Gerade einmal sechs Prozent der Bürger glauben laut einer Umfrage der "Welt am Sonntag", dass ihr verfügbares Einkommen 2011 spürbar stärker steigen wird als die Preise.

Mit Material von Reuters

insgesamt 67 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mocs, 08.02.2011
1.
Traumhafter Abschluss in einer Branche, die vor Kurzem (nach eigenem Bekunden) noch in der Krise war. Wenn sie jetzt noch wieder schöne Autos bauen (so wie früher) ist alles fein.
siar 08.02.2011
2. .
Zitat von sysopVolkswagen*macht*Lust auf mehr*- der rasche und satte Tarifabschluss in Wolfsburg folgt dem Trend zu höheren Löhnen. Doch längst nicht alle Branchen können sich üppige Zuschläge leisten. Und die Inflation könnte*das Plus bald wieder schmälern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,744405,00.html
Schmälert die Inflation die Gehälter die nicht erhöht werden etwa nicht?
NormanR, 08.02.2011
3. und täglich grüßt das Murmeltier
ich hab schon Depressionen von diesem Irrenhaus Deutschland.
der andere 08.02.2011
4. Nein Nein
Zitat von sysopVolkswagen*macht*Lust auf mehr*- der rasche und satte Tarifabschluss in Wolfsburg folgt dem Trend zu höheren Löhnen. Doch längst nicht alle Branchen können sich üppige Zuschläge leisten. Und die Inflation könnte*das Plus bald wieder schmälern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,744405,00.html
unsere lieben Gewerkschaften werden es schon schaffen, das Wachstum der Firmen wieder abzuwürgen!
Tuennemann, 08.02.2011
5. Gefühlte Inflation
Zitat von sysopVolkswagen*macht*Lust auf mehr*- der rasche und satte Tarifabschluss in Wolfsburg folgt dem Trend zu höheren Löhnen. Doch längst nicht alle Branchen können sich üppige Zuschläge leisten. Und die Inflation könnte*das Plus bald wieder schmälern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,744405,00.html
Angesichts der Teuerungsrate ist das ein kleines Lohnplus. Schön für die Mitarbeiter von VW, aber diese verdienen um einiges mehr, als die übrigen Beschäftigten der deutschen Automobil-Industrie. Und das sind immerhin ca. 15 - 20% mehr, was die VW-Mitarbeiter, gegenüber den anderen Beschäftigten in der Automobil-Industrie, mehr verdienen. Nur mal so, als Info ;-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.