Sharing Economy Warum Tchibo jetzt Babykleidung verleiht

Leihen, verleihen, leihen, verleihen: Airbnb macht es vor, Konzerne wie Tchibo ziehen nach. Warum ist die Sharing Economy so erfolgreich? Und ist sie wirklich ein Signal für mehr Nachhaltigkeit?
Babykleidung

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Foto: Jan Woitas/ picture alliance / dpa
Zur Person

Steffen Großmann, 34, ist Professor für General Management an der Hochschule Fresenius in Hamburg. Er lehrt zudem an der Akademie für Mode und Design.

SPIEGEL ONLINE: Der Kaffeeröster Tchibo startet diesen Dienstag einen Online-Verleihservice für Babykleidung. Warum macht das Unternehmen den Flohmärkten Konkurrenz?

Großmann: Aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Märkte verändern sich: Es gibt eine Verschiebung weg von den klassischen Handelsmodellen, hin zu Dienstleistungs- und Plattform-Geschäften wie Ebay oder Airbnb sie betreiben, die vor allem Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Traditionelle Handelskonzerne haben auf Dauer nur eine Überlebenschance, wenn sie ihre eigenen Businesspläne diesem Trend, der durch die Digitalisierung getrieben wird, anpassen.

SPIEGEL ONLINE: Tchibo arbeitet mit dem Start-up Kilenda zusammen, das schon länger Baby-Strampler, aber auch Umstandsmode und Kinderwagen verleiht. Warum eine solche Kooperation?

Großmann: Das ist ein typisches Phänomen aus dem Silicon Valley, das man jetzt auch bei deutschen Unternehmen beobachten kann. Große Firmen können bei dem aktuellen Innovationstempo nur Schritt halten, wenn sie sich mit jungen, flexiblen und dynamischen Start-ups zusammentun. Um solche neuen Geschäftsideen im eigenen Haus zu entwickeln und zu erproben, sind viele alte Unternehmenskulturen zu unflexibel.

SPIEGEL ONLINE: Woran hakt es genau?

Großmann: Mit den klassischen Strukturen dauert es oft Jahre, eine solche Marktlücke zu identifizieren und alle Abteilungen mit einzubeziehen. Kleine Start-ups können einfach schneller reagieren. Da sich die Bedürfnisse der Kunden immer schneller ändern und immer unvorhersehbarer werden, wird diese Eigenschaft existentiell.

SPIEGEL ONLINE: Auch Unternehmen wie Otto bieten Waschmaschinen, Fitnessgeräte und Kameras nicht mehr nur zum Kauf, sondern auch zum Mieten an. Warum?

Großmann: Der Gedanke der Sharing Economy hat sich in den Köpfen etabliert. Die Menschen wollen nicht immer mehr besitzen, sondern finden die Idee attraktiv, Dinge zu teilen und temporär zu nutzen. Auf dieser neuen Haltung fußt der Erfolg von Streamingdiensten wie Netflix und Spotify, genauso wie der von Carsharing-Angeboten in den Großstädten.

SPIEGEL ONLINE: Ökologische Überlegungen spielen also aus Ihrer Sicht keine Rolle? Ist Tchibo-Share, wie das Onlineangebot heißt, nicht auch ein Signal gegen die billige Wegwerfmode, hin zu mehr Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit?

Großmann: Das glaube ich ehrlicherweise nicht. Es ist für die Unternehmen schlicht überlebensnotwendig, ihre Geschäftsmodelle zu überarbeiten, um profitabel zu bleiben. Dass dieser aktuelle Trend einen nachhaltigen ökologischen Nebeneffekt hat, ist natürlich positiv.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Konsumenten?

Großmann: Bei den Kunden, die so einen Service nutzen, ist die Motivation natürlich eine andere. Die Menschen sind heute aufgeklärter denn je und es wird vielen immer mehr bewusst, welchen Einfluss ihr Konsum auf die Umwelt hat. Die meisten beteiligen sich wirklich aus Überzeugung. Am Ende entscheidet der Verbraucher, ob solche Konzepte überleben und angenommen werden, oder auch nicht.