Telekom-Vorstand Sattelberger "Frauenförderung berührt Tabuzonen"

Die Regierung erwägt eine Frauenquote - denn unter Deutschlands Großkonzernen hat bisher nur die Telekom eine ähnliche Regelung verbindlich angekündigt. Im Interview rügt deren Personalchef andere Konzerne. Deren Umgang mit dem Thema sei oft "verschämt", die Argumente teils "dümmlich".


SPIEGEL ONLINE: Im März vergangenen Jahres hat sich die Deutsche Telekom eine Frauenquote verordnet. Die Aufregung war groß, doch eine Signalwirkung blieb aus. Bislang hat kein Unternehmen nachgezogen. Warum?

Thomas Sattelberger: Viele Firmen arbeiten jetzt - spät, aber nicht zu spät - intensiv an der Frauenförderung. Einige geben sich intern klare Ziele, nennen diese dann verschämt Orientierungswerte, Richtgröße, um ja nicht das böse Wort Quote zu verwenden. Aber vor einer messbaren, durchaus auch öffentlich geäußerten Verpflichtung, wie die Telekom sie eingeführt hat, schrecken sie zurück. Es bedarf jedoch dieser öffentlich geäußerten Ernsthaftigkeit, um sich daran zu messen und messen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wegen der Verhaltensstarre der Wirtschaft droht Ministerin von der Leyen, eine gesetzliche Quote einzuführen. Ein richtiger Schritt?

Sattelberger: Ich bin kein Freund gesetzlicher Quoten. Noch ist für jedes Unternehmen ein Türchen der günstigen Gelegenheit geöffnet, sich selbst eine verpflichtende Quote zu setzen, bevor der Staat sie zwingt.

SPIEGEL ONLINE: Bislang blieben alle Selbstverpflichtungen nahezu folgenlos. Es scheint, dass sich ohne Zwang nichts bewegt.

Sattelberger: Wie viele Warnsignale muss es noch geben? Was machen all die Unternehmen, die sich so vehement gegen eine messbare Selbstverpflichtung wehren, wenn es zu einer gesetzlichen Regelung kommt? Wie können sie noch ehrlich kommunizieren?

SPIEGEL ONLINE: Viele Firmen beteuern, dass sie intern intensiv an der Frauenfrage arbeiten. Ist das Thema hinter den Kulissen einfacher durchsetzbar als auf großer Bühne?

Sattelberger: Es reicht nicht, Frauenförderung im stillen Kämmerlein zu betreiben. Es muss ein ernsthaftes und gesellschaftlich sichtbares Bekenntnis von Unternehmen inklusive verbindlicher Zielvorgaben geben, die nicht die laue Rhetorik der Vergangenheit wiederholt. Man kann keinen Prozess ohne ein klares Ziel steuern. Symbolik ohne Systematik macht keinen Sinn. Außerdem, wenn man etwas laut sagt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man es umsetzt, viel höher.

SPIEGEL ONLINE: Warum nehmen viele Unternehmen die Partizipation von Frauen als Bedrohung wahr?

Sattelberger: Nicht wenige Unternehmen haben schon Angst vor tiefschürfender Veränderung. Wenn man an die Frauenförderung rangeht, berührt man automatisch Tabuzonen. So muss etwa die Präsenzkultur in Frage gestellt werden, die unmittelbare Verfügungsgewalt des Chefs, die jahrzehntelangen Mechanismen eher informeller Auswahlprozesse. Jobsharing muss auch in Führungspositionen möglich werden, ebenso wie Teil- und Auszeiten. Althergebrachte Muster kann man nur mit einem starken Willen verändern. Der muss von oben kommen.

SPIEGEL ONLINE: Von oben kommt aber meist das Argument, dass man keine guten Frauen für die Jobs fände und deswegen - schade, schade, schade, wieder Männer nehmen muss.

Sattelberger: Das Argument, man sei gegen eine Frauenquote, weil es dann nicht mehr um Qualität gehe, ist an Dümmlichkeit nicht zu überbieten. Das ist nichts anderes als die Antwort geschlossener Systeme mit 87 Prozent Männerquote auf vermeintliche Eindringlinge.

Das Interview führte Michaela Schießl



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DJ Doena 29.01.2011
1.
Ich glaube, es liegt wieder mal weniger an den Männern, die die Frauen angeblich nicht hochlassen, sondern an den Frauen und wie sie von ihren eigenen Müttern erzogen wurden. Man braucht doch nur mal hier im Spiegel-Online-Forum lesen, wie über Mütter gedacht wird, die arbeiten gehen wollen und wie oft da immer noch das Wort Rabenmutter fällt. Auch darf man nie vergessen, wieviel Kraft und Anstrengung wirklich notwendig sind, um es in eine Topposition zu schaffen. Viele Männer schaffen das auch nicht - und noch mehr Männer wollen es auch gar nicht. Es gibt einen Unterschied zwischen "Arbeit" und "Karriere" und der liegt in der Regel bei 20-40 zusätzlichen Wochenarbeitsstunden. Klar gibt es Väter als Topmanager, aber wieviel Vater sind die eigentlich wirklich? Und wenn Frauen dahin wollen, dann müssen sie entweder kinderlos bleiben, oder sich einen Mann von niederem Status suchen - und das ist doch auch etwas, woran es immer hapert. Die Krankenschwester sucht sich immer noch den Arzt, die Ärztin aber nicht den Pfleger (oder höchstens als Bettspielgenossen). Wenn aber eine Frau Ambitionen hat, wird sie sich eher jemanden suchen, der noch höher gestellt ist - und davon gibt es in der Pyramide nunmal weniger. Und mit Kindern wird es dann auch wieder kompliziert, es sei denn, man macht es wie von der Leyen, heuert ne Nanny an und lässt sich als Supermama feiern. Die Woche hat nur 168 Stunden, von denen man auch mindestens 42 schlafen muss. Wenn davon weiter 70 für die Karriere draufgehen, dann wird es mit Kindern eng. Verzichtet man auf Kinder, ist es auch für Frau in der heutigen Zeit möglich, ganz nach oben zu kommen. Was gar nicht geht, ist zu erwarten, dass man mit einer 2/3-Stelle per Quote in den DAX-Vorstand kommt. Das ist Wolkenkuckucksheim.
x.adama 29.01.2011
2.
Ja , jeder Deutsche sollte eine Frau in Spitzen zugeteilt bekommen. Die Position darf sie dann selber bestimmen. Das diese Diskussion in einer Industriegesellschaft geführt wird, ist weitaus mehr ein Anzeichen von Dekadenz, als die Höhe der Sozialausgaben. Wenn es um das Überleben von Betrieben im Umfeld der internationalen Konkurrenz geht, dann ist eine Quote, die vielleicht nur den zweitbesten an die Spitze holt, Selbstmord. Soziale Arbeitszeiten oder Familienfreundlich? Das können wir dann in Hartz4 haben. Der Unterschied zu Mafiastrukturen, wo man eine bestimmte Personengruppe, aufgrund von Beziehungen fördert, ist nicht weit.
eikfier 29.01.2011
3. ...welche Frage?!
Zitat von sysopIm europäischen Vergleich hat Deutschland erheblich weniger Frauen in Spitzenpositionen von Unternehmen. Es gibt verschiedene Vorschläge, wie dies geändert werden kann. Besser per Selbstverpflichtung - oder braucht Deutschland doch die Frauenquote?
...na, selbstverständlich brauchen wir die! Oder fragen Sie auch nach der Notwendigkeit der Gurtpflicht? Glauben Sie ernsthaft, die Anschnallquote hätte ohne GurtPFLICHT diesen hohen und sinnvollen Stand? Für Geschwindigkeitsbestimmungen reicht doch bekanntlich ebenfalls keine vernünftige Selbstverpflichtung - wir Menschen sind halt so, ein Land mehr, ein Land weniger, aber alle letztlich eben doch nicht nur vernünftig...
alexander2010 29.01.2011
4. Kein Problem der Wirtschaft
Wenige Frauen in Top-Positionen ist stattdessen die Folge, dass es bis vor kurzem der Normalfall war, dass der Ehemann das Geld verdient, die Frau spätestens wenn Kinder da waren den Haushat führt und die Kinder betreut. Daneben ist kaum ein Karriere möglich. Denn dass heißt auch Überstunden ohne Ende und Wochendarbeit. Um mehr Frauen in Top-Positionen zu bringen, müsste sich erstmal die Auffassung der Gesellschaft zum Thema Frau ändern.
takeo_ischi 29.01.2011
5.
Zitat von sysopIm europäischen Vergleich hat Deutschland erheblich weniger Frauen in Spitzenpositionen von Unternehmen. Es gibt verschiedene Vorschläge, wie dies geändert werden kann. Besser per Selbstverpflichtung - oder braucht Deutschland doch die Frauenquote?
Nein. Es wäre doch auch unsinnig mit staatlichen Programmen den Fischen das Fliegen beizubringen, wenn es schon genug Vögel am Himmel gibt. Soll heissen jeder hat in der Gesellschaft seinen Platz. Und wenn ihm dieser nicht zusagt hat er in unserer Gesellschaft alle Möglichkeiten sich unter Einsatz von mehr eigener Leistung zu verändern. Bei diesem Thema heisst das dann Gleichberechtigung. Diese ist durch das GG gefordert und schon heute Realität. Was vom GG nicht gedeckt ist, ist die unnatürliche Gleichstellung der Frau durch z.B. Quoten. Denn dies führt zur Diskriminierung von Besserqualifizierten. So lange das GG vom EU-Recht noch nicht völlig zersetzt wurde sind Quoten in D schlicht nicht in Ordnung. Dem Beitrag vom DJ kann ich nur zustimmen.
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