Gescheiterte Fusion von Kaiser's Tengelmann Schuld hat diesmal wirklich der Chef

Tausende Mitarbeiter müssen die Folgen der geplatzten Übernahme von Kaiser's Tengelmann ausbaden. Wie es weitergeht? Soll ein Spitzentreffen klären. Für Branchenkenner steht der Schuldige an der Misere fest.

Kaiser's-Filiale in Essen: Animositäten und Selbstüberschätzung
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Kaiser's-Filiale in Essen: Animositäten und Selbstüberschätzung

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Der Absturz ist beispiellos. Vor wenigen Jahren noch war die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann zumindest ein leidlich funktionierendes Handelsunternehmen. Selbst nach schmerzhaften Sanierungsschritten blieben zwar immer noch jährlich Verluste. Doch immerhin war das Unternehmen so attraktiv, dass gleich zwei Interessenten für eine Übernahme bereitstanden: Edeka und die Rewe-Gruppe.

Rewe-Vorstand Lionel Souque hatte nach SPIEGEL-Informationen in einem Schreiben an Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub einen "Kaufpreisrahmen von 400 bis 450 Millionen Euro" genannt. Gutes Geld wäre das gewesen - und ein Haufen Probleme weniger.

Inzwischen, nach zwei Jahren Hängepartie mit einem Veto von Bundeskartellamt und einer vom Verwaltungsgericht suspendierten Ministererlaubnis, steht Kaiser's Tengelmann kurz vor dem Zusammenbruch. Kunden bleiben weg, Lieferanten ziehen sich zurück, Eigentümer der Ladenflächen zeigen sich zugeknöpft, wenn es um die Verlängerung von Mietverträgen geht.

Und zu allem Überfluss kündigen auch noch reihenweise wichtige Mitarbeiter. Die IT-Abteilung laufe nach dem Exodus nur noch im Notbetrieb, beschreiben Kenner des Unternehmens die Situation. Die Zukunft der rund 16.000 Arbeitsplätze ist ungewisser denn je.

Am Freitag will Haub dem Aufsichtsrat erklären, wie es weitergehen soll. Wie ernst die Situation ist, lässt sich an den Zahlen ablesen, die im Vorfeld der Sitzung an die Öffentlichkeit gelangt sind. Demnach fallen allein dieses Jahr Verluste in dreistelliger Millionenhöhe an. Die Rettungsmaßnahmen, das ist klar, werden drastisch ausfallen - immer wieder ist von der Zerschlagung des traditionsreichen Lebensmittelhändlers die Rede.

Eine Lösung des Tengelmann-Problems ist nach Überzeugung von Branchenexperten nur noch durch den Verkauf einzelner überlebensfähiger Filialen möglich.

Wie konnte es so weit kommen? Was trieb einen ausgefuchsten Handels- und Finanzexperten wie Haub - mit Abschluss in St. Gallen, mehreren Jahren bei McKinsey und Expertise in der Einzelhandelsbranche - dazu, sich auf das riskante Pokerspiel um die Zukunft von Kaiser's Tengelmann einzulassen?

Spekulierte Haub auf die Ministererlaubnis?

Dass es zum Veto der Wettbewerbshüter gegen den Verkauf an Edeka kommen würde, durfte Haub kaum überrascht haben, schließlich hatten diese ihm schon 2008 dazwischengefunkt. Damals ging es lediglich um eine Einkaufskooperation mit Edeka.

"Es gibt eigentlich keine andere Erklärung: Haub muss sich sehr sicher gewesen sein, dass der Verkauf des Gesamtunternehmens ohne Zerschlagung an einen Wettbewerber durchgeht. Sei es weil die Monopolkommission zustimmt oder das Bundeswirtschaftsministerium das Geschäft per Ministererlaubnis ermöglicht", mutmaßt Jörg Funder, Professor für Strategisches Management & Unternehmensführung im Handel an der Hochschule Worms.

Ähnlich sieht es Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg: "Der Zusammenschluss mit Edeka war kartellrechtlich so gewagt, dass man sich fragt, ob Haub sich schon vorher der Ministererlaubnis sicher sein konnte", sagt der Handelsexperte.

Dass der Deal vor Gericht gestoppt würde, hat Haub offenbar nicht für möglich gehalten. Nach Auskunft eines Kartellrechtsexperten sei es üblich, bei einem Deal vom Kaliber Tengelmanns vorab im Wirtschaftsministerium nachzufragen, ob im Falle kartellrechtlicher Schwierigkeiten dem Antrag auf eine Ministererlaubnis stattgegeben würde.

Scheiterten Verhandlungen mit Rewe an persönlichen Animositäten?

Haub hätte von vorneherein einen weniger konfliktträchtigen Weg wählen können. Er hätte neben Edeka auch mit Rewe-Chef Alain Caparros über eine Übernahme verhandeln können.

Nach Einschätzung von Beobachtern war dies allerdings für Haub nie eine Option. Haub und Caparros - die beiden verstünden sich einfach nicht, sagen Insider. Diplomatisch ausgedrückt. Statt sich mit Caparros zusammenzusetzen, habe es Haub lieber darauf ankommen lassen, nur mit Edeka zu verhandeln.

Bei Tengelmann hält man sich zum Thema Ministererlaubnis bedeckt. "Wir können uns zum laufenden Prozess nicht äußern und keinerlei Stellung nehmen. Ich bitte um Ihr Verständnis", erklärte eine Unternehmenssprecherin. Und was das Verhältnis zwischen Haub und Caparros betreffe, halte man sich an die geübten Regeln der Diskretion.

Die Beschäftigten von Tengelmann müssen die Folgen der gestoppten Übernahme nun ausbaden. Am Donnerstagabend will Ver.di auf einem Spitzentreffen erfahren, wie es weitergehen soll. Dass Haub das Hauptverfahren gegen die Ministererlaubnis vor dem Bundesgerichtshof aussitzen will, ist kaum anzunehmen. Dafür sind die Verluste einfach zu hoch.

Die Frage ist wohl nur, wie der Handelskonzern zerschlagen werden kann. Rewe und Edeka sind an der Übernahme der lukrativen Supermärkte interessiert, die Firma Coop schielt auf das Filialnetz in Berlin, und Tegut, Tochter des Schweizer Migros-Konzerns, auf die in Bayern.

Die unverkäuflichen Verlustbringer - Supermärkte in Nordrhein-Westfalen, die Tochtergesellschaft Birkenhof, die Kaiser's-Verwaltung in Mülheim/Ruhr - würde Haub im Falle einer Zerschlagung wohl abwickeln müssen. Das Nachsehen haben die Mitarbeiter, die ihren Job verlieren.

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Seite 1
crazy_swayze 22.09.2016
1.
Tja, so ist das in einem Markt. Wenn ich nichts verkaufen kann, verliere ich meinen Job.
jupp78 22.09.2016
2.
Egal wer nun die Läden bekommt bzw. bekommen hätte, unwirtschaftliche Filialen werden früher oder später immer dicht gemacht. Das lässt sich auch Edeka oder Rewe auf Dauer nicht bieten. Zerschlagen wäre von vorne weg die richtige Variante gewesen. Die unseelige Ministererlaubnis von Gabriel hat wirklich nichts besser gemacht.
nach-mir-die-springflut 22.09.2016
3. Ein bisschen Planwirtschaft
Pro Einwohner so und so viel Supermarkt. Wie der Supermarkt heißt, ist ein Stück weit einerlei, so wie auch die Milch aus dem Euter derselben Kuh in verschiedenen Verpackungen in verschiedenen Märkten angeboten wird, so auch der Hering in der Dose. Die Pleite von Kaiser's scheint mir die Ursachen in der Unternehmensausrichtung zu haben, im Produktsortiment und in den Preisen, am Ende vielleicht zu viele unterschiedliche Produkte ohne klar erkennbare Muster. Basta-Gabriel seine Minister-Erlaubnis war kartellrechtlich zwar wirklich fraglich, so hätte ein Minister nicht entscheiden dürfen, dann aber wäre mit der Ministererlaubnis wenigstens die Abwicklung in trockenen Tüchern gewesen und am Ende günstiger als jetzt das Insolvenzverfahren mit den vorerst zu Entlassenden.
archi47 22.09.2016
4. Schlußendlich
war die MInistererlaubnis die arbeitsplatzerhaltendere Alternative. Aber, sie wurde eben vom Konkurrenten und einem Gericht gestoppt. Auch wenn diese Option schon die ultima Ratio Gabriels war, nachdem der Eigentümer alle anderen besseren Lösungen selbst schon zuvor "versägt" hatte, weil er wohl auf den maximalen Gewinn spekuliert hat und dabei über Zeitdruck den "Arbeitsplatzhebel" bei einem SPD-Minister und der Gewerkschaft im Auge hatte. Ich hoffe, dass er nun wenigstens jetzt auch den maximal möglichen Verlust tragen muss, wenn er schon aus Jux und Tollerei viele Mitarbeiter um ihre Arbeit bringt. Für Standortdefizite und Firmenpolitik können die ja nun wirklich nichts!
harwin 22.09.2016
5. Wer kündigt den Chef?
Das Problem ist wieder mal so oft der Chef. Top Manager wirtschaften den Laden herunter und die Angestellten werden dann betriebsbedingt gekündigt. Die Politik sollte diesen Herrschaften besser auf die Finger schauen, und sie für das herunterwirtschaften haftbar machen. Das es zu einer Fluktation von Top Kräften kommt ist klar, die bekommen auch einfacher und schnellter wieder einen guten bezahlten Job, wohingehend die restliche Belegschaft oft Dumpinglöhne in Kauf nehmen muss.
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