Tesla Vorsprung durch Technik, ätsch

Die Ankündigungen von Tesla-Chef Elon Musk wirken oft großspurig. Viele haben bezweifelt, dass er tatsächlich Resultate liefern kann. Doch fürs Erste hat er seine Kritiker widerlegt.
Elon Musk: Mehr als ein "interessantes Phänomen"?

Elon Musk: Mehr als ein "interessantes Phänomen"?

Foto: Frederic J. Brown/ AFP

Elon Musk hat derzeit viele Gründe zu triumphieren. Eines aber dürfte den Tesla-Chef besonders befriedigen: Die von ihm inbrünstig gehassten Spekulanten, die auf einen Absturz der Aktie gewettet haben, haben sich eine blutige Nase geholt.

Allein in den ersten zwei Handelstagen des neuen Jahres häuften die sogenannten Leerverkäufer nach Berechnung der Analysefirma S3 Partners einen Verlust von rund 900 Millionen Dollar an. Seit Ende 2018 hat sie ihre Fehlspekulation insgesamt drei Milliarden Dollar gekostet.

Nach einer Strecke von Pleiten, Pech und Pannen in der Vergangenheit hat der exzentrische Entrepreneur inzwischen eine ganze Serie von Erfolgen vorzuweisen:

  • Die erste Handelswoche 2020 beendete die Tesla-Aktie auf einem Rekordhoch von 443 Dollar. Damit hat der Kurs die Marke von 420 Dollar pro Aktie geknackt, zu der Musk sein Unternehmen im Sommer 2018 von der Börse nehmen wollte. Weil er damals voreilig behauptete, die Finanzierung sei in trockenen Tüchern, bekam er Ärger mit der Börsenaufsicht. Auch sonst lief es bei dem kalifornischen Elektroautobauer lange nicht rund. Zwischenzeitlich sackte die Aktie auf 177 Dollar ab. Heute aber ist das Start-up aus Palo Alto an der Börse mehr wert als jeder der drei großen Autokonzerne aus Detroit. Und selbst der Vorsprung von Volkswagen bei der Marktkapitalisierung scheint nicht mehr uneinholbar.

  • Über 100.000 Fahrzeuge hat Tesla im vierten Quartal ausgeliefert und damit einmal gehalten, was Musk den Investoren versprochen hat. Im Gesamtjahr wurden 367.500 Autos an Kunden in aller Welt verfrachtet, ein Plus von 50 Prozent zum Vorjahr.

SPIEGEL ONLINE
  • Die Konkurrenz ist bis auf Weiteres abgehängt. Nach Rechnung der Branchenseite InsideEVs.com hat Tesla in Amerika 2019 knapp 160.000 seiner Model-3-Autos verkauft. Der BMW i3 und der Volkswegen e-Golf brachten es jeweils nur auf ein paar Tausend Exemplare.

  • Auch in China, dem größten E-Auto-Markt der Welt, rollt das Geschäft an. Seine "Gigafactory 3" bei Shanghai hat Tesla mit Rekordgeschwindigkeit innerhalb von 357 Tagen hochgezogen. Kurz nach Weihnachten rollten die ersten 15 der dort gebauten Autos vom Band. Es ist eine Doppelpremiere: Für Tesla ist es das erste Werk außerhalb der USA, für Peking das erste Unternehmen, das ganz in ausländischer Hand bleiben durfte.

Tesla-Chef Musk mit dem Tesla Model Y

Tesla-Chef Musk mit dem Tesla Model Y

Foto: FREDERIC J. BROWN/ AFP
  • Noch dieses Jahr will Tesla mit dem Model Y in den boomenden SUV-Markt einsteigen.

  • Zwar geriet die Präsentation des Prototyps Tesla Cybertruck zur Lachnummer, als die angeblich unkaputtbaren Scheiben vor den Augen des Publikums zersplitterten. Trotzdem sind Musk zufolge für das Pick-up-artige Trumm schon 250.000 Vorbestellungen eingegangen - die Reservierung kostet allerdings auch nur 100 Dollar.

Cybertruck

Cybertruck

Foto: Tesla
  • Und Musk ist sogar den Ärger los, den ihm seine Beleidigung eines Rettungstauchers als Pädophilen eingebracht hatte. Ein Gericht in Los Angeles folgte der Argumentation des Tesla-Chefs, dass die Beschimpfung nicht wörtlich zu nehmen sei und wies die Schadensersatzklage des Helfers im Höhlendrama von Thailand ab.

Die jüngsten Resultate haben manche Musk-Skeptiker, die der Popstar der Wirtschaft mit seinen allzu vollmundigen Ankündigungen in der Vergangenheit verschreckt hat, besänftigt. Dass Tesla neuerdings seine Ziele erreiche, sei ein "Bravourstück", das der spektakulären Flucht des ehemaligen Nissan-Chef Carlos Ghosn aus Japan gleichkomme, staunte ein "Wall Street Journal"-Kolumnist. Wenn diese Zuverlässigkeit zur Gewohnheit werde, werde Tesla "von einem interessanten Phänomen zu einem führenden Spieler in der Branche werden."

"Uns selbst widerlegt"

"Musk hat viele seiner Skeptiker einschließlich uns selbst widerlegt", sagt auch Daniel Ives von Wedbush Securities. Der Analyst hat sein Kursziel von 270 auf 370 Dollar erhöht. Er setzt darauf, dass der Markt für Elektroautos in den kommenden Jahren weltweit mächtig zulegen wird - und Musks Vision sich dann auch finanziell auszahlt. Die wichtigsten Zukunftsmärkte sind nach Ives' Einschätzung dabei China und Europa.

Musk scheint das genauso zu sehen: Die Arbeiter in der Fabrik in Shanghai sollen "in naher Zukunft" 3000 Autos pro Woche herstellen. Und auch für die geplante Fabrik im brandenburgischen Grünheide hat er hochfliegende Pläne. Jährlich 500.000 Model 3 und Model Y sollen dort laut Planungsunterlagen gebaut werden. Schon im Juli 2021 soll das Werk in Betrieb gehen - ein für deutsche Verhältnisse außerordentlich ambitioniert erscheinendes Ziel.

Markt durch Subventionen aufgebläht

Angesichts der erwartbaren Hürden hier und anderswo hat die neue Tesla-Euphorie nicht alle Experten angesteckt. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg raten immer noch mehr Analysten zum Verkauf der Aktie als zum Kauf. Schließlich muss das Unternehmen erst noch beweisen, dass es nachhaltig Gewinne erwirtschaften kann.

Vieles spricht dafür, dass es nicht so rasant weitergeht: Je stärker das E-Segment wächst, desto entschlossener drängt die Konkurrenz ins Geschäft. Zudem fürchten manche Beobachter, dass der Markt durch die Subventionspolitik vieler Regierungen künstlich aufgebläht ist. Viele Käufer würden ein E-Auto nur ordern, weil der Staat nachhelfe. In den USA sind die satten Steuerrabatte für Tesla-Käufer zum 1. Januar 2020 ausgelaufen. Dort wird sich nun zeigen, ob die Nachfrage hält.

Auch Analyst Ives hat noch ein paar Bedenken. Jedes Mal, wenn in der Vergangenheit der Optimismus gewachsen sei "und es aussah, als klärt sich der Himmel über Fremont", sei wenig später eine "negative Variable" aufgetaucht. Zum rapiden Kursanstieg der vergangenen Monate haben ihm zufolge ausgerechnet die Shortseller beigetragen: Weil sie nachkaufen mussten, um ihre Verpflichtungen zu erfüllen, trieb das den Kurs nach oben.

Musk selbst gibt sich ungewöhnlich vorsichtig. Ob er seinen Triumph mit einer Siegesrunde feiern werde, fragte ihn der "Wall Street Journal"-Kolumnist John Stoll. Der Tesla-Chef winkte ab. Er fürchte, das könnte ihm "schlechtes Karma" aufladen.