E-Autobauer an der Börse "VW kann mit Tesla mithalten"

Zum Wochenstart legt die Tesla-Aktie einen Kurssprung hin. Inzwischen ist ein Großteil der Gewinne wieder futsch. Der Analyst Frank Schwope erklärt das Auf und Ab - und warum VW nicht abgehängt ist.
Ein Interview von Andreas Albert
Tesla-Showroom in New York: Der Aktienkurs dürfte laut Ökonom Schwope von der NordLB weiter zurückgehen

Tesla-Showroom in New York: Der Aktienkurs dürfte laut Ökonom Schwope von der NordLB weiter zurückgehen

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Frank Schwope ist Ökonom und seit 2003 bei der NordLB für Aktienanalyse mit dem Schwerpunkt Automobil tätig. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre arbeitet er seit 2000 für die Landesbank. Seit 2014 ist er außerdem Dozent für „Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ an der Fachhochschule des Mittelstandes in Hannover.

SPIEGEL: Herr Schwope, der US-Elektroautohersteller Tesla war diese Woche an der Börse zeitweise mehr wert als VW und BMW zusammen. Jetzt hat der Kurs wieder nachgegeben. Wie lässt sich das aktuelle Auf und Ab der Tesla-Aktie erklären?

Schwope: Der jüngste Kursverlust von rund zwanzig Prozent am Mittwoch lässt die Entwicklung in einem klareren Licht erscheinen. Er relativiert den starken Kurssprung vom Wochenbeginn und zeigt, dass Spekulation über Fundamentaldaten dominiert.

SPIEGEL: Die Tesla-Aktie war in nur zwei Tagen um 36 Prozent gestiegen. Gab es eine ähnliche Kursentwicklung bei Autoaktien schon einmal?

Schwope: Das erinnert stark an die VW-Stammaktie im Jahr 2008…

SPIEGEL: …als das Papier an einem Tag kurzzeitig um mehr als 100 Prozent zulegte.

Schwope: Sogenannte Leerverkäufer, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, mussten sich damals mit der Aktie eindecken, was sehr teuer wurde. Das ist sicherlich auch bei Tesla ein Teil der Erklärung.

SPIEGEL: Leerverkäufer oder Shortseller verkaufen Aktien, die sie nicht besitzen in der Hoffnung, sie bei fallenden Kursen zu einem günstigeren Preis kaufen zu können. Welche Rolle spielten sie bei dem Run auf die Tesla-Aktie?

Schwope: Viele Shortseller sind von dem Kursanstieg kalt erwischt worden und mussten sich eindecken. Fundamental war der starke Anstieg der Tesla-Aktie nicht gerechtfertigt. Wir erleben derzeit volatile Tage oder Wochen.

SPIEGEL: Das heißt, es wird weiter starke Schwankungen geben?

Schwope: Volatilität ist bei gehypten Unternehmen nicht ungewöhnlich. Der Kurs wird vermutlich auch weiter zurückgehen. Der Anstieg der Aktie von rund 650 Dollar auf mehr als 960 Dollar ist immerhin schon wieder verpufft.

SPIEGEL: Einige Analysten sprechen von einer Blase kurz vor dem Platzen.

Schwope: Platzen ist vielleicht übertrieben, aber sie wird sicherlich kleiner werden. Die Entwicklung der Aktie ist fundamental nicht begründet. Gerechtfertigt ist nach den jüngsten Zahlen ein Preis von 300 bis 400 Dollar.

SPIEGEL: Also gibt es weitere Gründe für die Stärke der Aktie?

Schwope: Tesla hat im Januar relativ ordentliche Zahlen vorgelegt. Die Aussichten lassen für das Jahr 2020 auf Jahresbasis erstmals auf schwarze Zahlen schließen. Hinzu kommt, dass die Fabrik in Shanghai in diesem Jahr relevante Produktionszahlen liefern wird. Das wird positive Auswirkungen auf den Gewinn haben.

SPIEGEL: Welche Auswirkungen hat der aktuelle Corona-Virus-Ausbruch auf den Kurs der Tesla-Aktie?

Schwope: Noch keine wirklichen. Aber sollte die Produktion im chinesischen Werk stillgelegt werden, dürfte sich das deutlich in den Jahreszahlen niederschlagen, und Tesla würde möglicherweise ein weiteres Jahr rote Zahlen schreiben.

SPIEGEL: Tesla hat den Bau weiterer Fabriken angekündigt.

Schwope: Auch das Werk in Brandenburg, das 2022 oder 2023 in Betrieb gehen dürfte, weist auf ein vernünftiges, sukzessives Erobern der Märkte hin.

SPIEGEL: Wie sieht die Strategie aus?

Schwope: Nach und nach erobert Tesla den weltgrößten Automobilmarkt China, auch der Verkauf in Europa wird zunehmend ausgerollt. Tesla verfügt dabei über ein starkes Wachstumspotenzial. Allerdings wird auch die Konkurrenz zunehmen.

SPIEGEL: Auch aus Deutschland?

Schwope: VW will dieses Jahr 500.000 Elektroautos bauen und wäre dann mit Tesla volumenmäßig auf Augenhöhe. Tesla expandiert, baut aber nicht für die Masse. Zwar sind im Premiumsegment höhere Margen zu verdienen, aber VW bietet beispielsweise mit der Neuentwicklung ID3 geringere Preise - und möglicherweise bessere Qualität.

SPIEGEL: Inwiefern?

Schwope: Der ID3 ist auch ein futuristisches Auto. Wenn Software und Batteriesteuerung funktionieren, kann VW mithalten. Tesla muss dagegen beweisen, dass sie die Marktführerschaft erhalten können.

SPIEGEL: Wann könnte Tesla langfristig an der Börse so viel wert sein, wie die gesamte deutsche Autoindustrie?

Schwope: Das ist eher unrealistisch. Auch BMW bietet Alternativen im Elektrosegment. Daimler ist in dem Feld zwar hintendran. Aber die Industrie wird auch in zehn Jahren noch Verbrennungsmotoren verkaufen. Und Daimler wird auch wieder den Anschluss finden, zur Not durch Allianzen oder Fusionen mit BMW, Renault/Nissan oder Geely/Volvo.

SPIEGEL: Also hat es Tesla schwer, die Autoindustrie aufzumischen?

Schwope: Nein, sie wirbeln da einiges durcheinander. Tesla hat verschiedene Vorteile: Sie sind technologisch führend und Elektromobilität ist in vielen Ländern politisch gewollt. Zudem müssen sie nicht den Riesenapparat der alteingesessenen Hersteller mitschleppen. Bei diesen wird sich in den nächsten Jahren noch ein verstärkter Arbeitsplatzabbau einstellen.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Tesla-Chef Elon Musk selbst? Seine Abneigung gegenüber Shortsellern ist ja bekannt, jetzt hat er den Bau einer neuen Fabrik in Texas ins Gespräch gebracht.

Schwope: Die Einflussnahme Musks über die Medien darf nicht unterschätzt werden. Tesla macht fast kein eigenes bezahltes Marketing. Die Marke ist auch nicht auf den einschlägigen Messen präsent. Das ist ein Selbstläufer. Das Thema läuft seit Jahren, auch weil Musk eine Art Popstar ist. Er trägt zum Kult um die Marke enorm bei.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes war Frank Schwopes Schwerpunktsetzung als Analyst falsch angegeben; der Bereich Bau gehört nicht dazu, außerdem hat Schwope diese Aufgabe schon deutlich länger.

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