E-Auto-Pionier Tesla Der Jäger wird zum Gejagten

Mit dem Roadster und dem Model S mischte Tesla die etablierte Konkurrenz auf. Doch beim neuen Model 3 geht es um Automobilbau in Großserie - und plötzlich spüren sie in Palo Alto Zeitnot.

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Wer dem Geheimnis nachspüren will, warum Elon Musk ein so unerschütterliches Vertrauen bei seinen Investoren genießt, muss nur ein wenig bei Youtube stöbern. Auf einer ganzen Reihe von Videos zeigt dort Musks Firma SpaceX, wie einzelne Stufen ihrer Raketen mitten im Ozean auf einer geradezu winzig wirkenden schwimmenden Plattform landen. "Wer so etwas hinkriegt", sagt Fondsmanager und Tesla-Aktionär Ross Gerber, "der wird auch die Probleme bei Tesla lösen. Ganz gleich, welche es sind".

Angesichts der jüngsten Quartalsverluste des Elektroauto-Pioniers bekommen allerdings durchaus schon einige Investoren Angst vor der eigenen Courage. Am Mittwoch nach Börsenschluss hatte Teslas Finanzchef Deepak Ahuja die Zahlen präsentiert und damit auch diejenigen überrascht, die die Andeutungen im Vorfeld bereits als ernste Warnungen interpretiert hatten. Unter dem Strich fiel in den drei Monaten bis Ende September ein Verlust in Höhe von 619 Millionen Dollar an. Der höchste Fehlbetrag, den Tesla seinen Aktionären bislang in einem Quartal zugemutet hat. Die Quittung: Am Donnerstagmorgen begann der Handel für die Tesla-Aktie sechs Prozent unter dem Wert des Vorabends.

Der Grund für die Misere ist das neue, Model 3 genannte Mittelklassemodell, mit dem Tesla in den Markt für Normalverdiener vordringen will. Statt der ursprünglich geplanten 2500 verließen von Juli bis September lediglich 260 Exemplare die Werkshallen. Unvorstellbar, dass das ursprünglich von Musk avisierte Ziel, ab Dezember 5000 Einheiten wöchentlich zu fertigen, auch nur ansatzweise erreicht wird. Jetzt soll es Ende März 2018 so weit sein, doch Experten haben große Zweifel daran.

Probleme an allen Ecken und Enden

Denn es hakt nicht nur an einer Stelle:

  • Zum einen läuft die sogenannte Gigafactory, in der weit draußen in der Wüste von Nevada die Batterien entstehen, längst nicht so pannenfrei, wie die Planer sich das ursprünglich vorgestellt hatten. Viele Arbeitsschritte müssen noch immer manuell durchgeführt werden, was das Produktionstempo drastisch bremst.
  • Auch die Karosseriefabrik bereitet den Ingenieuren Kopfschmerzen. Denn es gilt, alle am Produktionsprozess beteiligten Maschinen exakt aufeinander abzustimmen, wobei der Bruchteil eines Millimeters ebenso zählt wie der Bruchteil einer Sekunde. Die Bewegungen der zahlreichen Greifarme und Schweißzangen aufeinander abzustimmen, ist eine wahre Sisyphusarbeit.

Etablierte Autobauer wie Daimler, BMW oder Audi haben solche Produktionsabläufe über Jahrzehnte perfektioniert. Und nehmen sich doch bei jedem neuen Modell Monate Zeit, um die Abläufe zu testen. Das Team von Musk muss dagegen nicht nur mit weitaus weniger Spezialisten, sondern auch ohne einen solchen Vorlauf auskommen. Es wäre reine Glückssache, verliefe unter solchen Bedingungen alles reibungslos.

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Elektromobilität: Tesla ringt mit der Großserie

Die Fachmanager in den deutschen Autokonzernen verfolgen das Schauspiel - je nach Temperament - mit Schadenfreude oder Anteilnahme. Selten ist in den Gesprächen jedoch jene Arroganz zu spüren, die man speziell den Premiumherstellern im Verhältnis zu dem Aufsteiger gern zuschreibt. "Sie haben aktuell vielleicht ein paar Probleme", sagt einer, der aber seinen Namen nicht genannt wissen will. "Aber es ist kein Hexenwerk, so eine Produktionsstraße einzustellen. Früher oder später schaffen sie es."

Konkurrenz macht mobil

Wann dieses "früher oder später" exakt eintritt, darüber machen sich auch die Analysten Gedanken. "Das Model 3 könnte sich bis in die zweite Hälfte 2018 oder Anfang 2019 verzögern", sagte Brian Johnson vom Bankhaus Barcleys dem "Handelsblatt". "Genau dann, wenn die Bedrohung durch die Konkurrenz unmittelbar bevorsteht."

Tatsächlich verkünden die Branchengrößen beinahe im Wochentakt neue Elektroinitiativen. BMW will den präsentierten Tesla-Gegner - eine elektrische Variante der 3er-Reihe - bereits ab 2020 ausliefern und ein Jahr später die Produktion von E-Mobilen in allen Fabriken zur Standardübung machen. Daimler und Volkswagen wollen ihre Elektro- und Hybrid-Flotte bis 2025 kontinuierlich aufstocken. Wenn alles so kommt, wie die Konzernbosse es versprechen, werden die Kunden unter weit mehr als hundert verschiedenen Modellen wählen können.

Tesla wird dann nurmehr ein Hersteller unter vielen sein. Die Hoffnung, dass dann allein der klangvolle Name einen Wettbewerbsvorteil sichert, könnte trügerisch sein. Denn den Käufern von Großserienautos ist Qualität mindestens ebenso wichtig wie die Marke. Mit unsauber genähten Sitzen, knisternden Cockpits oder zu großen Spaltmaßen, die bei einer kleinen Manufaktur vielleicht noch akzeptabel sind, werden sie sich kaum abfinden. Die Frage wird also sein, ob es Tesla gelingt, den Vorsprung der etablierten Konkurrenz auf diesem Gebiet so rasch einzuholen.

Hinzu kommt: Der VW-Konzern hat wiederholt bewiesen, dass er in der Lage ist, auch als Nachzügler ein Feld in kürzester Zeit von hinten aufzurollen. Jüngstes Beispiel ist der Mittelklasse-SUV Tiguan. Der Vorsprung von Tesla könnte da schnell aufgezehrt sein.

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oli69 04.11.2017
1. Richtig
erkannt, Tesla wir in 1-2 Jahre einer unter vielen sein. Denn der Visionär Musk verspricht viel und hält wenig. Wenn man grosse Stückzahlen, also Milionen, Autos produzieren will, braucht es eben andere Qualitäten als nur Visionär zu sein Prototypen zu entwickeln und Kleinserien. Visionäre sind eben nicht automatische gute Unternehmer, das werden die Tesla Aktionäre noch merken.
koem 04.11.2017
2. hardware ist nicht alles
Das Auto allein entscheidet nicht die Zukunft, sondern Ökosysteme, Portale, Software, Algorithmen.
Verpeilt 04.11.2017
3.
....unsauber genähten Sitzen, knisternden Cockpits oder zu großen Spaltmaßen... Unfassbar das es scheinbar so viele Menschen gibt denen diese Dinge wichtiger sind wie die eigentlichen Fahreigeschaften.
MikerRe 04.11.2017
4. Abwarten
Tesla liegt meilenweit vorn. Die Konkurrenz um Jahre zurück. Zugleich hat Tesla die Ladeinfrastruktur mit aufgebaut, was hier erst in einem "Joint venture" groß angekündigt wurde (400 Ladestationen in Europa in den nächsten Jahren). Ohne Tesla würde keiner unsere rückständige Automobilindustrie aufscheuchen. Warten wir ab, wann die Jagd wirklich beginnt. Es gibt noch gar keine Jäger.
hjcatlaw 04.11.2017
5. Ob Tesla am Ende
erfolgreich sein wird oder nicht. Eins wird man Tesla nicht abstreitig machen können: Tesla hat die Konkurrenz zur rechten Zeit tüchtig wachgerüttelt. Wahrscheinlich würde in Deutschland ohne Tesla das Elektroauto immer noch ein Nischendasein fristen.
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