Umbau bei Schlecker Neuer Look auf altem Lack

Mit weniger, aber moderneren Läden will Schlecker den Neustart nach der Insolvenz schaffen. SPIEGEL ONLINE hat zusammen mit einem Experten das alte und neue Konzept verglichen - und selbst in fortschrittlichen Filialen Relikte aus der Vergangenheit entdeckt.

SPIEGEL ONLINE

Von , Köln


"Das ist ja wie ein Kiosk hier", sagt Jens Lönneker. Er steht vor einem Regal mit Strumpfhosen und schüttelt fassungslos den Kopf. Im Regal links neben ihm stapelt sich Rasierwasser. Im Regal rechts gibt es "Grünkohl mit herzhaft-deftiger Kohlwurst und Kartoffelwürfeln" für die Mikrowelle. Die Packung mit dem Fertigessen steht quer im Regal, als ob sie herausgeholt und zurückgestellt wurde. "Das alles hier vermittelt nicht den Eindruck eines einheitlichen Konzepts", sagt Lönneker.

Lönneker ist der Mann für Ästhetik. Als Geschäftsführer bei der Beratungssparte des Marktforschungsinstituts Rheingold unterstützt er Firmen bei Strategie und Marketing. Unternehmen holen Lönneker ins Boot, wenn Kreativität gefragt ist. Schlecker wäre so ein Fall. Die Drogeriekette ist zahlungsunfähig, ihr Ruf bei den Verbrauchern ramponiert. Der Insolvenzverwalter hat 2200 unprofitable Läden schließen lassen, die restlichen 3200 Läden sollen modernisiert werden.

Doch geht das neue Konzept auf? SPIEGEL ONLINE hat mit Ästhetik-Berater Lönneker einen alten und einen neuen Laden verglichen.

Zuerst besucht Lönneker eine alte Schlecker-Filiale in der Kölner Innenstadt. Direkt gegenüber ist das Rathaus, der Schlecker-Markt ist umgeben von Eiscafés und Kölsch-Kneipen. Der Standort ist eine Touristenmeile. Supermärkte haben zugemacht, Schlecker ist geblieben. Diese Filiale soll nach dem Willen des Insolvenzverwalters auch weiter bestehen, sie lebt von Laufkundschaft. Touristen holen sich Getränke, ein Ansichtskartenständer vor dem Laden lockt sie an. Leute aus Büros in der Umgebung kaufen in der Mittagspause ein paar Sachen ein. Die Verkäuferin ist allein in der Filiale. Sie räumt Waren aus dem Lagerraum in die Regale und sprintet zwischendurch zur Kasse.

Lönneker betrachtet angewidert den Fußboden. Die große weiße quadratische Fliese unter seinen Füßen ist gesprungen, die Risse wurden notdürftig geflickt. Die Bruchstellen kommen gut zur Geltung. Denn die Neonröhren, die an Metallketten von der Decke hängen, leuchten jeden Winkel des Ladens grell aus. "Das ist unmöglich", stöhnt Lönneker. "Hier ist nichts gemacht."

"Schöne Weihnachtszeit" im März

Um möglichst viel in dem kleinen Laden unterzubringen, hat Schlecker die Regale hoch gebaut. Wer Shampoo kauft, sieht im Regal gegenüber Tierfutter neben Waschmittel. Dass Cremes zwei Regale weiter stehen, wird durch die hohen Möbel verdeckt. Hinweisschilder gibt es nicht. Zwischen den Regalen mit Arzneimitteln wie Melissengeist und Calcium-Tabletten steht ein Ständer mit Staubsaugerbeuteln. Wo keine Waren stehen, erkennt man, dass die ursprünglich weißen Regale inzwischen einen vergilbten Stich haben.

Eine Frau will mit einem der kleinen, angerosteten Einkaufswagen an Lönneker vorbei. Das geht aber nicht, weil in dem engen Gang ein Korb mit Büchern im Sonderangebot den Weg blockiert. Schlecker bietet hier das Buch "Schöne Weihnachtszeit" für 3,99 Euro an. Im März. "Das kann man doch nicht machen", stöhnt Lönneker.

Auf den Marketingexperten wirkt Schlecker wie aus der Zeit gefallen. Ästhetik habe in der heutigen Gesellschaft einen wichtigen Stellenwert, sagt Lönneker. Wer heute einkauft, dem kommt es nicht nur darauf an, was er bekommt, sondern wie ihm Produkte präsentiert werden. "Ich habe den Eindruck, Schlecker hat sich einfach ausgeklinkt."

Dabei will die Drogeriekette doch dazugehören. Sie hat die Aktion "Der gute Nachbar" gestartet. Dabei werden lokale Projekte wie Seniorentreffs oder Kitas unterstützt. Schlecker will mit der Aktion sein ramponiertes Image aufpolieren und selbst zum guten Nachbarn werden. Einer, zu dem die Leute gerne kommen, wenn sie schnell noch Shampoo oder Putzmittel brauchen.

Neues Konzept - alte Fehler

Das passt irgendwie zu dem kleinen Laden in der Kölner Innenstadt. Dort findet der Kunde auch Dinge, die er spontan braucht. Nur: Wer besucht schon gerne einen Nachbarn, bei dem es schmuddelig zugeht?

Ortswechsel. Zehn Kilometer weiter, im Kölner Stadtteil Sürth, steht eine neue Schlecker-Filiale. Der Schriftzug über dem Eingang ist neu, er sieht mehr nach Schreibschrift aus.

Lönneker entdeckt einen Zettel an der Scheibe. "Wir sind weiter für Sie da" kann er gerade noch entziffern. Um weiterzulesen müsste er näher ran. Aber genau an dieser Stelle versperrt ein großer schwerer Fahrradständer den Weg. Neben den Zettel hat Schlecker seine Symbole für das neue Ladenkonzept an die Scheibe geklebt. Sie erinnern an Icons auf dem Smartphone. Aber genau vor diese Bilder haben die Mitarbeiter Container mit Waschmittel im Sonderangebot geschoben. "Das sind so typische Gedankenlosigkeiten", sagt Lönneker.

Immerhin erkennt er eine Strategie. "Sie versuchen offenbar, die Läden nach einem festen Grundprinzip zu gestalten." Denn die neuen Symbole ziehen sich durch die Filiale. Über Regalen mit Lebensmitteln prangen ein Apfel und eine Flasche auf grünem Hintergrund. Wasch- und Putzmittel haben ein Haus auf gelbem Grund als Erkennungsmerkmal. Die Regale sind niedriger als in der alten Filiale und lassen sich überblicken, bunte Seitenelemente schließen sie ab. Von der Eingangstür aus blickt Lönneker an der Wand am Ende des Ladens auf ein Banner mit Schäfchenwolken und blauem Himmel. "Das verleiht dem Laden Weite und Großzügigkeit", sagt er. Die Filiale ist viel geräumiger als die in der Innenstadt. Die Gänge sind so breit, dass locker zwei Einkaufswagen aneinander vorbeikommen.

"Das Lichtmanagement ist deutlich besser", sagt Lönneker und deutet an die Decken. Dort hängen zwar auch Neonröhren, doch sie haben ein modernes Design. Durch eine Blende wird das grelle Licht deutlich abgemildert.

Doch auch für die Bodenfliesen im neugestalteten Schlecker-Laden kann sich Lönneker nicht begeistern. Die grauen Steinquadrate sind schwarz gefleckt und waren offenbar schon vor dem Umbau im Laden. "Das hat einen Billig-Touch. Kein moderner Anbieter würde sich solche Fliesen reinlegen", sagt Lönneker.

"Schlecker hat den richtigen Weg eingeschlagen - aber nur halbherzig"

Er deutet auf mehrere leere Stellen in einem Regal mit Lebensmitteln. Die Preisschilder sind da, aber mehr als ein Dutzend Produkte fehlen. "Da merkt man, dass sie Lieferprobleme haben", sagt er.

Vor dem Regal mit Klopapier ist ein Hinweisschild auf den Boden gefallen. Die Verkäuferin hat es noch nicht entdeckt. Die Frau muss den großen Laden alleine betreuen. "Die alten Schlecker-Versäumnisse schleichen sich ein", sagt Lönneker. "Warum steht zwischen Cremes und Shampoo das Regal mit Klopapier?" Neben einem Regal mit Honig stapeln sich Waschmittelpackungen auf dem Boden.

"Schlecker hat den richtigen Weg eingeschlagen - aber nur halbherzig", sagt Lönneker. Denn selbst beim Einrichten des modernen Ladens hat es das Unternehmen nicht genau genommen. Als Lönneker durch die Filiale schlendert, bleibt er irritiert stehen. Über einem Regal hängt das Symbol für Körperpflege - eigentlich ein Tropfen, der auf eine geöffnete Hand fällt. Doch das Bild hängt falsch herum. Die Hand zeigt nach oben, der Tropfen kommt von rechts.

Wird die Neugestaltung der Läden ausreichen, um die Drogeriekette zu retten? Die Modernisierung geht langsam voran. Nur zwei von künftig 27 Schlecker-Filialen in Köln sind bereits umgebaut. "Man versteht einfach noch nicht, was Schlecker denn nun sein möchte", sagt Lönneker. "Es fehlt ein klar kommuniziertes Motto."

Vom Slogan "For you. Vor Ort" hält er nicht viel. "Alleine die Tatsache, dass Schlecker vor Ort ist, bedeutet noch keinen Qualitätsvorteil." Das Unternehmen müsse sich eine Identität schaffen. Die Aktion mit dem guten Nachbarn, den man gerne um sich hat, könnte ein Anfang sein. Doch wer soll bei Schlecker, einem Unternehmen im Überlebenskampf, noch den Kopf für kreative Ideen frei haben? "Die Situation ist fatal, weil man nicht weiß, wer das Unternehmen führen wird", sagt Lönneker.

Vor dem modernisierten Schlecker-Laden fällt sein Blick auf die Container mit den Sonderangeboten. Auf den Behältern prangt ein pinkfarbenes Prozent-Symbol. Lönneker schaut genauer hin. Die Platte mit dem neuen Aufdruck ist nur am Container aufgeschraubt. Weiter unten lugt das typische Blau hervor. Die alte Schlecker-Welt lässt sich nicht so einfach verdecken.



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
keksguru 27.03.2012
1. für 8 Euro Stundenlohn gibts keine guten Leute
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEMit weniger, aber moderneren Läden will Schlecker den Neustart nach der Insolvenz schaffen. SPIEGEL ONLINE hat zusammen mit einem Experten das alte und neue Konzept verglichen - und selbst in fortschrittlichen Filialen Relikte aus der Vergangenheit entdeckt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,823404,00.html
Da schlecht also eine Verkäuferin alleine durch den Laden, kriegt 8 Euro brutto und dann soll alles tip top sein? Also nee, so geht das denn nun auch nicht. Solange sich das nicht ändert, werden die "Gedankenlosigkeiten" halt fortbestehen.... Aber es ist auch Aufgabe der Firma, ein neues Motto den Leuten auch überzeugend rüberzubringen. Bei Vobis hatten wir dafür hin und wieder mal Schulungen gehabt, ich war 2 Jahre lang Filialleiter bei denen. Aber da gabs auch gutes Geld zu verdienen, da hab ich in guten Monaten ca. 9000 Mark gehabt, bei einem Grundgehalt von 2800, Filiallieterzulage von 200, und das war im Jahr 1997. Bei Schlecker gabs nur Anschiß und übelste Personalschikanen, das motiviert keinen wenn man die Leute schlecht behandelt und zeigt sich dann überall.
vrdeutschland 27.03.2012
2. ...dann bitte abwracken
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEMit weniger, aber moderneren Läden will Schlecker den Neustart nach der Insolvenz schaffen. SPIEGEL ONLINE hat zusammen mit einem Experten das alte und neue Konzept verglichen - und selbst in fortschrittlichen Filialen Relikte aus der Vergangenheit entdeckt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,823404,00.html
...denn der "neue look" bringt auf einem schrottreifem Konzept auch nichts. Schlecker hat in allen Punkten abgewirtschaftet. Ruf im Eimer, Sortiment chaotisch, mickrige Gänge... WER auf der Welt braucht Schlecker ??? Mir tut es ja um die Omis leid, die ab und zu in dem Laden ihre Nachtcreme noch gekauft haben, aber die sollen sie sich doch bitte beim nächsten Besuch vom Sohne oder der Tochter mitbringen lassen bzw. heutzutage von der Pflegekraft. Es gibt keinen Grund dieses versaute Drecksunternehmen noch weiter zu beatmen.
Anaconda666 27.03.2012
3. Icons...
das war mal eine gute Idee mit den Icons... Bei meinem letzten Einkauf in Schlecker war das ein Irrlauf nur um das Duschgel zu finden!! (In diesem Schlecker Markt befand es sich in der hinterstes,dunkelsten Ecke des Ladens - eine Ecke die wohl mal eine Besenkammer war....)
johnnychicago 27.03.2012
4. ...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEMit weniger, aber moderneren Läden will Schlecker den Neustart nach der Insolvenz schaffen. SPIEGEL ONLINE hat zusammen mit einem Experten das alte und neue Konzept verglichen - und selbst in fortschrittlichen Filialen Relikte aus der Vergangenheit entdeckt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,823404,00.html
Ich weiss nicht was alle haben. Ich bin eigentlich immer gern zu Schlecker gegangen. Hatte irgendwie was von einem Tante-Emma-Laden. Klar war die Personalpolitik nicht die allerfeinste, aber dann darf man auch nicht zu Aldi, Lidl und co. mehr gehen. Klar ist auch dass "DM" der modernere Laden ist, aber eigentlich hab ich auch bei Schlecker gefunden wonach ich gesucht hab (meistens jedenfalls.-))
reflexxion 27.03.2012
5. Schlecker ist wie Opel, man braucht beide nicht mehr
Auch wenn es viele, z.B. die Mitarbeiter, nicht hören wollen: Niemand braucht Schlecker. Was man am wenigsten braucht ist dieser verbauchte Markenname. Ich sehe einen Fortbestand nur mit einer neuen Identität und eben auch neuen Mitarbeitern, die den alten Trott nicht kennen. Genau diese Mitarbeiter sind doch auch ein Teil des Problems, meist unmotiviert und arbeitsseitig überfordert. So viel gleichzeitig kann nur eine Person in einem Laden nicht machen. Ich hatte selbst mal einen Laden (nicht Franchise oder Kette) in dem ich allein arbeitete. Das kann nicht gut gehen, weil zumindest eine zweite Person da sein sollte, wenn man mal auf Toilette muß. Das hat viel von den alten Tante Emma Läden, nur das deren Charme beim Schlecker so ganz fehlt. Der Vergleich mit Opel drängt sich auf, denn was nützen Opel neue modernere Modelle, wenn keiner mehr auch nur in einen Opel-Laden kommt um sie anzusehen. Opel steht praktisch da, wo Schlecker noch hin will. man hat modernisiert (die Autos) aber es reicht einfach nicht, weil die Kunden auch mit dem Bauch entscheiden und der sagt einfach mal nein zu allem was "Schlecker" heisst und genauso bei "Opel".
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