Nach Urteilsverkündung Fluchtgefahr - Haftbefehl gegen Middelhoff

Erst das Urteil, dann der Haftbefehl: Das Landgericht Essen hat gegen Thomas Middelhoff Untersuchungshaft angeordnet. Es sieht derzeit Fluchtgefahr bei dem früheren Top-Manager.
Nach Urteilsverkündung: Fluchtgefahr - Haftbefehl gegen Middelhoff

Nach Urteilsverkündung: Fluchtgefahr - Haftbefehl gegen Middelhoff

Foto: INA FASSBENDER/ REUTERS

Essen - Nach seiner Verurteilung zu drei Jahren Haft ist der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff in Untersuchungshaft. Das Gericht nehme bei dem in Frankreich wohnenden Manager "derzeit" Fluchtgefahr an, sagte Richter Jörg Schmitt. Ausschlaggebend dafür seien die Höhe der verhängten Freiheitstrafe, der Wohnsitz im Ausland und die unklare berufliche Situation des Managers. Middelhoff wurde noch im Gerichtssaal verhaftet. Der Richter trat aber sogleich in Verhandlungen mit ihm über das weitere Vorgehen.

Schmitt kündigte an, dass sich das Gericht unmittelbar nach dem Ende der Urteilsverkündung im Gespräch mit Middelhoff und seinen Verteidigern um eine "mildere Maßnahme" bemühen wolle.

Auch ein Gerichtsprecher sagte, dass der Haftbefehl nach weiteren Gesprächen unter den Verfahrensbeteiligten möglicherweise noch im Laufe des Tages wieder außer Vollzug gesetzt werden könne. Eine Aussetzung des Haftbefehls wäre demnach etwa gegen Kaution, Meldeauflagen oder eine Abgabe des Passes möglich. Das Gericht werde seine Entscheidung voraussichtlich gegen 15 Uhr bekanntgeben, sagte der Sprecher.

Nach sechs Monaten Verhandlung hatte das Landgericht Essen den früheren Top-Manager am Freitagvormittag zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Middelhoff habe sich der Untreue in 27 Fällen und der Steuerhinterziehung in drei Fällen schuldig gemacht, sagte Richter Jörg Schmitt. Den von dem 61-jährigen Manager verursachten Schaden bezifferte das Gericht auf gut 500.000 Euro. Der Richter sagte in der Urteilsbegründung, die sechsmonatige Verhandlung habe die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu großen Teilen bestätigt.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es wird erwartet, dass Middelhoffs Verteidiger Revision beim Bundesgerichtshof einlegen.

In dem Strafverfahren ging es um diverse Flüge sowie eine Festschrift, die der ehemalige Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende des insolventen Handels- und Touristikkonzerns Arcandor über die Firma abgerechnet hatte.

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Bilder-Chronik: Der unaufhaltsame Abstieg des Thomas Middelhoff

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Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre und drei Monate Haft für Middelhoff gefordert. Der Anwalt des früheren Konzernchefs dagegen hatte auf Freispruch plädiert.

Arcandor war 2009 mitsamt seiner Tochterfirmen wie Karstadt und Quelle in die Pleite gerutscht. Middelhoff hatte seinen Posten einige Monate zuvor aufgegeben.

Der Richter räumte ein, ohne die Arcandor-Insolvenz hätte es das Verfahren wohl nicht gegeben. Denn letztlich sei erst durch "Erbsenzählerei des Insolvenzverwalters" der Prozess ins Rollen gekommen. Doch gehe es nicht um die Insolvenz, sondern um den Umgang Middelhoffs etwa mit den Reisekosten-Regelungen des Unternehmens.

Gleichzeitig kritisierte Schmitt, der Angeklagte sei an entscheidenden Stellen im Verfahren nicht ehrlich gewesen. Zum Teil habe er dem Gericht "abenteuerliche Erklärungen" gegeben.

Middelhoff selbst hatte die Vorwürfe im Prozess immer wieder vehement zurückgewiesen. In seinem Schlusswort betonte er, er sei zum einstigen Karstadt-Mutterkonzern gekommen, "um das Unternehmen zu retten, um Arbeitsplätze zu retten". Das insgesamt fünfjährige Verfahren sei für ihn ein Albtraum. "Ich fühle mich in meiner Würde und Ehre verletzt."

mmq/dpa/AFP/Reuters