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Mode Der Rocker mit dem Silber-Blick

Mit erschwinglichem Firlefanz ist Thomas Sabo zu einem der erfolgreichsten Schmuckverkäufer geworden. Den Mann hinter der Marke kennt kaum jemand.

Er sieht aus wie eine Mischung aus Dschingis Khan und Peter Maffay: stämmig, graublonde Zottellocken und Schnauzer. Forsch stapft er voran und schwingt in einem weiten Mantel von links nach rechts, hin und her, immer hin und her. Man könnte diesen Thomas Sabo leicht als Hinterwäldler im Rocker-Outfit abtun. Doch der Österreicher ist einer der Marktführer für modischen Silberschmuck.

Es ist kurz vor acht Uhr abends, und Sabo ist für seine Verhältnisse erstaunlich fit. "Ich stehe früh um 5.30 Uhr auf. Ab fünf Uhr nachmittags bin ich nicht mehr richtig zu gebrauchen", sagt er. Gerade ist er geschäftlich in London, am nächsten Tag will er nach Hongkong fliegen. Jetzt bestellt er beim Inder erst mal die Speisekarte rauf und runter. Der Kellner schaut irritiert. Am Ende wird Sabo nur knapp satt werden.

Eine breite Auswahl will er auch seinen eigenen Kunden liefern. Die sollen schließlich möglichst viele seiner Kreationen kaufen. Jeden Monat behängt er nach eigenen Angaben 150.000 Kunden auf der ganzen Welt mit Cocktailringen, Armbändern oder Creolen aus 925er Sterlingsilber. Seine Kollektionen umfassen rund 2000 verschiedene Stücke.

Erschwinglich, jung und ein bisschen billig

Sabo ist 52 Jahre alt und der Meinung: "Bei Thomas Sabo fühlen sich alle zu Hause." Wenn Produkte von Elite-Juwelieren wie Tiffany oder Wempe cremefarbenen Chiffonkleidern ähneln, dann ist seine Marke eher die Steppjacke mit dem lila Kunstfellkragen: erschwinglich, jung und ein bisschen billig in jeder Hinsicht; was durchaus Prinzip ist.

Mehr als 200 Shops hat der Preiswert-Designer mittlerweile zwischen Los Angeles und Sydney. Seine etwa 1300 Mitarbeiter sollen der Gruppe im Geschäftsjahr 2011/12 rund 250 Millionen Euro in die Kassen gebracht haben, die Rendite soll bei rund 20 Prozent liegen. Sabo verkauft, wo Platz ist: in Kaufhäusern, aber auch auf Flughäfen.

In Frankfurt am Main, Kuala Lumpur, Taipeh - überall gibt es Sabo-Shops. 24 Airlines führen seinen Schnickschnack mittlerweile im Bordverkauf. Bis das Billiggeschmeide derart bekannt war, dauerte es allerdings seine Zeit. Sabo wuchs bei seinem Vater auf, kämpfte sich eher mühsam durch die Schulzeit, schaffte es über den zweiten Bildungsweg zum Feinmechaniker. Er schuftete auf dem Bau und reiste mit dem Ersparten vor 30 Jahren zunächst nach Sri Lanka. Dort heuerte er bei einer Goldschmiede an und streifte schließlich als Rucksacktourist durch Thailand, ging von Markt zu Markt und kaufte Silberschmuck, bis sein Rucksack voll und er selbst pleite war.

In der Heimat brummte mit dem importierten Geschmeide schnell das Geschäft, für das er dann noch Susanne Kölbli gewinnen konnte. Die Grafikdesignerin ist zwar ebenso wenig wie Sabo vom Juwelierfach, darf sich aber heute "Creative Director" nennen und ist damit der Kopf hinter den Kollektionen.

"Ich segne jedes einzelne Stück selbst ab"

"Ich segne jedes einzelne Stück selbst ab", sagt Sabo. Kölbli und er haben einen Spürsinn für Massentrends im Kettchenmarkt, einen ganz eigenen Silber-Blick. Ob Totenköpfe, Schlangenmotive, Lederarmbänder - Thomas Sabo entwirft und verkauft die Silberware, zusammengelötet wird der Kram in "verschiedensten Ländern weltweit".

Sonst ginge es nicht so günstig, und wenn es nicht günstig ginge, wäre seine Hauptklientel weg: Sabo-Fans sind weiblich und überwiegend zwischen 25 und 40 Jahre alt. Doch auch Teenager gehören zu seinen Kundinnen. Die lassen sich dann meist von Tante oder Oma beschenken.

Hamburg, Edel-Einkaufsmeile Neuer Wall an einem Dienstagmittag: Eine Frau, vielleicht Mitte siebzig, mit Rollator und getönter Brille, steht am Tresen der Sabo-Filiale. Sie hat ein kleines Prospektheftchen in der Hand und kauft für ihre Enkelin. "Viele kommen mit dem Katalog, und darin wurde schon angekreuzt, was in der Sammlung noch fehlt", sagt die Verkäuferin.

"Charm Club" heißt die Linie mit den kleinen Anhängern: Eiffelturm, Erdbeere, Schmetterling, Buchstaben. Sie kosten zwischen 24 und 98 Euro. Zu viel für die meisten Teenager, aber bestens geeignet für Großeltern, Tanten oder Eltern, die ohnehin nicht wissen, was sie sonst verschenken sollen.

Am besten laufen Kreuze, Herzchen oder Glückssymbole

Diese Bettelarmbänder hätten die Marke aufgeladen, sagt Sabo. Am besten liefen Kreuze, Herzchen oder Glückssymbole - Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Zeiten, in denen er sich mit wirtschaftlichen Details belastet hat, sind vorbei. "Ich schaue mir nicht täglich alle Umsatzzahlen meiner Filialen an. Derzeit interessiert mich vor allem der Neubau unseres Firmensitzes", sagt Sabo.

Er lässt sich durch seinen Bauch und von Vorurteilen leiten. So sagt er etwa: "China ist eine Kultur, in die habe ich kein Vertrauen." Ob er Kaufofferten bekommt? "Jede Woche. Die reden einem ein, dass man zu alt sei, ich mein Leben doch genießen solle und solchen Mist. Ich habe damit abgeschlossen. Es gibt einen Siebenjahresplan, um die Marke zu einer Weltmarke auszubauen, dann werde ich 60, und wir können weiterschauen."

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