ThyssenKrupp Alles ganz nachhaltig

50 Mal taucht das Wort nachhaltig im Geschäftsbericht von ThyssenKrupp auf. Auf der Hauptversammlung zeigt sich, wie fragwürdig das ist.
ThyssenKrupp-Chef Hiesinger: Man halte sich an den eigenen "Code of Conduct"

ThyssenKrupp-Chef Hiesinger: Man halte sich an den eigenen "Code of Conduct"

Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS

Dankbarer kann eine Hauptversammlung kaum laufen: Trotz einer mageren Dividende von 15 Cent je Aktie und schlingerndem Aktienkurs ist Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger diesen Freitag von Aktionärsvertretern für sein Umbauprogramm geradezu hymnisch gefeiert worden. "Wir sagen zu allem Ja", sagte einer. Sogar die Bühnendekoration wurde gelobt ("sehr schön") und mehrfach war zu vernehmen: "Wir sind wieder was."

Um kurz vor zwölf war der Lobgesang dann vorbei. Mehrere kritische Aktionäre warfen dem Vorstand des Stahl- und Technologiekonzerns ökologische und soziale Verantwortungslosigkeit vor. Dutzende Male sei im Geschäftsbericht von Nachhaltigkeit die Rede, hieß es. Aber welche Nachhaltigkeit sei gemeint, wenn der Konzern gleichzeitig gegen strengere CO2-Emissionsvorschriften mobil mache oder U-Boote an fragwürdige Autokraten wie Ägyptens Präsident Sisi liefere? Wie nachhaltig ist es, ein Stahlwerk in Brasilien zu betreiben, das seit Jahren nur dank Ausnahmegenehmigungen läuft und die Nachbarschaft mit Industriestaub verseucht?

Zu dem Werk nahe Rio de Janeiro sagte Finanzchef Guido Kerkhoff, dies sei kein "strategisches Asset" mehr. Der Konzern hofft offenbar noch, den Pannenmeiler im Sumpfgebiet für den baldigen Verkauf irgendwie aufhübschen zu können. Ansonsten, betonte Hiesinger, halte man sich an den eigenen Code of Conduct, örtliche Gesetze und die Normen des Global Compact der Uno.

ThyssenKrupp malocht verbissen an seinem Image

Der allerdings stellt auf den Schutz der Menschenrechte ab und somit auch auf die Verhinderung von Zwangsumsiedlungen und den Schutz der Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung. Im ostafrikanischen Mosambik scheint darauf nicht besonders geachtet worden zu sein. Dies zeigt eine Studie der dänischen Organisation Danwatch, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Sie ist Teil der Kampagne "Stop Mad Mining" und beschreibt die verheerenden Folgen zweier Umsiedlungsaktionen in Minen der Bergbauunternehmen Vale und Rio Tinto, zwei der rund 18.000 Zulieferer von ThyssenKrupp.

Bereits vor einigen Jahren waren für die Minen Benga und Chipanga mehr als tausend Menschen aus ihrem angestammtem Umfeld in Gegenden abgeschoben worden, wo bis heute nicht einmal ihre Wasserversorgung gesichert ist.

Laut der Studie verstießen die Aktionen selbst gegen nationale Gesetze in Mosambik, die eine adäquate Entschädigung vorsehen. Die Wiederherstellung des Lebensunterhalts, so die leicht zynische Reaktion des britisch-australischen Konzerns Rio Tinto auf die Studie, brauche "seine Zeit". Ansonsten zeigten sich die Bergbauunternehmen nicht sehr gewillt, auf Fragen einzugehen.

ThyssenKrupp gibt sich da zumindest transparenter. Mehr als 100 Nachhaltigkeits-Audits habe man im vergangenen Jahr durchführen lassen, so Hiesinger. Auch Mosambik sei untersucht worden. Bei der Chipanga-Mine des brasilianischen Konzerns Vale habe man keine Erkenntnisse, dass soziale Standards verletzt seien. Bei Rio Tinto (bis 2014 Haupteigner der Benga Mine) laufe die Untersuchung noch. Hier seien 2013/14 auch nur "kleine Versuchsmengen" bezogen worden. In jedem Jahr immerhin 36.000 Tonnen.

Die positive Bewertung der Chipanga-Umsiedlung hält Anna Backmann von der "Stop Mad Mining"-Kampagne für grotesk: "Allein hier sind fast 1000 Familien um ihre Lebensgrundlage gebracht worden." Deutschlands größter Stahlhersteller malocht dennoch verbissen an seinem Image: Fünfzig mal taucht allein der Begriff nachhaltig im Geschäftsbericht auf.

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