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Krupp-Dynastie: Die angeblich verstoßene Tochter

Foto: David Stroebel

Angebliche Krupp-Tochter Die rätselhafte Engelbertha

Der US-Amerikaner David Stroebel hat bei der Ahnenforschung eine überraschende Entdeckung gemacht: Seine Urgroßmutter Engelbertha sei eine Tochter des Großindustriellen Alfred Krupp gewesen. Der Historiker aus New Jersey kämpft um das Milliardenerbe - vergebens.

Der Tod von Berthold Beitz sprach sich bis in den US-Bundesstaat New Jersey herum, in den schläfrigen Ort Ocean Township. "Deutschland hat eine Ikone verloren", sagt David Stroebel über den ThyssenKrupp-Patriarchen. "Ich spreche seiner Familie mein tiefes Beileid aus."

Eine Woche vorher: Stroebel, 50, sitzt am Esstisch seines hellen Hauses. Ringsum Fotos, Bücher und Akten: Faksimiles alter Geburts- und Sterbeurkunden, vergilbte Familienfotos, das Ticket einer transatlantischen Schiffspassage, anno 1883.

Für Stroebel, der als Historiker bei der hiesigen Veteranenverwaltung arbeitet, symbolisieren diese Papiere seine ganz persönliche Beziehung zu Berthold Beitz. Besser gesagt zur langen, dramatischen Geschichte der Industriedynastie Krupp, deren Erbe Beitz 50 Jahre lang hütete.

"Meine Urgroßmutter war eine Krupp", sagt Stroebel und zeigt auf das Porträtfoto einer älteren Dame im Spitzenkragen, die streng in die Kamera schaut. "Engelbertha Krupp."

Engelbertha Krupp? Krupp-Kennern dürfte der Name unbekannt sein. Nicht ohne Grund: Besagte Ur-Oma, so erzählt es Stroebel, sei eine im Zwist verstoßene, enterbte und aus allen Stammbüchern getilgte Schwester des einstigen Konzerninhabers Friedrich Alfred Krupp gewesen, des eigentlich einzigen Kindes und Erben Alfred Krupps. "Als ich das erfuhr", erinnert sich Stroebel, "fiel ich erst mal um."

Eine Krupp-Tochter würde die Erbfolge in Frage stellen

Da fallen sicher noch andere um: Die Existenz einer Tochter Alfred Krupps würde die von der Essener Krupp-Stiftung verteidigte Erbfolge in Frage stellen - und womöglich einen neuen, sicher unerwünschten Familienzweig eröffnen.

In keinen ihnen verfügbaren Unterlagen, erklärt Ralf Stremmel, der Leiter des Historischen Archivs der Krupp-Stiftung, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, fänden sich Indizien auf die Existenz einer solchen Tochter. "Auch aus zeitgenössischen Kirchenbüchern, städtischen Adressbüchern oder Zeitungen sind uns keinerlei Hinweise auf eine solche Person bekannt."

Doch Stroebel hält fest an seiner These, die er nicht erst seit Beitz' Tod verfolgt, sondern seit sechs Jahren - das Timing ist Zufall. Sie stützt sich auf Überlieferungen seiner Familie, Hobby-Ahnenforschung und digitale Foto-Analysen. "Ich will kein Geld", sagt er. "Ich will nur die Ehre meiner Urgroßmutter wiederherstellen."

Zwar räumt er ein, dass seine Idee noch "nicht hundertprozentig verifizierbar" sei. Dazu bedarf es in der Tat DNA-Analysen. Doch aus der Luft gegriffen sei sie nicht: "Dies", glaubt er, "ist eine der tollsten Storys, die es je gab."

Stroebels Saga begann 2007 mit dem Tod seiner Tante Gloria. Der veranlasste ihn, einen Stammbaum zu erstellen. Er wusste nur, dass seine Urgroßeltern John und Engelbertha (Bertha) Ströbele 1883 aus Deutschland nach Amerika gekommen waren und ursprünglich aus Essen stammten. Der Umlaut und das letzte "e" im Nachnamen war - wie so oft in diesen Fällen - dabei verloren gegangen.

Über viele Nachfragen bei Angehörigen und die Genealogie-Website Ancestry.com stieß er auf immer neue, faszinierende Einzelheiten: So hätten die Ströbeles zeitweise "im Berliner Stadtschloss für Kaiser Wilhelm gearbeitet", John als Stiefelputzer, Bertha als Köchin, Spezialität Omeletts.

Die dramatischste "Enthüllung" aber sei von einer entfernten Verwandten gekommen, der damals 86-jährigen Caroline Marchuck: Berthas wahrer Mädchenname sei Engelbertha Krupp gewesen. Krupp? "Von dem berühmten Stahl- und Waffenhersteller in Essen."

"Komm mir nicht mehr durch die Tür"

Und so habe Marchuk die Geschichte erzählt: Engelberthas Vater - der gnadenlose Alfred Krupp - habe die Ehe der Tochter mit dem Stiefelputzer missbilligt und sie 1874 enterbt und verstoßen: "Komm mir nicht mehr durch die Tür." Auch habe er Engelberthas Geburtsnamen aus allen Kirchenbüchern tilgen lassen. Daraufhin sei das junge Paar zunächst nach Berlin geflohen und später in die USA, wo sie Berthas Herkunft fortan verschwiegen hätten.

Eine Erfindung? Weshalb sollte die Familie eine solche wilde Story erfinden - und dann jahrzehntelang geheimhalten? In die Theorie passt aber außerdem der ansonsten eher unerklärliche Umstand, dass die "armen" Ströbeles mit 10.000 Reichsmark in Amerika anlandeten - eine letzte Abfindung des alten Krupp, schlussfolgert David Stroebel.

Er kramt ein Foto heraus, ein Familienporträt von 1868 aus den Archivbeständen der Krupp-Stiftung. Es zeigt Alfred Krupp, seine Ehefrau Bertha, Sohn Friedrich Alfred "und Freunde". Darunter links eine Frau, die als Clara Bruch identifiziert ist - die Gattin des Komponisten Max Bruch, einem alten Bekannten der Krupps.

Doch der britische Bruch-Biograf Christopher Fifield bezweifelt das. "Die Frau zur Linken sieht nicht aus wie Clara Bruch", bestätigt Fifield, ein namhafter Musikhistoriker, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Außerdem hätten die Bruchs erst 1880 geheiratet.

Wer also ist die geheimnisvolle Frau? "Engelbertha", sagt Stroebel ohne Zögern.

Er ließ das Krupp-Familienfoto mit dem Bild seiner Urgroßmutter im Spitzenkragen von 1906 von Maureen Taylor untersuchen , der "namhaftesten Foto-Detektivin der Nation" ("Wall Street Journal"). Bildanalytikerin Taylor speiste die Aufnahmen in eine Software , die Knochenbau, Augen, Nase, Mund und andere Merkmale elektronisch vergleicht.

"Viele Gesichtszüge stimmen überein", fasst Taylor ihre Ergebnisse für SPIEGEL ONLINE zusammen: Nase, Kinn, Gesichtsform. "Was aber nicht zwingend heißen muss, dass sie dieselbe Person sind." Es könnten auch "nur" Verwandte sein. Trotzdem halte sie Stroebels Theorie für "einen sehr faszinierenden Fall".

Das reicht ihm. Selbst die Frage, wie eine ganze Person aus den umfangreichen Fotobeständen der Krupps verschwinden könne, irritiert ihn nicht: "Es ist erwiesen, dass die Krupp-Fotoalben auffällige Lücken haben."

Engelberthas Erbteil belaufe sich auf rund sieben Milliarden Dollar

Engelberthas Erbteil, so hat Stroebel errechnet, belaufe sich nach heutiger Rechnung auf rund sieben Milliarden Dollar - nicht dass er daran interessiert sei. Auch hätte es, wäre die Firma an Engelbertha gegangen und nicht an Krupps Sohn Friedrich Alfred, "tiefgreifende Auswirkungen auf die Geschichte" gehabt: Engelberthas Nachfahren hätten sich "nie den Nazis angeschlossen", behauptet Stroebel.

Voriges Jahr bat Stroebel das Amtsgericht Essen schriftlich, die Erbfolge zu klären. Die abschlägige Antwort: Alle Ansprüche seien längst verjährt. Selbst wenn Krupp eine Tochter gehabt hätte - durch sein Testament, das Sohn Friedrich Alfred zum Alleinerben machte, hätte er sie rechtmäßig "enterbt".

Im Juni dieses Jahres legte das Bundesverfassungsgericht nach, das Stroebel ebenfalls belangt hatte: Es gebe "keinen Anlass, die Rechtslage anders zu beurteilen".

Ein Spruch, den die Krupp-Stiftung sicher gerne hört. War sie doch 1997 schon mal von Krupp-Nachfahren verklagt worden .

Stroebel gibt nicht auf. Er hat ein Buch über seine Urgroßmutter verfasst: "The Cannon King's Daughter" - die Tochter des Kanonenkönigs. Er hat eine gemeinnützige Stiftung gegründet, mit der er seine weitere Forschungsarbeit finanzieren will. Er unterhält eine Wikipedia-Seite über Engelbertha. Er gibt Vorträge, neulich etwa beim Rotary Club.

Und er hat einige Zeit vor dessen Tod sogar noch an Berthold Beitz persönlich geschrieben. Der Brief kam zurück: "Adressat unbekannt."

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