Stahlkrise ThyssenKrupp muss sogar beim Büromaterial sparen

ThyssenKrupp plant nach SPIEGEL-Informationen drastische Sparmaßnahmen. In der Konzernverwaltung herrscht ein sofortiger Einstellungsstopp, selbst die Bestellung von Büromaterial wird eingeschränkt.

Hochöfen von ThyssenKrupp in Duisburg (Nordrhein-Westfalen)
Arnulf Stoffel/ DPA

Hochöfen von ThyssenKrupp in Duisburg (Nordrhein-Westfalen)


Es ist ein fast schon verzweifelt anmutendes Sparpaket, das ThyssenKrupp-Chef Guido Kerkhoff Mitarbeitern des Konzerns am Freitag vergangener Woche per Brandbrief ankündigte.

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Kerkhoff verhängte demnach einen "sofortigen Einstellungsstopp" für die Konzernverwaltung; jede Ausnahme müsse ab sofort vom Vorstand genehmigt werden, heißt es in dem Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt. Ferner sollen Reisen, Tagungen und Veranstaltungen auf das "Nötigste begrenzt" werden.

Projektkosten, zumal externe Kosten für Berater, sollen so weit wie möglich "reduziert, gekürzt oder ganz abgesagt werden". Selbst die Bestellung von Hardware und Büromaterial will der Vorstand einschränken.

Die "angespannte Ergebnissituation" und die "aktuelle konjunkturelle Entwicklung" machten es nötig, über die bereits eingeleiteten Umstrukturierungsprogramme hinaus auch "kurzfristige Einsparpotenziale zu realisieren", schreibt Kerkhoff. "Gemeinsam müssen wir große Anstrengungen unternehmen, um unsere aktuellen Ziele zu erreichen."

Thyssen spricht von Signal an die Mitarbeiter

Mit den Spar- und Umstrukturierungsmaßnahmen will Kerkhoff offenbar weitere Gewinnwarnungen und einen Absturz des Aktienkurses verhindern. Nach der schlechten Wertentwicklung der vergangenen Monate droht dem Gründungsmitglied des Dax inzwischen sogar ein Abstieg in die Börsenzweitklassigkeit.

Im Konzern will man davon nichts wissen. Dort wird der Brief als Signal an die Mitarbeiter gewertet, die vor Wochen eingeleiteten Maßnahmen nun zügig umzusetzen.

Kerkhoff hatte den Chefposten bei ThyssenKrupp im Juli 2018 von Heinrich Hiesinger übernommen. Nach der geplatzten Stahlfusion mit dem indischen Großkonzern Tata Steel im Mai hatte er eine neue Unternehmensstrategie versprochen.

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fdo

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
geotie1 19.07.2019
1.
Na wenn die Order kommt, kein Büromaterial zu kaufen, werden die Angestellten doch erst recht sich noch schnell für einen längeren Zeitraum versorgen. So geschehen vor Jahren bei uns. Es wurde auch an Seminaren geknapst, was aber dem Vorstand nicht abhielt einen Arbeitskreis zu bilden. Dort wurden dann Gruppen gebildet, wo es eine Person sein sollte die man "Pilot" nannte. Das war dann die Person, die sagte wo es hingehen sollte. Ein Quartal wurden diese Leute auch vom Vorstand angehört. Doch dann kam die nächste Entlassungswelle und diese Piloten waren alle abgeflogen. Wenn ich bedenke, dass ich auch ein "Pilot" erden sollte, war ich doch erst einmal froh einen Aufschub bekommen zu haben! Das hier ist nur so ein Hinweis, falls Teile der Belegschaft zu einem Arbeitskreis eingeladen wird. Trinkt meinetwegen das angebotene Bier und seid nett, aber werdet nicht so was wie ein "Pilot"!
prisma-4d 19.07.2019
2. ...war da nicht was mit 14Mrd €?
Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war es nicht Thyssen die sich diverse Abenteuer im Ausland geleistet haben? Haben die nicht alleine in Brasilien 14Mrd€ auf den Kopf gehaun weil sie dort ein marodes Stahlwerk gekauft haben und sanieren wollten... Und was ist mit den Investitionen in Kanda, Australien und Indien. Ich habe nicht gehört das von dort nennenswerte Rückflüsse erfolgten oder erwartet werden. Das generelle Problem, nicht nur bei Thyssen ist, das Manager Boni nach Projektsummen gezahlt werden. Damit ist es für jeden Manager gut, wenn das Projekt möglichst teuer ist. Wenn es sich dann um eine Mrd-Reinfall handelt... was solls. Es ist aber irgendwie tröstlich das ein (ehemals) Weltkonzern mit "Portokosten" zu retten ist. Mann stelle sich vor die würden wirklich was "Wertvolles" machen... wie eine Bank z.B. Da müssten dann schon min. 100Mrd her. Aber das bischen Stahl... Man kann fast nicht so sarkastisch schreiben wie die Manager handeln.
etado 19.07.2019
3. Alter Hut!
Diesen Brief gibt's jedes Jahr zum Beginn der Quiet Periode. Wie Spon darauf kommt, dass es bei tk kein Büromaterial mehr gibt, ist mir schleierhaft
gammoncrack 19.07.2019
4. Ich denke, dass derartige Maßnahmen fast jedem Manager im
Laufe seines Berufslebens über den Weg gelaufen sind. Manche sind sinnvoll, manche weniger sinnvoll und manche etwas für die Bütt. In meinem letzten Unternehmen (ebenfalls AG) mussten wir im 3. Quartel einen Kostenplan der eigenen Kostenstelle für das kommende Jahr einreichen. Und dann entschied der Gesamtvorstand, um wieviel die Planung gekürzt wurde. Scherz war z. B., die Portokosten um 20% zu reduzieren. Schön, wenn man alle Kunden einmal jährlich anschreiben "MUSS". Mein damaliger Vorschlag, 20% der Kunden zu kündigen, um die Kostenplanung einzuhalten, führte zu einer Korrektur. Das war z. B. etwas für die Bütt. Oder es wurden Flugreisen vorstandsgenehmigungspflichtet bis festgestellt wurde, dass die Übernachtungskosten in die Höhe schossen. Der Höhepunkt war, dass Besuch keine Obststückchen im Schälchen aus der Kantine mehr angeboten werden durften. "Nur noch ganze Stücke!". Mein Kommentar: "Kommt Besuch, nimmt sich einen Apfel und holt ein kleines Messer aus der Tasche, werde ich ihm das verbieten. ""Bei uns nur ganze Stücke bitte!""" Viele Sachen waren natürlich sinnvoll und bedürfen kaum der Erwähnung. Businessflüge, teure Hotels, Firmenwagen nur Diesel (ja, ich weiß - die Dieseldiskussion), Videokonferenzen statt Reisen usw.
mimas101 19.07.2019
5. tststs
So Brandbriefe gibt es auch anderswo, z.B. in öffentlichen Verwaltungen. Na ja, die Ausnahme ist immer: Da schreibt ein Revisionsamtsmensch, der befördert werden will, namens eines Magistrats und nicht ein Vorstandschef namens der Aktionäre. Allerdings - es ist immer gut wenn sich Manager bei den Boni bescheiden und reflektieren was man an Privilegien so einsparen kann, kommt ja schließlich der Belegschaft und dem Arbeitsplatzerhalt zu Gute. Besser ist dann natürlich auch zu überlegen wie man die Abhängigkeiten von einem Produkt, z.B. Stahl, ändert. Wird das Produkt nicht nachgefragt oder es kommt alles aus Billiglohnländern muß halt so ein Konzern sich Alternativen überlegen.
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