Betrugsvorwurf gegen ThyssenKrupp Ein Ferrari, ein Goldarmband und 20 Millionen Dollar

ThyssenKrupp soll seinem pakistanischen Vertreter 20 Millionen Dollar vorenthalten haben. Der jedenfalls wirft dem deutschen Konzern Betrug vor und stellt Strafanzeige. Eine Geschichte von möglicher Korruption und Habgier.

ThyssenKrupp-Zentrale in Essen
AFP

ThyssenKrupp-Zentrale in Essen

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Beziehungen sind Gold wert. Vor allem bei Geschäften in Ländern mit fremden Gepflogenheiten. ThyssenKrupp, ein deutscher Konzern, der weltweit agiert, weiß das nur zu gut - und ist deshalb auf Leute mit besten Kontakten angewiesen.

Pakistan ist ein wichtiges Land für das Unternehmen. Denn auch wenn Pakistan ein armes Land ist, gibt es viel Geld für Rüstungsgüter und andere Produkte aus, die auch ThyssenKrupp im Sortiment hat. ThyssenKrupp vertraute dort bis vor Kurzem auf das Unternehmen Capital Strategies Group (CSG), das Teile des Konzerns in Pakistan als selbständige Handelsvertreterin vertrat und dort Geschäftskontakte vermittelte.

Chef von CSG ist Asadullah Kazmi, ein Geschäftsmann mit Beziehungen in die höchsten Kreise der pakistanischen Politik. Kazmi lebt in der Hauptstadt Islamabad. Hohe Mauern umgeben seine Villa, in der Auffahrt stehen Limousinen deutscher Hersteller. Die Böden des Hauses sind aus italienischem Marmor, die Räume schmücken Gemälde, die Kazmis Frau bei Sotheby's in London ersteigert, wie man Besucher gerne wissen lässt. Kazmi, eine schillernde Figur, verheimlicht seinen Reichtum nicht. Sein geschicktes Agieren hat dem deutschen Konzern viele Aufträge eingebracht und ihn selbst zum Millionär gemacht.

Doch um eine Provision von 20 Millionen Dollar, die Kazmi für die Vermittlung zum Bau einer Düngemittelfabrik in den USA beansprucht und die der Konzern ihm aber verweigert, ist ein Streit ausgebrochen. Kazmi glaubt, dass Jens Michael Wegmann, seit Oktober 2015 Chef der ThyssenKrupp-Tochter ThyssenKrupp Industrial Solutions (TKIS) und ehrgeiziger Vertrauter von ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger, eine "persönliche Fehde" gegen ihn führt, weil Wegmann das Ziel habe, seine Sparte zu erneuern und alte Manager und Geschäftspartner loszuwerden. Und weil Kazmi sich geweigert habe, ihm seinen weißen Ferrari F430 Spider zu überlassen. Aber der Reihe nach.

Als die Midwest Fertilizer Company im US-Bundesstaat Indiana eine Düngemittelfabrik bauen will, wittert Kazmi eine Chance. Midwest Fertilizer gehört nämlich knapp zur Hälfte der pakistanischen Fatima Group mit Sitz in Lahore, sie ist damit der dominierende Anteilseigner. Und deren Gesellschafter wiederum ist Fawad Ahmed Mukhtar, den Kazmi aus Schulzeiten kennt.

Die ThyssenKrupp-Tochter TKIS bittet Kazmi Ende 2013, einen Teilauftrag für den Bau der Fabrik für die Deutschen an Land zu ziehen. Konkret geht es um den Bau einer Salpetersäureanlage im Wert von etwa 230 Millionen Euro. Kazmi wird für den Fall eines Vertragsabschlusses eine Provision in Höhe von einem Prozent des Vertragswertes, also 2,3 Millionen Euro, in Aussicht gestellt.

Kazmi verhandelt und schafft es nach eigener Darstellung sogar, die Fatima Group davon zu überzeugen, die gesamte Fabrik von TKIS bauen lassen zu wollen. Verhandlungen werden aufgenommen. Für ThyssenKrupp kommt die Aussicht auf den gut zwei Milliarden Dollar schweren Deal gerade recht: Das Unternehmen steht wirtschaftlich unter Druck, hat milliardenschwere Schulden und geschrumpftes Eigenkapital. Für Kazmi und seine CGS würde ein erfolgreicher Vertragsabschluss bedeuten: 20 Millionen Dollar Vergütung - so jedenfalls ihre Hoffnung.

Weil man jetzt nur noch über das Gesamtprojekt spricht, werden die anfangs genannten 2,3 Millionen Euro für Kazmi nicht mehr erwähnt. Kazmi will in Gesprächen mit TKIS-Vertretern angemerkt haben, diese Summe sei jetzt, da es um die gesamte Fabrik geht, nicht mehr angemessen. Er glaubt, dass das neu verhandelt werden müsse. Ein Projektvertrag zwischen ihm und TKIS, der die Provision ausdrücklich regeln würde, wird nicht unterschrieben.

Zwischenzeitlich droht das Geschäft zu platzen, weil ein anderes Unternehmen die Deutschen unterbietet und die Fabrik für 1,6 Milliarden Dollar bauen will. Kazmi schafft es nach eigenen Angaben, TKIS wenigstens die Aussicht auf den Bau einer Stickstoffverarbeitungsanlage zu sichern. Nach Kazmis Verständnis stehen ihm hierfür 1,7 Millionen Euro zu.

Der Pakistaner vermittelt ein Treffen im Mai 2015 von TKIS-Chef Wegmann und Fatima-Group-Chef Mukhtar in Düsseldorf. An der Runde nehmen auch andere Manager von beteiligten Firmen teil. Am Ende der zweitägigen Gespräche ist TKIS wieder im Rennen: Jetzt geht es wieder um den Gesamtauftrag, denn der Konkurrent kann doch nicht zu dem niedrigeren Preis bauen.

Doch anstatt Kazmi weiter einzubinden, strengt Wegmann wenige Tage später ein internes Prüfverfahren gegen Kazmi an. Kazmi, so der Vorwurf, habe Mukhtar drei Millionen Euro versprochen, wenn TKIS den Auftrag für den Bau der gesamten Fabrikanlage in den USA erhalte.

"Lächerlich" findet Kazmi die Anschuldigung, zumal Mukhtar einer der reichsten Männer Pakistans sei. "Warum sollte der sich mit drei Millionen Dollar bestechen lassen?" Kazmi sieht in dem Vorgehen Wegmanns vielmehr den Versuch, ihn gezielt aus dem Geschäft zu drängen, um ihm die Provision nicht zahlen zu müssen. Tatsächlich untersagt ihm TKIS schriftlich jeglichen Kontakt zur Fatima Group. Gleichzeitig laufen die Verhandlungen mit der Fatima Group aber weiter, obwohl dies Kazmis Sicht zufolge eigentlich gegen die ThyssenKrupp-eigenen Compliance-Regeln hätte verstoßen müssen. Dem Vorwurf zufolge hätte sich ja auch die Fatima Group der Korruption schuldig gemacht. "Offensichtlich misst Herr Wegmann mit zweierlei Maß, was Korruption angeht", urteilt Kazmi.

Er fühlt sich um seine Provision betrogen. Zu Unrecht sei er beschuldigt, sein Ruf geschädigt worden. Tatsächlich wird das interne Verfahren im Oktober 2015 eingestellt, gegen Kazmi wird "kein Compliance-Verstoß" festgestellt. Kurze Zeit später bekommt TKIS den Auftrag, die Düngemittelfabrik zu bauen. Kazmi jedoch geht leer aus. Er reist wieder nach Deutschland, wo man ihn wissen lässt, er habe keinerlei Ansprüche aus dem Deal.

ThyssenKrupp weist auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE den Vorwurf zurück, Kazmi beziehungsweise dessen CSG unter Vorwänden aus der Geschäftsbeziehung herausgedrängt zu haben. Der Konzern teilt mit, dass ein "Rahmenvertrag" mit Kazmis Firma, der Dienstleistungen wie den Transport sowie die sichere Unterbringung von ThyssenKrupp-Managern, aber auch die Vermittlung von Geschäften regele, im März 2016 "planmäßig ausgelaufen" sei.

In der schriftlichen Antwort heißt es weiter: "Die Entscheidung, diesen Vertrag nicht zu verlängern, wurde durch die operativ zuständigen Einheiten auf Basis einer unternehmerischen Kosten- und Nutzenabwägung getroffen." Zu Kazmis Vorwurf, man enthalte ihm eine ihm zustehende Provision in Millionenhöhe vor, heißt es, Kazmi habe das Projekt "nicht ursächlich vermittelt", und es existiere für den Bau der Fabrik bis heute keine Projektvereinbarung zwischen Kazmi und TKIS, die nach dem Rahmenvertrag erforderlich gewesen wäre, um einen Provisionsanspruch zu begründen - mit anderen Worten: Es wurde nichts unterschrieben.

Kazmi selbst sagt, ihm stehe das übliche Prozent, also 20 Millionen Dollar zu. Projektverträge über den Bau von Teilen der Anlage habe er nur deshalb nicht unterschrieben, weil es anschließend um das Gesamtprojekt ging und ihm von ThyssenKrupp signalisiert worden sei, dass man sich schon einigen werde. Das sei übliche Geschäftspraxis. Aber nachdem alle Gespräche für Kazmi erfolglos bleiben, erstattet er jetzt bei der Staatsanwaltschaft Essen Strafanzeige gegen Wegmann - wegen Betruges. ThyssenKrupp weist diesen Vorwurf zurück: Alles sei rechtlich korrekt abgelaufen.

Der TKIS-Chef habe "eine Gegenleistung für die Fortsetzung der Geschäftsbeziehungen" gefordert, wie Kazmis Anwälte in der Anzeige formulieren - das erste Mal gleich bei der ersten Begegnung, als die beiden Manager sich am 18. April 2015 beim 60. Geburtstag von Wegmanns Vorgänger Hans Christoph Atzpodien kennenlernen. Kazmi erzählt in dieser Runde davon, dass er seinen Wohnsitz in Dubai aufgeben und gänzlich nach Islamabad umziehen wolle. Er erwähnt auch seinen Fuhrpark in Dubai und dass er gerne einige Autos loswerden wolle - darunter den weißen Ferrari. Wegmann habe angeboten, ihn "in seiner Garage zu parken", also nach Deutschland zu verschiffen und ihm zu überlassen. Kazmi berichtet, Wegmann habe erwähnt, er könne natürlich jederzeit damit fahren, wenn er in Deutschland sei.

Noch am selben Abend schickt Kazmis Frau Ayesha Bilder von dem Sportwagen per WhatsApp an Wegmanns Frau Caroline. Die schreibt am nächsten Tag: "Jens würde gerne die technischen Daten des F40 wissen! Es war ein sehr schöner Tag mit euch!" Ayesha Kazmi antwortet, ihr Mann werde ihm die Daten zukommen lassen, sobald er in Dubai sei.

Einen Monat später, als Kazmi das Treffen zwischen TKIS-Managern und Fatima-Group-Vertretern in Düsseldorf vorbereitet, sei, so schildert es Kazmi, Wegmann in einem Telefonat erneut auf den Ferrari zu sprechen gekommen. Diesmal habe er 50.000 Euro geboten, was Kazmi erneut abgelehnt habe, da das Auto mindestens das Vierfache wert sei.

Kazmi berichtet, er habe gespürt, dass Wegmann seine Antwort nicht gefallen habe.

Um ihn zu "besänftigen", wie Kazmi sagt, kauft er in Islamabad bei Iqbal Jewellers für Wegmanns Frau ein italienisches Goldarmband für 525.000 Rupien, damals umgerechnet 4770 Euro. Bei dem Treffen im Mai 2015 in Düsseldorf überreicht er es Wegmann. Der bedankt sich knapp. Vier Tage später schreibt Caroline Wegmann per WhatsApp: "Liebe Ayesha, ich war so überrascht über dieses wunderbare Armband! Es ist sehr schön, und ich liebe es! Danke vielmals, wir sehen uns bald, liebe Grüße, Caroline" Ayesha Kazmi antwortet: "Hi Caroline, Ich bin so froh, dass du es magst! Hoffe, dich sehr bald zu sehen, Grüße an die Familie! Liebe, x".

ThyssenKrupp bestätigt das erste Gespräch zwischen Kazmi und Wegmann über einen Ferrari, Wegmann habe demnach auch technische Details wie eine Kopie des Fahrzeugscheins angefordert. Jedoch habe er, nachdem er einen Oldtimer-Experten konsultiert habe, von sich aus einen Kauf oder die Vermittlung eines Käufers abgelehnt und dies Kazmi telefonisch mitgeteilt.

Auch ein Armband hat Wegmann erhalten, wie ThyssenKrupp auf Nachfrage einräumt - "im Nachgang zu dem persönlichen Kennenlernen" auf der Geburtstagsfeier von Wegmanns Vorgänger Atzpodien. Kazmi habe Wegmann im Namen seiner Gattin "ein verschlossenes und verpacktes Präsent" überreicht und dabei betont, dass es sich "um ein persönliches Gastgeschenk aus Pakistan von Frau zu Frau" handele. Frau Wegmann habe sich später bei Frau Kazmi für dieses Geschenk - "ein schlichter schmaler Armreif" - per Kurznachricht bedankt.

Nettigkeiten tauschen die Wegmanns und die Kazmis inzwischen nicht mehr aus. Künftig sprechen sie wohl nur noch über ihre Anwälte.

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