Abbau von 6000 Stellen Thyssenkrupp will Kündigungen vermeiden

Thyssenkrupp steht ein Jobkahlschlag bevor - doch Kündigungen soll es beim Abbau von 6000 Stellen so wenige wie möglich geben. Das sieht eine Vereinbarung mit der IG Metall vor.

Stahlarbeiter im Thyssenkrupp-Werk Rothe Erde in Dortmund: Kündigungen nur als Ultima Ratio
Marcel Kusch/dpa

Stahlarbeiter im Thyssenkrupp-Werk Rothe Erde in Dortmund: Kündigungen nur als Ultima Ratio


Der Industriekonzern Thyssenkrupp hat kurz nach der geplatzten Stahlfusion nach eigenen Angaben eine Grundlagenvereinbarung mit der IG Metall geschlossen. Darin sichert das Unternehmen der Gewerkschaft zu, beim Abbau von 6000 Arbeitsplätzen - davon allein 4000 in Deutschland - so weit wie möglich auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Das teilte Thyssenkrupp-Personalvorstand Oliver Burkhard über den Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Aus Sicht der Gewerkschaft sind mit der Grundlagenvereinbarung Mindeststandards für den fairen Umgang mit den Beschäftigten festgelegt worden. "Die roten Linien sind gezogen", sagte der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende, Markus Grolms, von der IG Metall. "Der Umbau von Thyssenkrupp ist leider unvermeidbar." Das werde "ein schwerer, aber leider notwendiger Weg für das Unternehmen und die Beschäftigten". Die Arbeitnehmer seien "bereit, dafür Schmerzen zu ertragen, aber nicht um Aktionäre mit Sonderdividenden zu beglücken".

Grolms bezog sich damit auf den geplanten Börsengang der profitablen Aufzugssparte des Konzerns. Er verlangte, dass die Einnahmen aus dem Börsengang "eingesetzt werden, um die Probleme in den anderen Geschäftsbereichen zu lösen". Vorstandschef Guido Kerkhoff will das Aufzugsgeschäft an die Börse bringen, Thyssenkrupp soll aber Mehrheitsaktionär bleiben.

Burkhard schloss Kündigungen zwar nicht aus, bezeichnete sie aber als Ultima Ratio - also als die Möglichkeit, die als Letztes in Betracht gezogen wird. Den Stellenabbau will der Konzern binnen drei Jahren vollziehen. Durch die Absage der Stahlfusion mit Tata wurden auch die weitreichenden Beschäftigungsgarantien wertlos, die die IG Metall mit Thyssenkrupp vereinbart hatte.

Reaktion der Börse: 28 Prozent Wertsteigerung

Thyssenkrupp steht vor einem radikalen Strategiewechsel. Der Konzern hatte am Freitag seine geplante Aufspaltung in zwei eigenständige Unternehmen abgesagt und auch die Fusion seiner Stahlsparte mit dem indischen Konkurrenten Tata gestoppt. Man rechne nicht mehr mit der Genehmigung der Fusion durch die EU-Kommission, begründete Vorstandschef Kerkhoff die Entscheidung.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) begrüßte die Vereinbarung zwischen Unternehmen und IG Metall. "Das Konzept, das mir Vorstand und Gewerkschaften gemeinsam vorgestellt haben, ist überzeugend. Es bietet Zukunftschancen für Thyssenkrupp und für Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen", ließ er nach einem Treffen mit Kerkhoff und Grolms mitteilen.

Der Aufsichtsrat muss den Plänen Kerkhoffs bei seiner Sitzung am 21. Mai zustimmen. Bereits am Samstagabend empfahlen das Präsidium und der wichtige Strategie-, Finanz- und Investitionsausschuss des Kontrollgremiums, dies zu tun. Martina Merz ist sowohl Vorsitzende des Aufsichtsrats als auch Vorsitzende des Strategie- und Investitionsausschusses. Sie sprach am Samstag laut Mitteilung von einer verantwortungsvollen Entscheidung des Vorstands.

Kerkhoff hatte bereits am Freitag deutlich gemacht, dass er den Aufsichtsrat, in dem die Krupp-Stiftung und der schwedische Investor Cevian die größten Aktienpakete vertreten, auf seiner Seite sieht. Cevian-Co-Chef Lars Förberg forderte, es sei eine fundamentale Neuausrichtung notwendig.

Die Investoren an den Börsen reagierten am Freitag sehr positiv auf die Entwicklungen. Der Aktienkurs stieg mit 28 Prozent um mehr als ein Viertel.

fdi/dpa



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spon_5711341 12.05.2019
1. Erpressung auf hohem Niveau
Wie ich gerade in einer anderen Diskussion geschrieben habe, bin ich mittlerweile alt genug, um Schweinezyklen der Wirtschaft und Politik gut 40 Jahre beobachten zu können. Hier ist ein weiterer, der sich nach meinem Dafürhalten allerdings erst in den letzten 20 Jahren so richtig auf breiter Ebene etabliert hat: 1.) Grosser Konzern will auf dem Weg zum Oligopol/Monopol noch größer werden und entsprechend fusionieren. 2.) Auf nationaler oder EU-Ebene wird dies kritisch gesehen und signalisiert, dass man dem nicht zustimmen werde. Negative Antwort zeichnet sich am Horizont ab. 3.) Grosser Konzern sagt Fusion ab. 4.) Grosser Konzern muss plötzlich (vorher wollte man ja noch grösser werden und hatte dicke Taschen) mehrere Tausend Arbeitsplätze abbauen. Diese vornehmlich in dem Land/Bundesland, von dem aus der größte Einfluss auf das Fusionsverbot zu erwarten ist. Dieses Land könnte also seinen Einfluss noch in die Waagschale werfen, damit die Fusion doch noch durch geht. Ein Schelm, wer hier Bestrafung der Politik durch die Wirtschaft wittert.. nach dem Motto: "Wenn Du mich nicht machen lässt, wie ich will, dann versau ich Dir den Ruf und die Wahlchancen Deiner Partei. Dann kannst Du mal sehen!"
_gimli_ 12.05.2019
2.
Zitat von spon_5711341Wie ich gerade in einer anderen Diskussion geschrieben habe, bin ich mittlerweile alt genug, um Schweinezyklen der Wirtschaft und Politik gut 40 Jahre beobachten zu können. Hier ist ein weiterer, der sich nach meinem Dafürhalten allerdings erst in den letzten 20 Jahren so richtig auf breiter Ebene etabliert hat: 1.) Grosser Konzern will auf dem Weg zum Oligopol/Monopol noch größer werden und entsprechend fusionieren. 2.) Auf nationaler oder EU-Ebene wird dies kritisch gesehen und signalisiert, dass man dem nicht zustimmen werde. Negative Antwort zeichnet sich am Horizont ab. 3.) Grosser Konzern sagt Fusion ab. 4.) Grosser Konzern muss plötzlich (vorher wollte man ja noch grösser werden und hatte dicke Taschen) mehrere Tausend Arbeitsplätze abbauen. Diese vornehmlich in dem Land/Bundesland, von dem aus der größte Einfluss auf das Fusionsverbot zu erwarten ist. Dieses Land könnte also seinen Einfluss noch in die Waagschale werfen, damit die Fusion doch noch durch geht. Ein Schelm, wer hier Bestrafung der Politik durch die Wirtschaft wittert.. nach dem Motto: "Wenn Du mich nicht machen lässt, wie ich will, dann versau ich Dir den Ruf und die Wahlchancen Deiner Partei. Dann kannst Du mal sehen!"
Das hat nichts mit Erpressung, sondern mit der Umsetzung von Unternehmensstrategien zu tun. Am Weltmarkt überlebt man außerhalb von Nieschen langfristig nur noch, wenn man einer der zwei größten Anbieter ist. Um das zu verstehen, muss man sich die bei Grossprojekten von Kunden geforderten Liefer- und Preiskonditionen anschauen. Wenn die EU hier nicht bereit ist, entsprechend einzulenken, weil man Angst vor Machtkonzentration hat, geben die Unternehmen die betreffenden Bereiche in die Selbständigkeit und der Markt regelt alles weitere durch Abwickelung oder Übernahme. Die EU zerstört hier aus ideologischen Gründen ihre industrielle Zukunft und wird scheitern. Einfach mal anschauen, mit welcher Power die Chinesen am Markt agieren. Die Musik spielt außerhalb der EU.
horst1109 12.05.2019
3. Mancher hat nicht verstanden, ...
was die Zukunft bringen wird. Thyssen-Krupp wird die erfolgreiche Aufzugsparte an die Börse bringen, damit ein paar Jahre die unrentablen Unternehmensteile subventionieren und dann auflösen. Wer den Konzern während der vergangenen 40 Jahre beobachtet hat, der trifft immer wieder auf die gleichen Muster. Statt Produkte zu entwicklen, die zukunftsfähig sind, wird versucht, so lange an unrentablen Segmenten festzuhalten, bis es nicht mehr geht. Gleiches erleben wir in der Bildungspolitik.
blaues_quadrat 12.05.2019
4. Wenn der Vorstand ehrlich zu sich selbst ist
müssen sie geschlossen zurück treten
Nordstadtbewohner 12.05.2019
5. Flexibel denken - Flexibel bleiben
Der globale Stahlmarkt ist hart umkämpft und nur die Großen überleben. Da durch die abgesagte Fusion Synergieeffekte ausbleiben, muss Thyssen-Krupp Personal abbauen, um das zu kompensieren. Das ist völlig normal und gehört zu einer Marktwirtschaft dazu. Die Aufregung um Kündigungen kann ich nicht nachvollziehen. In Deutschland werden dringend Arbeits- und Fachkräfte gesucht. So vor allem in der Pflegebranche, wo es mehr als 100.000 offene Stellen gibt. Wer also jetzt einen Job verliert, kann es ja zum Beispiel in der Pflege versuchen. Niemand m 2019 arbeitslos sein.
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