"In Kernbereichen" Tönnies verspricht Abschaffung der Werkverträge

Clemens Tönnies zählte zu den lautesten Verfechtern von Werkverträgen in der Fleischindustrie. Nach dem Corona-Ausbruch in seinem Betrieb will er sie weitgehend streichen - dabei müsste er das bald ohnehin.
Arbeiter in der Fleischproduktion bei Tönnies (Archiv): bald alle fest angestellt

Arbeiter in der Fleischproduktion bei Tönnies (Archiv): bald alle fest angestellt

Foto: marco stepniak/ imago images/biky

Gegen die Missstände in der Fleischindustrie will Arbeitsminister Hubertus Heil mit einem Verbot von Werkverträgen spätestens ab 1. Januar vorgehen - darauf hat sich das Bundeskabinett längst geeinigt. Clemens Tönnies kämpfte lange gegen die Abschaffung dieser Form der Beschäftigung und warnte vor "strukturell-negativen Veränderungen für die Agrarwirtschaft".

Angesichts des massiven Corona-Ausbruchs in seinem Betrieb hat er nun ein Ende dieser Arbeitsform angekündigt - was er dann ja ohnehin müsste. Deutschlands größter Schlachtbetrieb will demnach bis Ende 2020 alle Werkverträge "in allen Kernbereichen der Fleischgewinnung" abschaffen und die Mitarbeiter in der Tönnies-Unternehmensgruppe einstellen. Das teilte Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit. Der Tönnies-Konkurrent Westfleisch hatte angekündigt, bis Ende des Jahres sogar sämtliche Mitarbeiter selbst einzustellen und auf Werkvertragsanbieter zu verzichten.

Tönnies will laut Ankündigung noch weitere Schritte gehen, um die Situation seiner Arbeiter zu verbessern. So solle flächendeckend eine digitale Zeiterfassung an allen deutschen Standorten für die Arbeiter eingeführt werden. Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hatte Kritik an der fehlenden digitalen Zeiterfassung geübt. "Der Tönnies kann Ihnen sagen, von welchem Schwein die Mettwurst ist - er kann aber keine digitale Zeiterfassung machen", sagte der CDU-Politiker im ARD-Talk "Hart aber fair". Dies kann Probleme geben, wenn zur Pandemiebekämpfung nachvollzogen werden muss, wer wann und wo gearbeitet hat. Eine digitale Zeiterfassung erschwert aber auch Missbrauch bei Überstunden.

Tönnies: "Wir brauchen die gesellschaftliche Akzeptanz"

Außerdem will das Unternehmen nach eigenen Angaben ausreichenden und angemessenen Wohnraum für die Beschäftigten der Unternehmensgruppe an den Standorten schaffen. Auch dieser Punkt soll möglichst bis zum 1. Januar 2021 umgesetzt werden. Nach Angaben eines Tönnies-Sprechers könne es aber beim Thema Wohnen in den verbleibenden sechs Monaten bis Ende 2020 ein Zeitproblem geben.

Der öffentliche Druck auf Tönnies wächst derweil. Mehr als 1500 seiner Beschäftigten sind bereits positiv auf das Coronavirus getestet worden. Für den gesamten Kreis Gütersloh mit rund 370.000 Einwohnern verhängte das Land Nordrhein-Westfalen einen Lockdown. Das öffentliche Leben wird ab Mittwoch bis vorerst zum 30. Juni heruntergefahren.

Die Landespolizei schickt mehrere Hundertschaften, um die Quarantäne Tausender Menschen durchzusetzen. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) warf Tönnies mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. Die Behörden hätten die Herausgabe von Daten der Werkarbeiter durchsetzen müssen. "Da wurde nicht mehr kooperiert, da wurde verfügt."

Mitinhaber Clemens Tönnies scheint allmählich zu erkennen, dass sein bisheriges Geschäftsmodell künftig ein Problem sein könnte. "Wir wollen auch in Zukunft in Deutschland Fleisch produzieren. Dafür brauchen wir die gesellschaftliche Akzeptanz", sagt der Unternehmer, der zugleich Aufsichtsratschef des Bundesligisten FC Schalke 04 ist. "Dies gilt über alle Ketten der Fleischproduktion und schließt ausdrücklich die Landwirtschaft mit ein."

Sein Betrieb ist für Tönnies derweil nicht das einzige Problem: Auch auf Schalke könnte es eng werden. Der Aufsichtsratschef ist ins Fadenkreuz der Fans gerückt. Die Ultras geben dem Unternehmer eine Mitschuld an der Krise. "Schalke ist kein Schlachthof! Gegen die Zerlegung unseres Vereins", lautet das Motto mehrerer Fanorganisationen, die für Samstag eine Demonstration angekündigt haben. Um 15.30 Uhr, wenn der Bundesligist zum letzten Saisonspiel beim SC Freiburg antritt, wollen die Fans eine Menschenkette rund ums Vereinsgelände bilden - unter Einhaltung der Hygienebestimmungen.

Clemens Tönnies wird es nicht persönlich sehen können. Er steht nach dem Corona-Ausbruch in seiner Firma selbst unter Quarantäne.

apr/dpa/sid
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