Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie Tönnies' geheimnisvolle Töchter

Fleischfabrikant Tönnies sorgt erneut für Aufregung - weil das Unternehmen 15 Tochtergesellschaften gegründet hat. Will er damit das geplante Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit umgehen?
Zerlegung von Schweinen bei Tönnies: Plexiglasscheiben als Coronaschutz

Zerlegung von Schweinen bei Tönnies: Plexiglasscheiben als Coronaschutz

Foto:

Tönnies/ DPA

Bei der Benennung von Tochterfirmen zeigte sich Clemens Tönnies zuletzt weniger kreativ als bei seinen eigenen Kindern Max und Julia. Statt individueller Namen verpassten Chef und Unternehmensführung den insgesamt 15 neu eingetragenen GmbHs schlicht die Bezeichnung "Tönnies-Production". Jeweils ergänzt um die römischen Zahlen I bis XV ließ das Unternehmen sie Mitte Juli am Amtsgericht Gütersloh für Rheda-Wiedenbrück ins Handelsregister eintragen.

Die Gründung der Firmen, die vom Tönnies-Juristen und Chef-Personaler Martin Bocklage sowie einem weiteren Tönnies-Personaler geleitet werden, sorgt mittlerweile für Empörung. Will Deutschlands größter und wegen seiner Arbeitsbedingungen heftig kritisierter Fleischfabrikant etwa das geplante Verbot von Leiharbeit und Werkverträgen in der Fleischindustrie umgehen?

Schnell wurden in den sozialen Netzwerken solche Mutmaßungen laut. Schließlich sollen bestimmte Betriebe in der Fleischerei mit maximal 49 Mitarbeitern von der am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossenen Regelung ausgenommen werden. Eine Zahl, die eh schon über der im Referentenentwurf ursprünglich vorgesehenen Obergrenze von 30 liegt. Und als Unternehmensgegenstand der Tönnies-Töchter  gilt: "Herstellung und Vertrieb von Fleischwaren aller Art, einschließlich der Schlachtung, Zerlegung und Kommissionierung sowie Be- und Verarbeitung zu handelsfähigen Endprodukten aus Fleisch und Fleischbestandteilen". Also all das, was Tönnies momentan vor allem noch durch billige Werkvertragsarbeiter und Subunternehmertum erledigen lässt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

"Tönnies sollte nicht mit dem Feuer spielen", schrieb SPD-Chefin Saskia Esken. Auch bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten ist man besorgt - und sieht die Gefahr, dass durch die Firmen womöglich Schlupflöcher geschaffen werden könnten. Mit Blick auf die Regelungen zur Leiharbeit, aber auch wegen möglichen Problemen bei der Etablierung von Betriebsräten und Tarifverträgen in den Gesellschaften.

Noch ehe der Gesetzentwurf das Parlament passiert hat, gibt sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) dagegen sicher, dass die von ihm immer wieder angeprangerte "organisierte Verantwortungslosigkeit" nicht durch die Tönnies-Töchter unterlaufen wird. Zu den Befürchtungen teilte der SPD-Politiker mit: "Nein (...) Die 50er-Regelung gilt nur für Handwerksunternehmen." Staatssekretär Björn Böhning schob nach: "Dritte können hier nicht mehr im Bereich des Schlachtens und Zerlegens und Verarbeitens tätig werden. Dazu zählen eben auch Tochterunternehmen."

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Jedoch ist das Gesetz noch nicht im Parlament verabschiedet. Und aus der Union wurde bereits geäußert, dass es womöglich noch Nachbesserungen bedürfe, damit etwa zur Grillsaison "saisonale Produktionsspitzen flexibel aufgefangen werden können". Die Fleischindustrie wiederum hält sich eine Klage offen. "Nicht, wenn es um das Verbot der Werkverträge geht", sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF), Heike Harstick, der "Welt", aber gegen geplante "Eingriffe in das Gesellschaftsrecht der Unternehmen". Unternehmensstrukturen würden "teils komplett infrage gestellt, indem zum Beispiel der Begriff des Inhabers neu gefasst wird und Kooperationen, Doppelgesellschafter oder sogar Lohnschlachtung untersagt werden".

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der Konzern spricht von einem "normalen Vorgang"

Selbst wenn das Gesetz wie geplant beschlossen werden sollte, bleibt jedoch unklar, was Tönnies mit seinen Tochterfirmen bezweckt. Ein Tönnies-Sprecher teilte zu den zu hundert Prozent dem Unternehmen gehörenden Firmen mit, dadurch könne man Direkteinstellungen an verschiedenen Standorten und für die verschiedenen Gesellschaften im Konzern "schnell umsetzen".

Der Konzern hatte Ende Juni versprochen, alle Mitarbeiter in den Kernbereichen der Produktion "in die Tönnies-Unternehmensgruppe" einzustellen. Dabei bleibt es laut dem Sprecher uneingeschränkt. "Wir sind bereits mitten in diesem Prozess, da wir Mitte September die ersten tausend ehemals Werkvertragsarbeiter fest eingestellt haben wollen", heißt es auf Anfrage.

Bei der Gründung der Tochterfirmen spricht Tönnies von "Vorratsgesellschaften" und einem "völlig normalen Vorgang". Schließlich brauche es für die Festanstellungen rechtliche Grundlagen, teilt der Sprecher mit - und verweist auf die Politik. "Es ist momentan noch völlig unklar, welche Organisationsformen das geplante Gesetz vorsieht. Vorsorglich haben wir deshalb diese Gesellschaften gegründet."

Wie sie schlussendlich genutzt werden, dürfte sich erst nach Einführung des Werkvertragsverbots berurteilen lassen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.