Weltwirtschaftsforum in Davos Topmanager im Klima-Dilemma

So grün war Davos noch nie: Beim Treffen der Wirtschaftselite wächst der Druck auf die Konzernchefs, den Klimaschutz endlich ernst zu nehmen. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Investoren zu.
Aus Davos berichten Tim Bartz und Stefan Kaiser
Klimaprotest vor Start des Weltwirtschaftsforums in Davos

Klimaprotest vor Start des Weltwirtschaftsforums in Davos

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Wenn sich ab diesem Dienstag die globale Manager-Elite im Schweizer Wintersportort Davos versammelt, ist der öffentliche Druck auf die vielen Herren und wenigen Damen aus den Chefetagen der großen Konzerne so hoch wie wohl noch nie: Sie sollen in ihren Unternehmen eine radikale Wende zur Klimarettung hinlegen – notfalls auch ohne die Politik.

Dieser Ruf kommt zuallererst von der "Fridays for Future"-Bewegung, deren Protagonistin Greta Thunberg gleich zu Beginn des Treffens den Teilnehmern ins Gewissen reden soll. Doch mittlerweile stellen auch die Veranstalter selbst ähnliche Forderungen: In einem offenen Brief an alle Besucher und Unternehmenspartner ermuntert der Gründer des Weltwirtschaftsforums (WEF), Klaus Schwab, die Konzerne, sich öffentlich das Ziel zu setzen, die Treibhausgasemissionen bis 2050 oder früher auf null zu senken. Und im Global Risk Report, in dem das WEF jedes Jahr in der Woche vor Davos die größten Gefahren für die Welt abbildet, liegen in diesem Jahr erstmals fünf Klimathemen auf den ersten fünf Plätzen.

Für viele der mehr als 1000 Unternehmenslenker, die in Davos versammelt sind, ist diese neue Dringlichkeit auch ein Problem. Sie sind gefangen zwischen den Anforderungen der Aktionäre (Shareholder), möglichst hohe Gewinne herauszuholen, und denen der sogenannten Stakeholder, also aller betroffenen gesellschaftlichen Gruppen, die sich eine grüne Wende wünschen.

Kaesers PR-Unfall

Siemens-Chef Josef Kaeser könnte viel darüber erzählen. Wie kein zweiter deutscher Unternehmensführer versucht er, Themen zu besetzen, die weit über das operative Management seines börsennotierten Konzerns hinausgehen. Kaeser legt sich per Twitter mit US-Präsident Donald Trump an, kritisiert die AfD, will Siemens bis 2030 CO2-neutral machen. Siemens’ "Purpose" - gemeint ist der Zweck, die Bestimmung - geht weit über die Pflege des Aktienkurses hinaus. Dafür wird er gelobt, aber auch verachtet, weil er sich dem Zeitgeist unterwerfe und um Dinge kümmere, die nicht zum Kerngeschäft gehörten.

Joe Kaeser am 10. Januar in Berlin: Der Siemens-Chef steht blamiert da

Joe Kaeser am 10. Januar in Berlin: Der Siemens-Chef steht blamiert da

Foto: Soeren Stache/ dpa

Seine Fehde mit "Fridays for Future" wegen des umstrittenen Auftrags, in Australien Signaltechnik für Züge zu liefern, über die Kohle von der geplanten Adani-Mine zum Meer transportiert werden soll, gilt als PR-Gau. Erst erkannte Kaeser den Ernst der Lage im von Feuersbrünsten heimgesuchten Australien nicht. Dann eierte er herum, um schließlich zu entscheiden, den ökologisch bedenklichen, nur 18 Millionen Euro großen Auftrag trotz Bauchschmerzen einzuhalten, um nicht vertragsbrüchig dazustehen. Aktivistin Luisa Neubauer lehnte sein Angebot, in den Aufsichtsrat der Konzerntochter Energy einzuziehen, ab. Nun steht der "Purpose"-Verfechter Kaeser blamiert da.

Kaesers Dilemma spiegelt wider, unter welchen Unsicherheiten Manager heute agieren. Ewig lange reichte es, nur die Shareholder zu befriedigen. Nun wird der Druck der Stakeholder größer. "Fridays for Future" etwa hat bereits angekündigt, in diesem Jahr verstärkt Unternehmen ins Visier zu nehmen. "Die politische Abhängigkeit von den Akteuren aus der Wirtschaft ist so enorm, dass es effektiver scheint, sich direkt an die Unternehmen und nicht nur an die Regierungsbeteiligten zu wenden", sagte Neubauer in der vergangenen Woche bei einem Auftritt in Hamburg. Nach eigenen Angaben will sie die Klimaikone Thunberg nach Davos begleiten.

Trump und die alte Shareholder-Ideologie

Bisher allerdings lassen sich die Konzernchefs nur mäßig von Protesten und Demonstrationen beeindrucken. Für eine Studie, die das Weltwirtschaftsforum gemeinsam mit der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) veröffentlicht hat, wurden unter anderem 24 Vorstandschefs in persönlichen Gesprächen befragt. Ihren Berichten zufolge übertrifft bislang "der Druck, kurzfristige Ergebnisse zu liefern, bei Weitem die Rufe nach langfristiger Dekarbonisierung". Die Shareholder geben also weiter die Richtung vor.

Diese Denkweise wird in vielen Teilen der Welt auch politisch unterstützt. Businesspolitiker wie US-Präsident Trump oder der brasilianische Staatschef Jair Bolsonaro sehen den einzigen Zweck von Unternehmen im Geld verdienen. Umweltschutz oder Menschenrechte interessieren sie nicht. Gut möglich, dass Trump das auch so erzählen wird, wenn er am Dienstagvormittag die Eröffnungsrede in Davos hält.

Doch diese reine Shareholder-Ideologie dürfte langfristig kaum durchzuhalten sein in einer Zeit, in der nicht nur Konzerne immer globaler werden. Klimaschutz macht nicht an Ländergrenzen halt, Kritiker vernetzen sich blitzschnell und mühelos international, Kunden entscheiden zunehmend umweltbewusster.

Die Schlüsselrollen im Kampf gegen den Klimawandel dürfte deshalb vor allem zwei Gruppen haben: Verbraucher und Investoren. Beide können mit ihren Kaufentscheidungen Politik machen.

Zumindest bei den Investoren gibt es ermutigende Signale, etwa die Initiative Climate Action 100+. Der gehören 370 Investmentfonds an, die zusammen 35 Billionen Dollar verwalten und Druck auf Öl- und Gasfirmen ausüben, sauberer zu produzieren; bei Royal Dutch Shell und BP hat die Lobbygruppe schon einiges erreicht.

Nun hat sich auch Blackrock angeschlossen, der weltgrößte Vermögensverwalter, der über insgesamt knapp sieben Billionen Dollar verfügt. In der Praxis hat Blackrock zwar bislang kaum auf Klimaschutz geachtet, und die meisten seiner Fonds sind so strukturiert, dass sie wenig Einfluss auf Firmen ausüben. Immerhin aber formuliert Blackrock-Chef Larry Fink erstmals klare Ziele: Unternehmen, die 25 Prozent ihrer Umsätze oder mehr mit Kohle machen, fliegen aus den Aktienportfolios. In Davos will Fink die neue Investitionspolitik erläutern.

Den PR-Gau von Siemens-Chef Kaeser hätte das zwar nicht verhindert – das Problem des Konzerns war nicht die Produktion, sondern seine Rolle als Teil einer Lieferkette. Aber es ist mehr als ein Anfang.