SPIEGEL ONLINE

Total-Chef de Margerie Der tragische Tod des Öl-Diplomaten

Er war ein Freund Russlands, galt als knallharter Kapitalist und talentierter Diplomat: Total-Chef Christophe de Margerie kam beim Zusammenstoß seines Flugzeugs mit einem Schneepflug ums Leben. Für den Konzern ein herber Verlust.

Ein westlicher Ölmagnat stirbt auf einem Flughafen in Russland durch einen spektakulären Unfall. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der gegenseitiges Misstrauen und Empfindlichkeiten die Atmosphäre zwischen Ost und West wieder vergiften. So mancher wird höhnisch aufgelacht haben, als Dimitrij Peskow der Familie von Christophe de Margerie öffentlich das Beileid der russischen Regierung ausdrückte.

Doch alles spricht dafür, dass der Sprecher von Kreml-Chef Wladimir Putin es wirklich ernst meinte. Denn de Margerie war ein echter Freund Russlands, der sich auch in Zeiten für den Dialog einsetzte, als dies manchen nicht mehr möglich schien. Etwa seit Beginn der Ukraine-Krise, als er sich trotz öffentlicher Anfeindungen gegen Sanktionen aussprach und vor einem Rückfall in alte Reflexe des Kalten Krieges warnte.

Der Appell diente natürlich nicht zuletzt dazu, die Interessen des französischen Ölkonzerns Total zu schützen, dem de Margerie seit 2007 vorstand. Unter seiner Führung hatte der Mineralölkonzern gleich mehrere Projekte in Sibirien oder auf der Jamal-Halbinsel auf den Weg gebracht.

Fotostrecke

Christophe de Margerie: Trauer um "Big Moustache"

Foto: FRED DUFOUR/ AFP

Doch dem Manager ging es um mehr als um das bloße Geschäft. Die Verständigung zwischen den Nationen und Kulturkreisen hielt der 63-jährige Sohn eines Diplomaten und einer Tochter der Champagner-Dynastie Taittinger stets für den erfolgversprechenderen Weg als die gegenseitige Präsentation von Folterwerkzeugen - auch wenn er selbst nicht davor gefeit war, hin und wieder mit allzu deutlichen Worten aus der Rolle zu fallen.

Sein Interesse an anderen Menschen soll echt, nicht antrainiert gewesen sein: Mit einem Liftboy suchte er ebenso gerne das Gespräch wie mit einem arabischen Scheich. Was nicht selten dazu führte, dass sein Terminplan aus dem Takt geriet. Während eines Besuchs in Peking 2009 etwa ließ er mehrere Vorstände großer Energiekonzerne warten, weil er sich in ein Gespräch mit dem Hotelportier vertieft hatte, wie der damalige Total-Repräsentant in China, Jacques de Boisseson, dem Magazin "Time" erzählte.

Rund 40 Jahre arbeitete de Margerie für Total, zunächst bis in die achtziger Jahre hinein in der Finanzabteilung. Später konnte er sein ganzes Geschick als Repräsentant im Mittleren Osten nutzen. 1999 ernannte ihn Total zum Leiter der Abteilung, die für die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen zuständig ist. Seitdem verbrachte er mehr Zeit sonstwo in der Welt als in Frankreich.

Sarkozy als Gegner

Seine Meriten für den Konzern erwarb er sich eher dort als zu Hause. Für viele Franzosen galt er bis zuletzt als Sinnbild eines rücksichtslosen Kapitalisten, weil er mitunter auf sehr direkte Art die Interessen der Arbeitgeber vertrat oder massive Preissteigerungen für den Benzinpreis voraussagte, was viele als öffentliche Drohung verstanden. Der damalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy nutzte die Gunst der Stunde, um ihn als Buhmann zu brandmarken, um von den eigenen Fehlern abzulenken.

Schrammen hatte sein Ansehen allerdings schon zuvor abbekommen. Jahrelang hatten die Staatsanwälte gegen ihn ermittelt, weil sie ihn der Beihilfe zur Korruption verdächtigten. 1997 soll er Total mit Schmiergeldzahlungen die Nutzung eines iranischen Gasvorkommens gesichert haben. Auch den Versuch, ein gegen Irak verhängtes Uno-Embargo zu unterlaufen sagte man ihm nach. Die Verfahren führten allerdings zu keinem Ergebnis.

Hinzu kamen Unfälle, für die er als zuständiger Vorstand geradezustehen hatte. Die Havarie des Öltankers "Erika" etwa, der 1999 die Strände der Bretagne verwüstete oder die Explosion einer Raffinerie in Toulouse, die 31 Menschen das Leben kostete. Später das Gasleck in der Nordsee, das den Konzern fast so viel Ansehen kostete, wie den Konkurrenten BP die Havarie der "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko.

Trotzdem blieb de Margerie als Konzernchef bis zuletzt unangefochten. Für Total dürfte deswegen jetzt eine schwere Zeit beginnen. Der Vorstand hatte noch in der Nacht eine Krisensitzung am Unternehmenssitz im Geschäftsviertel La Défense am Rand von Paris einberufen.