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15. Juli 2010, 12:02 Uhr

Toyotas US-Imagedesaster

Bleifuß statt Bremspedal

Von Lars Halter, New York

Für Toyota war es der wohl größte Skandal in der Firmengeschichte: Angeblich sind in den USA massenweise Fahrzeuge wegen Materialfehler verunglückt. Nun hat eine Regierungsstudie den Konzern reingewaschen. Aber schafft es das Unternehmen, sein altes Image zurückzugewinnen?

Für Toyota ist es wie ein Freispruch, doch die Konzernmanager versagen sich das Jubeln. Offiziell äußert sich das Unternehmen gar nicht, und selbst hinter vorgehaltener Hand heißt es bescheiden, man müsse erst einmal abwarten.

Keine Freude, kein Aufatmen, nicht einmal ein selbstbewusstes "Wir haben es doch immer gewusst". Dabei hätten die Japaner allen Grund zum Auftrumpfen.

Im Frühjahr musste das Unternehmen allein in den USA fast acht Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten zurückholen, dazu kamen weitere Rückrufaktionen in Europa und Asien. Für den Konzern ein PR-Desaster ohnegleichen. Doch nun hat eine US-Regierungsuntersuchung ergeben: Die Japaner trifft höchstwahrscheinlich keine Schuld. Sämtliche Unfälle, die Toyota zur Last gelegt worden waren, lassen sich auf Fehlverhalten der Fahrer zurückführen. Sie hatten schlichtweg Gas- und Bremspedal verwechselt.

Jahrelang hatte der Konzern an einem positiven Image gefeilt

Im Skandal um die angebliche Pannenserie bei Toyota ist das eine dramatische Kehrtwende. War die ganze Aufregung umsonst? Ist Toyotas Image zu Unrecht ramponiert worden?

Vor kurzem sah es noch ganz anders aus, für patriotische Amerikaner schien der Fall Toyota ein gefundenes Fressen. Den Anfang nahm die Affäre Ende November vergangenen Jahres, als ein Toyota-Fahrer in den USA mit hoher Geschwindigkeit verunglückte, weil sein Gaspedal an der Fußmatte festhängen blieb. Weitere Unfälle folgten, die US-Presse zog gegen Toyota zu Felde, dann kam der Rückruf für Millionen Fahrzeuge, die Konkurrenz frohlockte.

Es dürfte einige Zeit dauern, bis sich Toyotas Unschuld, die nun offenbar wird, in den Köpfen der Amerikaner durchsetzen wird. Gerade noch haben sie den Konzern verurteilt wie sonst höchstens noch die Golf-Verschmutzer von BP. Immerhin hatte der japanische Konzern jahrelang an einem Image gearbeitet, das Verlässlichkeit und Sicherheit signalisiert, und mit guter Qualität und günstigen Preisen die amerikanischen Konkurrenten fast vom heimischen Markt gedrängt. Da waren viele wütend, entsprechend vorschnell machte man sich am Stammtisch über die Japaner her.

In der Öffentlichkeit gab es keine Unschuldsvermutung

Eine Unschuldsvermutung gab es nie in den USA, obwohl Zweifel von Anfang an angebracht waren. So hätte auch kritischen Betrachtern in den USA auffallen müssen, wie sich die Zahl der Fälle plötzlich häufte, in denen "unschuldige" und "vorsichtige" Autofahrer von ihren angeblich kaputten Toyotas in andere Verkehrsteilnehmer, Leitplanken und Hauswände getrieben wurden. Nachdem erste Unfälle in den Medien aufgetaucht waren, verzehnfachten sich die Beschwerden. Die Begründung, Gaspedale seien irgendwo "steckengeblieben", hinterfragte kaum ein Experte. Vielmehr kritisierte man Toyota, die betroffenen Modelle nicht viel schneller zurückgerufen zu haben.

Am Ende ging der Schaden für den Hersteller in die Milliarden. Für einige Fahrzeuge wurde die Produktion eingestellt, die Toyota-Aktie brach binnen weniger Tage um mehr als 20 Prozent ein.

Noch laufen die Untersuchungen gegen Toyota. Hinzu kommt eine Flut privater Klagen von Unfallopfern, deren Ausgang nach wie vor offen ist. Die US-Konkurrenz nutzt das schamlos aus: General Motors, Ford und Chrysler bieten Sonderangebote für Kunden, die ihren Toyota in Zahlung geben.

Ähnliches hatte Audi 1989 erlebt

Und nun diese Überraschung: Nach neuesten Erkenntnissen der amerikanischen Autobahnbehörde und des Verkehrsministeriums ist Toyota so gut wie entlastet. Die Experten hatten in den vergangenen Wochen Dutzende verunfallter Wagen untersucht und Fahrtenschreiber ausgewertet. Die ersten Ergebnisse, über die das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Insider berichtet, ergaben: In fast allen Fällen waren die Drosselkappen vom Gasgeben weit offen, die Bremsen wurden vom Fahrer hingegen nicht betätigt. Der Verdacht liegt nahe, dass die Fahrer in Panik bremsen wollten, dabei aber das Gaspedal erwischten.

Toyota selbst schweigt dazu. Schon in der Vergangenheit hat es der Konzern vermieden, Fahrfehler als mögliche Ursache für die Unfälle zu nennen. Er wollte die Kunden nicht noch zusätzlich gegen sich aufbringen. Man kann sich - mit heutigem Wissen - vorstellen, wie schwer es den japanischen Managern fallen muss, nun diese Contenance zu wahren.

Dabei gäbe es ein eindrucksvolles Beispiel, auf das die Toyota-Oberen hätten hinweisen können. 1989 hatte Audi mit den gleichen Problemen zu kämpfen, auch der deutsche Hersteller geriet in die Kritik. Eine offizielle Untersuchung der Regierung hatte auch damals schon Fahrfehler für das ungewollte Beschleunigen der Autos verantwortlich gemacht.

Ist nun also alles gut? Ist der Fall Toyota beigelegt? Wird es dem Unternehmen gelingen, sein einst solides Image wieder herzustellen?

An der Börse hat sich das entlastende Material der Behörden immerhin ausgewirkt. Die Aktie von Toyota erholte sich am Mittwoch ein wenig, Investoren hoffen nun, dass der Autohersteller bei den Kunden künftig wieder geschätzt wird.

Für die US-Wirtschaft ist das - bei aller Konkurrenz durch GM, Chrysler und Ford - ebenfalls eine gute Nachricht. Denn Toyota ist längst nicht nur eine japanische Erfolgsgeschichte. Das Unternehmen hat acht Werke und drei Zulieferer in den USA, darunter auch in krisengeschüttelten Staaten wie Indiana, Kentucky und West Virginia. An diesen Werken hängen 36.000 amerikanische Arbeitsplätze, dazu kommt ein Händlernetz in allen 50 Bundesstaaten.

Die Mitarbeiter dürften nun endlich aufatmen.

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