Traditionskonzern 2000 Quelle-Beschäftigte haben letzten Arbeitstag

Es ist endgültig vorbei: Am Freitag hatten rund 2000 Quelle-Mitarbeiter ihren letzten Arbeitstag. Die Empörung über die Art und Weise der Entlassung ist in Fürth groß.

dpa

Nürnberg - Enttäuscht und frustriert haben am Freitag rund 2000 Quelle-Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz in dem Fürther Versandhaus geräumt. Nach dem Aus für das Traditionsunternehmen hatte der Insolvenzverwalter keine Beschäftigungsmöglichkeit mehr für sie gesehen. Die übrigen 4300 Beschäftigten sollen dagegen nach dem Willen von Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg von der kommenden Woche an den Ausverkauf des Versandhauses im Internet organisieren.

Für Unmut sorgte der Umstand, dass viele Beschäftigte buchstäblich bis zur letzten Minute über ihre weitere berufliche Zukunft im Ungewissen gelassen wurden. Einigen sei am Donnerstag, manchen sogar erst am Freitag gekündigt worden, berichtete Quelle- Betriebsratsmitglied Rainer Rohlederer. Solche Last-Minute- Kündigungen zeugten vom schlechten Umgang des Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg mit den Beschäftigten, kritisierte er. "Das zeigt deutlich: Der Insolvenzverwalter hatte keinen Plan B für den Fall, dass die Investorensuche scheitert." Die Quelle-Abwicklung war notwendig geworden, nachdem sich für das insolvente Unternehmen kein Investor gefunden hatte.

"Niemand hier weiß, ob er am Montag kommen muss oder nicht", klagt auch eine 45 Jahre alte Beschäftigte. Seit 29 Jahren arbeitet sie für Quelle, zuletzt im Einkauf. "Das ist keine Art der Behandlung", sagt sie verzweifelt, den Blick starr zu Boden gerichtet, und fügt hinzu: "Ich fühle so viel Trauer. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es die Quelle nicht mehr gibt - sie gehört doch irgendwie dazu."

Die Betroffenheit in der Region ist groß

Nicht nur die Betroffenheit ist groß in der Region Nürnberg-Fürth, sondern auch der Ideenreichtum, wie der Untergang des Traditionshauses eventuell doch noch zu stoppen ist. So erreicht die Verantwortlichen in den Rathäusern täglich eine Vielzahl von Vorschlägen.

"Das Thema weckt offenbar eine Kreativität bei selbst ernannten Unternehmensberatern, das ist unglaublich", sagt Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD). Rund zwei Dutzend Rettungspläne seien im Rathaus eingegangen, fasst er zusammen. "Wir nehmen jeden ernst, der sich um die Quelle sorgt, auch wenn schräge Vorschläge dabei sind", fügt er an.

So habe ihn ein "Retter" für kommenden Montag um 17.00 Uhr nach Weimar bestellt, um ihm dort zu eröffnen, wie der Untergang des Versandhauses noch verhindert werde könnte. Sein Fürther Amtskollege Thomas Jung (SPD) hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Es kommen schon originelle Vorschläge", sagt er. So habe jemand geschrieben, die Aldi-Brüder sollten doch Quelle kaufen.

Unisono loben Maly und Jung die große Solidarität in der Region. So hätten über 130 Unternehmen 250 Stellen für von der Quelle-Insolvenz betroffene Mitarbeiter geschaffen. Zudem sei ein großer Teil der über 130 Auszubildenden inzwischen untergebracht. Dabei ging die Bundesagentur für Arbeit (BA) mit gutem Beispiel voran. Nach Angaben von BA-Vorstand Raimund Becker wurden drei Quelle-Auszubildende im Bereich IT übernommen, die dort ihre Lehre zu Ende bringen können.

Ökumenischer Gottesdienst als Trost für Quelle-Mitarbeiter

Auch die Kirche möchte den entlassenen Mitarbeitern Beistand leisten. Die Menschen in ihrer Verzweiflung aufzufangen, das ist das Anliegen von Norbert Feulner und seinen Kollegen von der katholischen Kirche.

Mit ihrem bunten Bauwagen, der im Inneren zu einem kleinen Gotteshaus mit Altar umfunktioniert wurde, stehen sie seit drei Tagen vor dem Nürnberger Quelle-Versandzentrum. "Es ist wirklich Trauerarbeit angebracht", erklärt der 47-Jährige. Nach zig Jahren für das Unternehmen seien die Menschen über Nacht in existentielle Nöte gestürzt worden.

Immer wieder würden Quelle-Beschäftigte die Stehtische an dem kleinen Bauwagen aufsuchen und bei einer Tasse Kaffee über ihre Ängste und Sorgen sprechen. "Es ist ein Panorama der Grausamkeiten, das man hier sehen kann", sagt er betroffen. Die evangelische und die katholische Kirche organisierten deshalb heute gemeinsam eine ökumenische Mahnandacht vor dem Quelle-Versandzentrum in Nürnberg.

mip/dpa/ddp

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Seite 1
japan10 03.07.2009
1.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Da hat sich wohl Herr Seehofer weit aus dem Fenster gelehnt. Quelle, wieder ein Beispiel für Größenwahn (Arcandor).
Harald E, 03.07.2009
2.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Schon blöd, wenn man nicht systemrelevant ist. (Danke Fr. Merkel....hassu gut gesagt....aber die Einschläge kommen näher) Oh.....und es ist noch lang...sooo lang bis zur Wahl.
bedenkenträger2 03.07.2009
3. ...
Wie gehts weiter bei Quelle? Hoffentlich ohne Staatsknete. Staatshilfe für den Handel - was für ein Unsinn! Der Handel hat doch den leichtesten Part im Kapitalismus, er muss keine Dinge herstellen, schafft keine Werte, sondern er selektiert und verhökert. Der Handel ist doch quasi der Zuhälter der Industrie. Systemirrelevanter geht doch gar nicht. Wenn es eine Branche gibt, wo man (zurecht) sagt: "Ihr müsst alleine klarkommen!" dann ist das doch der Handel! Wer im Handel nicht klarkommt, hat versagt, hat nicht flexibel auf neue Konsumgewohnheiten reagiert. Das Arbeitsplätze-Argument darf nicht überall gezogen werden, der Staat ist bereits der größte Arbeitgeber im Land. Außerdem: Der Großteil der bei Quelle erhältichen Produkte ist doch (ich übertreibe mal rethorisch) zu 90 % "Made in China"; also, erst kaufen wir dort die chinesischen Produkte, und dann subventionieren wir auch noch deren Vertriebswege?!
Querspass 03.07.2009
4. Druckerei stoppt Quelle-Katalog
Obwohl ich der Bezirksleiterin der Sammelbesteller vor 9 Jahren und wiederholt mitgeteilt habe, daß 1 Hauptkatalog reicht, kommen halbjährlich SIEBEN FÜR DIE TONNE. Allein mit der Katalogdruckerei ist kein Umsatz zu machen. Und die Onlinepräsenz klemmt dauernd, es macht manchmal keinen Spaß! Außerdem, wer garantiert, daß die Briten (Mutterkonzern) die Staatsknete nicht abziehen? Soviel mir bekannt ist, hat die Plünderung der Konten zur Insolvenz geführt.
Caiman, 03.07.2009
5. Wahrscheinlich gar nicht...
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Wer ist eigentlich auf die grandiose Idee gekommen, mit 50 Mios einen Katalog auf Pump zu finanzieren, aus dem niemand mehr was bestellt, weil er nicht weiss, ob er überhaupt Ware erhält? Ach ja, das war der andere Horst "WER?"...
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