Träge Verbraucher Dreiste Strompreise? Geschieht uns recht!

Die Energieriesen erhöhen mit fragwürdigen Begründungen die Strompreise. Eine neue Studie zeigt, wie dreist RWE und Co. die Verbraucher schröpfen. Doch die sind selbst schuld: Viel zu wenige wechseln zu günstigen Versorgern - und lähmen so den Wettbewerb.
Strommast in Dorsten: Passive Verbraucher - trotz dreister Preisaufschläge

Strommast in Dorsten: Passive Verbraucher - trotz dreister Preisaufschläge

Foto: MARTIN MEISSNER/ AP

Strompreis

Hamburg - Seit Jahren kennt der nur eine Richtung: nach oben. Immer teurer wird die Energie, nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind die Preise für Endverbraucher seit Januar 2008 um gut sieben Prozent gestiegen.

Für rund zwei Millionen Haushaltskunden ist die jüngste Erhöhung gerade vorbei: Der Energieriese RWE hat zum 1. August den Strompreis um 1,5 Cent pro Kilowattstunde angehoben.

Ein strammer Aufschlag - den der Strommarkt-Experte Gunnar Harms, vornehm ausgedrückt, für fragwürdig hält. Im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion hat er analysiert, wie sich die RWE-Preise für Endverbraucher im Vergleich zum Marktpreis entwickeln. Sein Ergebnis: 1,5 Cent Aufschlag ist viel zu viel.

Wie viel zu viel, ist nicht genau zu bestimmen. Dazu bildet kein Berechnungsmodell die Entwicklung des Strompreises präzise genug ab. Obendrein halten die Unternehmen viele Details ihrer Einkaufspolitik geheim - wer wann wie viel Strom einkauft und mit welcher Marge wieder verkauft, ist kaum zu klären. Dass RWE seine Kunden allerdings allzu arg schröpft, weist die Studie allemal nach.

Denn RWEs Begründung für den Preisaufschlag ist lückenhaft. Der Konzern schiebt die Erhöhung zur Hälfte auf den Gesetzgeber, dessen Erneuerbare-Energien-Gesetze Milliardenkosten verursachen. Die andere Hälfte der Preiserhöhung erklärt der Konzern damit, dass der Einkaufspreis für Strom an der Terminbörse gestiegen sei. Dort kauft RWE nach eigenen Angaben Strom mit drei Jahren Vorlauf (Details: siehe Infobox).

Teure Energie

Nach Harms' Berechnungen ist der Einkaufspreis für Strom mit drei Jahren Vorlaufzeit in den vergangenen Jahren gefallen. Dennoch rechtfertigt RWE damit die Hälfte seiner Preiserhöhung. Das aber bedeutet: Entweder hat der Konzern seinen Strom zu teuer eingekauft - und wälzt die Kosten jetzt auf die Kunden ab. Oder aber RWE hat den Strom günstig eingekauft - und erhöht jetzt durch den Preisaufschlag seine Gewinnspanne.

RWE kommentiert die eigene Einkaufspolitik auf Anfrage nicht. Der Konzern teilt lediglich mit, dass er Strom mit großer Vorlaufzeit einkauft, um "große Preisausschläge nach oben und unten" zu vermeiden. Wem der Preis nicht passt, der könne ja zur Konkurrenz gehen: "Jeder Kunde kann seinen Lieferanten unter zahlreichen Anbietern frei wählen."

Oligopol auf dem Strommarkt

Tatsächlich spricht der Konzern damit ein großes Problem an: Zwar gibt es mehr als 700 Anbieter, doch ein Großteil der Verbraucher ist nach wie vor bei einem der großen Energiekonzerne unter Vertrag. Auf dem deutschen Strommarkt herrschen nach wie vor vier Oligopolisten - und diesen bleiben selbst bei saftigen Preisaufschlägen erstaunlich viele Kunden treu.

Jedes Mal, wenn E.on  , RWE  , EnBW   oder Vattenfall   die Preise erhöhen, beklagen Verbraucherschützer, dass es auf dem deutschen Markt zu wenig Wettbewerb gibt - weil viel zu wenige Kunden von ihrem Recht Gebrauch machen, ihren Vertrag bei den Großkonzernen zu kündigen und sich einen günstigeren Anbieter zu suchen.

Zwar behauptet der Bundesverband der Energiewirtschaft (BDEW) das Gegenteil. Seinen Angaben zufolge haben bis zum Frühjahr 2010 die Hälfte aller deutschen Haushalte bei ihrem Stromversorger einen neuen Tarif gewählt, 21 Prozent hätten ihr Stromunternehmen sogar ganz gewechselt. Doch diese Zahlen sind Blendwerk: Sie beziehen sich auf einen Zeitraum von gut zwölf Jahren. Aussagekräftiger ist eine Erhebung der Bundesnetzagentur: Ihr zufolge wechseln jährlich gerade mal fünf Prozent der Verbraucher ihren Tarif.

Ironischerweise werten RWE und Co. gerade die Tatsache, dass sich die meisten Kunden trotz Preisaufschlägen keinen neuen Versorger suchen, als Zeichen für die eigene Wettbewerbsfähigkeit. In Wahrheit aber sind viele Verbraucher wohl einfach zu träge, sich einen günstigeren Tarif zu suchen und so den Konkurrenzdruck zwischen den Stromversorgern zu erhöhen.

Große Sparpotentiale

Dabei ist es kinderleicht, den Stromanbieter zu wechseln. Über kostenlose Preisvergleichsportale wie Verivox.de oder Toptarif.de findet man binnen Minuten den günstigsten Anbieter in der eigenen Region - den Vertragswechsel selbst wickelt der neue Versorger fast vollständig für den Verbraucher ab (siehe Infobox links).

"Dennoch schrecken noch immer viele Verbraucher vor diesem Schritt zurück", sagt Dagmar Ginzel vom Verbraucherportal Verivox. "Manche Kunden fürchten, bei einem Anbieterwechsel wochenlang keinen Strom in der Wohnung zu haben - obwohl der Gesetzgeber eine Versorgungslücke verbietet."

Andere scheinen die Vorteile eines Wechsels zu unterschätzen. Sie glauben, dass sich der Aufwand nicht lohnt. "Dabei sind die Potentiale erheblich", sagt Ginzel. "So spart Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden durch einen Anbieterwechsel im Schnitt 200 Euro im Jahr."

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