Gasprojekt Griechenland hofft auf Geldfluss aus Mega-Pipeline

Es ist die größte ausländische Direktinvestition: In Griechenland beginnt der Bau der Trans-Adria-Pipeline. Die EU soll damit unabhängiger von Russland werden, Athen setzt auf den Wirtschaftsschub.

Röhren für den Bau von TAP in Albanien
AFP

Röhren für den Bau von TAP in Albanien

Von , Thessaloniki


Alexis Tsipras sah bestens gelaunt aus, als er zum Coldplay-Hit "Paradise" die Bühne erklomm. "Dieses Projekt fällt zusammen mit dem erfolgreichen Abschluss der Überprüfung des griechischen Hilfsprogramms und den Schuldenerleichterungen", sagte der griechische Premierminister, der wie üblich im Anzug ohne Krawatte auftrat. "Es steht für das Ende wirtschaftlicher Instabilität und Unsicherheit."

Der enthusiastische Kommentar galt der Trans-Adria-Pipeline (TAP), einem großen Energieprojekt, das Tsipras am Dienstag vorstellte. Die neue Leitung soll Erdgas aus Aserbaidschan über Griechenland, Albanien und Italien zu westeuropäischen Verbrauchern befördern. Die erste Lieferung ist für Anfang 2020 geplant. Die Kapazität wird zunächst für die Versorgung von sieben Millionen Haushalten reichen und könnte sich in Zukunft verdoppeln.

Tsipras und der georgische Premier Kwirikaschwili
REUTERS

Tsipras und der georgische Premier Kwirikaschwili

Größte ausländische Direktinvestition überhaupt

Tsipras sprach vor Hunderten griechischen und ausländischen Gästen im vollbesetzen Konferenzraum eines Fünf-Sterne-Hotels in Thessaloniki. Für Griechenland ist der Pipeline-Bau in der Tat Grund zum Feiern. Mehr als 1,5 Milliarden Euro werden für das Projekt in die moribunde griechische Wirtschaft gepumpt - die größte ausländische Direktinvestition überhaupt. Der Bau soll schätzungsweise 8000 Arbeitsplätze schaffen und 150 griechischen Firmen Aufträge liefern - ein dringend benötigter Impuls in einem Land, wo jeder Vierte ohne Job ist.

Christos Spirtzis, griechischer Minister für Transport und Infrastruktur, ging noch weiter als Tsipras: "Dies ist ein Tag der Freude für Griechenland. Und einer, der das Ende der Krise bedeutet", sagte Spirtzis SPIEGEL ONLINE.

Solche Äußerungen bedeuten eine Kehrtwende für Tsipras' Linksbündnis Syriza. In der Opposition hatte es die konservative Vorgängerregierung noch für den TAP-Deal kritisiert. Dieser diene nur multinationalen Konzernen und den USA, hieß es damals.

Zweifellos sei TAP für den Rest Europas und die USA erfreulich - das machte der EU-Kommissionsvize und Energiekommissar Maros Sefcovic deutlich. "Es ist mir eine große Freude, mit Ihnen an diesem historischen Tag in Thessaloniki zu sein", sagte der Slowake auf Griechisch. Auf Englisch fügte er hinzu, TAP werde niedrigere Ölpreise, erhöhte Energiesicherheit und Diversifikation mit sich bringen, "den Grundstein der EU-Energiestrategie". Wobei Diversifikation ein Codewort für das Ziel ist, Europas Abhängigkeit von Russland zu verringern.

TAP passt zu diesem Ziel. Die Pipeline ist einer von drei Teilen des sogenannten südlichen Gaskorridors. Das 45-Milliarden-Dollar-Projekt führt über 3500 Kilometer - keiner davon auf russischem Gebiet. Von Baku am Kaspischen Meer geht es über Georgien, die Türkei, Griechenland und Albanien bis nach Italien.

"Wir weihen einen wichtigen Teil von einem der größten und komplexesten Projekte in der Geschichte der Energieindustrie ein", sagte der georgische Premierminister Georgi Kwirikaschwili, der ebenfalls an der Zeremonie teilnahm. "Als Transitland bekräftigt Georgien sein Bekenntnis zur Diversifizierung der europäischen Energieversorgung."

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Ishibashi 17.05.2016
1. positive Entwicklung
nicht so sehr weil die EU angeblich weniger von Russland abhängig wird, dazu ist Aserbaidschan viel zu abhängig von Russland. Aber je mehr verschiedene Pipelines existieren umso geringer ist die Auswirkung bei einem Terroranschlag.
Meconopsis 17.05.2016
2. SYRIZA ist eine tote Partei, ein Zombie !
Gaspipelines sind nichts zukunftsweisendes. Kurzfristig bringen sie Geld, langfristig sind sie nicht nachhaltig, zumal wir alle weg müssen von den fossilen Brennträgern. Die grichsioche Regierung hängt sich an jeden Strohhalm, um irgendwie an Geld zu kommen. So haben sie es schon immer gemacht. Schöner wäre es, sie würden etwas leisten und aufbauen. Vor kurzem haben Tsipras und Co. noch Russland den Hof gemacht, und multinationale Konzerne kritisiert. Und jetzt hofieren sie plötzlich die Feinde Russlands und erklären die Konzerne, die TAP bauen, zu Heilsbringern. Die wirklich Linken haben SYRIZA sowieso längst verlassen. SYRIZA ist eine tote Partei, ein Zombie, der spätestens nach den kommenden Wahlen für immer verschwinden wird. Bei Tsipras ist noch nicht einmal mehr der Ansatz eines aufrechten Gangs erkennbar, der macht nur noch Bücklinge. Viele Griechen haben eine Riesenwut auf ihn. Vermutlich erkennt bald jeder, dass der Austritt aus dem Euroraum der einzige Weg gewesen wäre, die griechische Wirtschaft langfristig wieder voranzubringen und den letzten Rest an nationaler Ehre zu verteidigen. Man lese dazu nur mal die neueste Wutschrift von Mikis Theodorakis, dem wohl bekanntesten lebenden Griechen. Eigentlich wollte sich der 90-jährige für den Rest seines Lebens nicht mehr äußern zur Landespolitik, aber das ging nicht - die Verzweiflung über die aktuelle Lage des Landes war am Ende mächtiger. Er redet von der Stunde null und von einer Menschenfront des Kampfes gegen das bestehende System. Ob das passieren wird, kann man bezweifeln, aber es sieht auf jeden Fall sehr düster aus für Griechenland.
karend 17.05.2016
3. .
"Griechenland hofft auf Geldfluss aus Mega-Pipeline" = den Steuerzahlen (konnte nicht widerstehen) Gut, dass endlich neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
eagle29 17.05.2016
4. Geopolitik
Warum muss Griechenland unbedingt im Euro/in der EU bleiben? Hier haben wir eine bislang unbeachtete Antwort drauf.
viceman 17.05.2016
5. man sollte diesen
eu-kommissar beim wort nehmen und ihn -spätestens 2020 - an diese großspurigen versprechen erinnern... denn. die investierten 45 mrd. müssen ja irgendwie wieder herauskommen, da ist nix mit niedrigeren ölpreisen o.ä. -noch dazu bei dieser menge transitländer, die alle etwas abgreifen wollen. da braucht es wahrscheinlich nur einen schultaschenrechner , um festzustellen, daß der typ unsinn von sich gibt!
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