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Trigema: Nach alter Väter Schule

Foto: Felix Kästle / DPA

100 Jahre Trigema Oberaffenuncool

Seit 100 Jahren näht Trigema im schwäbischen Burladingen T-Shirts, Unterwäsche und Oberbekleidung. Eigentlich macht der Familienbetrieb alles, was in der heutigen Zeit als gut und richtig gilt - nur eben keine modischen Klamotten.

Schon die Wahl der Adresse zeugt von Selbstbewusstsein. Mall of Berlin am Leipziger Platz, dritter Stock mit Blick auf das Atrium, mit den Moderiesen Zara, H&M oder C&A in unmittelbarer Nähe. Das hauptsächlich in Weiß gehaltene Ambiente ist maßgeschneidert und nicht, wie bei anderen Läden aus der Serienproduktion, von Messebauspezialisten. Stilvoller sind die Geschäfte von Tommy Hilfiger oder Hugo Boss im Erdgeschoss auch nicht eingerichtet.

Mit den Etablierten der Branche kann Trigema schon lange mithalten. Genau genommen sind es inzwischen 100 Jahre. Am 26. Oktober feiert die Unternehmerfamilie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern Jubiläum.

Gesicht, Kopf und Herz der Firma ist Wolfgang Grupp, der gern in Maßanzügen auftritt und mit dem obligatorischen Einstecktuch und der regelmäßig zu breiten Krawatte etwas aus der Zeit gefallen wirkt. Er gibt sich redlich Mühe, den Eindruck eines Patriarchen zu erwecken, duldet aber, dass seine Kinder und seine Frau ihm in Interviews in aller Öffentlichkeit widersprechen und auch durchaus scharfe Kritik äußern. Man erzählt von lautstarken Auseinandersetzungen mit den Angestellten, doch es bleibt der Eindruck, dass man vor diesem Patriarchen keine Angst haben muss. Die allermeisten der inzwischen rund 1200 Angestellten jedenfalls sind schon viele Jahre im Betrieb.

Trigema-Laden in Berlin: Stilvoll wie bei Hugo Boss

Trigema-Laden in Berlin: Stilvoll wie bei Hugo Boss

Foto: Michael Kröger / DER SPIEGEL

Konzentration auf das Kerngeschäft

Auch sonst hat Grupp eigentlich alles richtig gemacht. 1969 drängt er seinen Vater aus der Geschäftsführung, der mit einer großen Expansionsoffensive mächtig Schulden angehäuft hat und nach Überzeugung des Juniors in die Sackgasse zu geraten droht. Er verkauft, was nicht zum Kerngeschäft gehört, und konzentriert sich auf das, was er kann: Wäsche nähen aus Stoffen, deren Herkunft und Herstellung ihn mehr interessiert als ihr Design.

Seinen Kunden fühlt er sich nahe mit seiner Betonung eher konservativer Werte. Das hindert ihn jedoch nicht daran, sich über die vermeintlichen Regeln der Branche hinwegzusetzen. Wo seine Mitbewerber jede Bedingung akzeptieren, um ins Sortiment der damaligen Kauf- und Versandhausmagnaten wie Karstadt oder Quelle aufgenommen zu werden, verzichtet Grupp auf Anschlussverträge, sobald die großen Händler die Preise drücken wollen. Und während die anderen in Pakistan oder Indien nach Lieferanten suchen, investiert er in seine Näherei in der schwäbischen Provinz. Das 12.000-Einwohner-Städtchen Burladingen, einst eine Metropole der Textilindustrie mit mehr als hundert Betrieben, ist heute praktisch Trigema-Town.

Das Label "Made in Germany" war Grupp immer ebenso wichtig wie der Handschlag unter Kaufleuten, ganz gleich, ob es sich bei den Partnern um Mr Horten oder eben die Aldi-Gründerfamilie Albrecht handelte. Er belieferte den Selbstbedienungsgroßhandel ebenso wie die Discounter. "Ich habe noch nie gesagt, das ist nicht fein genug." Dass Trigema dank eines Großauftrags von Aldi Ende der Achtzigerjahre 36 Millionen Umsatz machte, erzählt der Hobbyjäger heute noch gern.

Billiges Benzin als Lockmittel

Doch auch bei den Discountern wurde der Preisdruck mit der Zeit immer größer. Deshalb entschied Grupp 1984, den Handel in die eigenen Hände zu nehmen. Mit einer ersten Niederlassung im Allgäu, ganz in der Nähe seines Jagdsitzes, den Grupp stets mit Liebe pflegte.

Inzwischen vertreibt das Unternehmen die Hälfte seiner Waren selbst, in insgesamt 45 Filialen bundesweit, die die Familie Testgeschäfte nennt. Nur wenige liegen in repräsentativen Lagen, wie der Mall of Berlin, die meisten eher abseits, am Rande von Urlaubsgebieten. Als Lockmittel dienen Tankstellen mit Niedrigstpreisen, die Grupp vor den Outlets errichten lässt.

15 Prozent seiner Kleidung verkauft Trigema mittlerweile im eigenen Onlineshop, 35 Prozent an Besucher seiner Filialen, an Einzelhändler oder direkt an Firmen, die Mitarbeiterkleidung benötigen. Der Rest geht an Großabnehmer.

Der Umsatz stieg zuletzt um 1,2 Millionen auf 101,6 Millionen Euro. Und nach Auskunft von Grupp rechnet es sich: Weniger als zehn Prozent, so ließ es der Patriarch jüngst in einem Interview wissen, würde er nur ungern übrig behalten.

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Trigema: Nach alter Väter Schule

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Zum Erfolg der vergangenen Jahre trug ohne Zweifel auch der Zeitgeist bei, der die angestaubte Trigema-Welt vor dem Hintergrund von Klimawandel und Ausbeutung in ganz neuem Licht erscheinen ließ. Regionale Produktion, faire Löhne und Sorgfalt gegenüber der Umwelt gelten wieder etwas. Und nur wenige Unternehmen können diese Werte glaubwürdiger vertreten als Trigema.

Unter solchen Bedingungen wären nicht einmal die hohen Preise ein Hindernis für weiteres stürmisches Wachstum. Ein T-Shirt mit rustikalem "Wild Desert"-Aufdruck etwa kostet im Onlineshop von Trigema immerhin 36,50 Euro, ein klassisches Polohemd aus Biobaumwolle 55 Euro. So viel verlangen auch Herrenausstatter wie Hugo Boss oder Tommy Hilfiger.

Eigentlich keine Mode

Modediscounter wie H&M verlangen für ähnliche Mode nicht einmal ein Viertel dieses Preises. Mit den agilen Riesenkonzernen wiederum kann Trigema nicht nur beim Preis nicht mithalten, sondern auch in Sachen Mode: "Trigema macht eigentlich keine Mode, sondern Anziehsachen", sagt Peter Frank vom auf den Handel spezialisierten Unternehmensberater BBE. Das Unternehmen habe weder den Anspruch, Modefirma zu sein, noch aktuellen Trends zu folgen.

Pech auch für Grupp, dass viele Kunden, die sich bei den großen Mode-Discountern einkleiden, zwar der Nachhaltigkeit das Wort reden, aber immer noch zurückzucken, wenn es darum geht, den Preis dafür zu bezahlen. Zumal die Billiganbieter längst Stücke in ihrem Sortiment haben, mit denen man sein Gewissen beruhigen kann.

So bleibt der Grupp-Familie zunächst wohl nur die angestammte Klientel erhalten. Finanziell solide Kunden, die modischem Schnickschnack ohnehin eher skeptisch gegenüberstehen.

Womöglich hilft ja eine kleine Revolution, wie sie Grupp 1969 anzettelte und die Firma anschließend neu aufstellte. Tochter Bonita und Sohn Wolfgang junior stehen schon bereit. Die beiden arbeiten in verschiedenen Bereichen des Unternehmens und kennen sich bestens aus. Der Senior schließt zwar eine Doppelspitze aus, doch er weiß selbst, dass er im Ernstfall nicht das letzte Wort hat. Trigema jedenfalls könnte durchaus noch einige Blütejahre vor sich haben.

Mit Material von dpa
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