Rally trotz Coronakrise Der Börsen-Wahnwitz

Die Aktienkurse haben sich von der wirtschaftlichen Realität entkoppelt. Bei vielen Unternehmen steigt der Börsenwert, obwohl sie gar keine echten Krisengewinner sind. Wie lange kann das gut gehen?
Händler an der New Yorker Börse: Irgendwo muss das Geld ja schließlich hin

Händler an der New Yorker Börse: Irgendwo muss das Geld ja schließlich hin

Foto: Bryan Smith/ DPA

Wer in diesen Tagen auf den Dax blickt, könnte den Eindruck gewinnen, die Coronakrise sei längst vorbei. Zwar ist das wichtigste deutsche Börsenbarometer ein gutes Stück entfernt von seinem Rekordhoch Mitte Februar dieses Jahres, aber seit seinem Tiefstand Mitte März hat es wieder um gut 20 Prozent zugelegt.

In den USA war die Erholungsrallye noch wahnwitziger: Der Nasdaq-Index, der die 100 wichtigsten Tech-Firmen umfasst, hat den Crash so gut wie hinter sich gelassen, er ist nur noch wenige Prozent von seinem Rekordhoch Ende Februar entfernt.

Damit haben die Aktienmärkte das geschafft, wovon wohl nur optimistische Investoren vor wenigen Wochen zu träumen wagten: die V-Erholung, der schnelle Aufstieg nach dem kurzen steilen Absturz. Dabei sieht doch die wirtschaftliche Realität eher wie ein U aus - und selbst das scheint noch optimistisch gerechnet, angesichts der verheerenden Nachrichten aus den Wirtschaftszentren der Welt:

  • In den USA ist die Arbeitslosenquote auf 14,7 Prozent gestiegen, das ist der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit Mitte März haben insgesamt rund 36,5 Millionen US-Bürger Arbeitslosenhilfe beantragt.

  • Die EU-Kommission rechnet in ihrer aktuellen Frühjahrsprognose für das Jahr 2020 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung innerhalb der EU von rund 7,4 Prozent. Europa erlebe einen "ökonomischen Schock, wie es ihn seit der großen Depression nicht gegeben hat".

  • Chinas Wirtschaft berappelt sich nur äußerst langsam, nachdem viele Beschränkungen gelockert wurden. Laut einer Umfrage der deutschen Außenhandelskammer sind globale Lieferketten noch immer unterbrochen.

All das passt so gar nicht zur zeitweise euphorischen Börsenentwicklung. Deshalb anzunehmen, dass Investoren rund um den Globus einfach zu blind seien für die Risiken, ist aber womöglich zu kurz gedacht. Denn es gibt einen simplen Grund, warum Aktienkurse so stark steigen: die Geldpolitik der Zentralbanken. Schon seit Jahren pumpen sie Billionen-Summen in die Wirtschaft. Ausgelöst durch den Corona-Crash schwoll die Geldflut noch weiter an. Die Mittel von Fed (USA), EZB (Eurozone) und anderen Notenbanken sind praktisch unbegrenzt.

Hinzu kommt: Auch die Politik hat beispiellose Rettungsaktionen für die Wirtschaft gestartet. Die Bundesregierung etwa stellt Hilfskredite, Garantien und Fonds im Umfang von mehr als einer Billion Euro zur Verfügung. Die USA haben ein Hilfspaket von mehr als zwei Billionen Dollar geschnürt. All das wird die Staatsschulden weiter erhöhen - und damit auch den Druck auf die Zentralbanken, die Zinsen niedrig zu halten.

In solch einer Phase fühlen sich gerade Großanleger dazu gedrängt, in riskantere Wertpapiere wie Aktien zu investieren - wegen der niedrigen Zinsen gibt es dazu kaum Alternativen. Irgendwo muss das Geld ja schließlich hin.

Aktien werden immer teurer

Doch eine Börsenrallye, die allein durch Liquidität ausgelöst wird, steht auf wackeligem Grund. Es besteht die Gefahr, dass sich die Kursentwicklungen dauerhaft von der Realwirtschaft abkoppeln. Investoren kaufen einfach weiter Aktien, selbst wenn die Gewinne der Unternehmen massiv sinken.

Genau das passiert schon jetzt: Aktien, die im US-Leitindex S&P 500 enthalten sind, werden mit dem 22-Fachen ihres für 2020 erwarteten Gewinns bewertet. Damit liegt das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis des Indexes weit über dem langjährigen Durchschnitt von 16. Aktien sind also deutlich teurer als vor der Krise, obwohl die Kurse noch immer unter dem Rekordniveau von Mitte Februar liegen.

Doch nicht jeder in der Finanzbranche hält das für besorgniserregend. Anlagestrategen der US-Großbank JP Morgan etwa gehen davon aus, dass die Kurse weiter steigen könnten, selbst wenn die Gewinne 2021 unter dem Niveau von 2019 liegen sollten. Ähnlich sehen das die Banker von Goldman Sachs: Der Markt nehme nun mal die Entwicklung der nächsten zwei Jahre vorweg. "Anleger sollten auch die erwartete Erholung im nächsten Jahr berücksichtigen", empfehlen sie in einem Rundschreiben.

Wo die Gewinne noch stimmen

Doch es gibt auch einige wenige Unternehmen, bei denen robuste Geschäftsmodelle den Aufwärtstrend an der Börse untermauern. In den USA gehören Technologie- und Internetunternehmen dazu, die unter der Coronakrise kaum leiden. Die sogenannten FANG-Aktien (Facebook, Amazon, Netflix und Google) entwickelten sich zuletzt ordentlich.

Einige Pharmaunternehmen konnten das sogar noch toppen. Der Kurs des Medizintechnikkonzerns Dexcom etwa hat sich seit dem Tiefpunkt am 20. März nahezu verdoppelt. Das Unternehmen verzeichnet eine höhere Nachfrage nach seinen Glukoseüberwachungsgeräten, da Diabetiker wegen der Pandemie verstärkt zu Hause bleiben, statt ins Krankenhaus zu gehen. Auch Papiere der Biotechfirma Seattle Genetics legten kräftig zu, weil mehrere Krebsmedikamente der Firma zugelassen wurden.

In Deutschland hingegen ist es schwer, echte Krisengewinner ausfindig zu machen. Die deutsche Börse profitierte etwa von den durch die Corona-Pandemie ausgelösten Marktturbulenzen, weil mehr Aktien gehandelt wurden. Genauso konnte überraschend die Deutsche Post ihren Umsatz steigern, weil die Menschen mehr Ware im Internet bestellten.

Doch noch immer wird der Dax von klassischen Industriekonzernen dominiert, sie alle litten extrem unter der Krise. Der Wert des Triebwerkeherstellers MTU und des Luftfahrtkonzerns Lufthansa haben sich seit den Höchstständen vom 19. Februar mehr als halbiert. Weil abgesehen von SAP große Technologiekonzerne fehlen, dürften sich die deutschen Aktienmärkte auch in Zukunft deutlich schwächer entwickeln als in den USA. Zumindest in dieser Hinsicht bilden die Märkte also noch die wirtschaftliche Realität ab.